Patrick Rabe

Jesus, Maria, Johannes

Jesus, Maria, Johannes

 

Als er am Kreuz hing, sah er sie

dort weinen bitterlich,

und sah auch ihn, wie er sie hielt,

vereint, wie zwitterlich.

Und sprach: „Verlor’ne Kinder ihr,

so seid denn eins zur Zeit,

vereinet euch aufs Neu‘ mit mir

dann in der Ewigkeit.“

 

Und sie, weil sie ihm ähnlich war

in ihrer dunklen Seele,

und er, weil er ihm ähnlich war

im Seh’n des Lichts: Vermähle

dies Mutter-Schwester-Bruderpaar,

bis Vaterliebe kommt,

und sich der Bräutigam auswählt,

was ihm am Ende frommt.

 

Und sie und er, sie reisten fort,

durch Länder und Äonen,

mal fielen sie, mal liebten sie,

mal durften sie auch thronen.

Doch sie tief drinnen wusste es:

Am End‘ bin ich allein,

wenn nicht der König mich erwählt,

und ich darf bei ihm sein.

 

Dann wurden alle sie getrennt,

und in den Wind zerstreut,

der Hirt geschlagen, und manch Schaf

hat es danach bereut,

ihm überhaupt gefolgt zu sein

auf jenen dunklen Wegen,

denn er war Licht, doch ohne ihn

gab nirgendwo es Segen.

 

Und nach Äonen, Zeiten, Jahren,

traf dort Johannes ein,

und sprach zu ihr: „Darf ich heut Nacht

dein Freund und Liebster sein?“

Sie lächelte: „Ein Kind bist du.

Du bist es stets geblieben.

Wie willst du ohne Dornenkranz

die Schmerzensreiche lieben?“

 

Doch sie hielt ihren Mantel auf

und er fiel tief hinein,

und durfte, als die Nacht fortschritt,

geborgen bei ihr sein,

und als der wahre König kam,

sah er sie an im Zorn,

doch zog den Splitter ihr heraus.

Johannes war der Dorn.

 

 

© by Patrick Rabe, 31. Mai 2021, Hamburg.



Dieses Gedicht bezieht sich auf die Stelle im Johannesevangelium, wo Jesus am Kreuz eine Verbindung herstellt zwischen seinem Jünger Johannes und Maria, um sie beide zu trösten. Offenbar handelt es sich hier um Maria, die Mutter von Jesus. Für mein Gedicht verdanke ich allerdings viel der katholischen Marienmystik, die etwas freilassender ist, als das typisch protestantische, das dazu neigt, immer alles aus der Bibel auf eine, unverrückbar richtige Lesart festschreiben zu wollen. Maria als Sinnbild für das Weibliche (sprachlich verwandt mit "Mare", das Meer) ist hier sozusagen ein Gegensatz zu Eva (oder Chava), der "Erde" oder "Erdverbundenen". Dass es im Neuen Testament viele marien gibt, ist sicherlich ein Hinweis auf etwas. Unter anderem auf die seenreiche Gegend, in der Jesus unterwegs war, was ihm sehrwichtig gewesen sein wird nach seiner zehrenden, aber erleuchtenden Wüstenerfahrung. nach jerusalem zu gehen, und dort zu predigen, war ein Risiko gewesen. Unter anderem, weil es dort keine Wasserquellen gibt in dem Sinne, wie Jesus sie zum Ausgleich und zum Kraftschöpfen brauchte. Nicht umsonst ruft er am Kreuz nach "Eli", was sowohl eine Abküzung für "Elohim" (ein Name Gottes undder ihm zugesellten Engel), als auch ein Wort für "Wasser" sein kann. Der Name Johannes enthält sozusagen das Wort "Chava" "Erde" in einer nach "Channa" (Erdwasser, auf der Erde fließendes Wasser) umgewandelten Form. Es ist ein Symbol für die Eucharistie. Die Akzeptanz des Dornenkranzes, also des Leidens, ist allerdings Voraussetzung dafür, das man in die ganze Mystik eintreten kann. Ansonsten bleibt sie "wässrig". Allerdings geht das nur in Lebensdemut, und nicht etwa unter Vorsatz. Und nach Möglichkeit auch nicht, indem man jemanden "bluten lässt", sondern, indem man die Striemen des Lebens empfängt, und sie sich "am eigenen Leibe" in lebendiges Wasser verwandeln dürfen, das auch für andere sprudelt. Das Weibliche leidet meist leiser als das Männliche, gerade dann, wenn es tief getroffen ist. Es erfordert ein offenes, mitleidefähiges Herz, eine solche Maria nicht noch mehr zu verletzen. Daher soll mein Gedicht auch mehr mystisch-poetisch verstanden werden, als als religlös verbindliche Aussage.

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