Patrick Rabe

Wen die nahe Nacht neckt

Wen die nahe Nacht neckt

 

Ein kleines bisschen näher, komm doch näher…

am Himmel im Azurblau kreist ein Häher,

und du sagst, „S‘ist zu früh, zu viele Seher

sind schon Voyeur geworden oder Stasi-Späher.“

 

Und auch die Nacht trägt heute feierlich Azur,

die Warner sagen: „Sie ist eine Hur‘“,

doch ich trink noch ein Glas und stell‘ die Uhr,

die Seele lebt, kein Zwifel Nachgebur.

 

Oh ja, ich falle, und nackt fällt sie mit mir,

und tief stoß ich in sie mein wildes Tier,

ein Aschehauch umweht mich, ich verlier‘,

und sie verliert und wird zu Dosenbier.

 

„Ich war zu jung.“, sagt sie, und lächelt schelmisch-nett,

wir teilen beide Franzbrötchen im Bett,

sie ist die Königin, und sie ist nicht kokett,

kein Kopf liegt morgens auf dem Frühstücksbrett.

 

So schwarz sind ihre Haare, wie die Nacht,

die sie ins Leben vieler hat gebracht,

doch ich find‘ Nächte schön, ihr Atmen sacht,

hab mit der Nacht der Nächte schon die Nacht verbracht.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 2. Juni 2021, Hamburg.

 

„Ist Zwifel Herzen nachgebur, dasz muss der Sele werden sur.“ („Wenn der Zweifel der Nachbar des Herzens ist, muss das der Seele sauer werden“ ist der Anfang des „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach)

"Ich war zu jung" bezieht sich auf die Zeile "I did'nt realize how young you were" aus "Sooner or later" von Bob Dylan, die "Franzbrötchen im Bett" auf seine "Spice buns in bed" aus "Foot of pride", von denen ich beim Hören des Liedes auch manchmal denke, dass es "Spice bums" (Gewürzschlampen) heißen kann, quasi "Spice Girls". Ich glaube, dass dieses "Spice buns" wieder eine zensierende Falschschreibung für den verklemmten, amerikanischen Markt ist. "Spice bum" jedenfalls heißt wörtlich übersetzt "knackiger Arsch" (genau: "Pfeffer im Arsch") und in dem betreffenden Song bedeutet es "Er hatte ein paar knackige Mädchen im Bett." Das ist ja schon ein bisschen was anderes als "Er hatte ein paar knackige Franzbrötchen im Bett." (Was "Spice buns" wären.). Allerdings wären wir DANN wieder bei einem Querverweis zu Neil Youngs "Cinnamon Girl", dem "Zimtmädchen".

Der Kopf auf dem Frühstücksbrett bezieht sich auf Salome, Johannes den Täufer, und Salomes Wunsch an Herodes Antipas, seinen Kopf auf einem Silbertablett serviert zu bekommen.

 

Der Sommerhimmel am Nachmittag ist oft azurblau, ein tiefdunkles, sattes und volles Tagblau, das an das Blau mancher mondsatter, schwül-feuchter Sommernächte erinnert. Man kann beide Farben kaum auseinanderhalten. Das hatte ich im Sinn, als ich dieses Gedicht schrieb. Ich wollte es eigentlich „Numen navigare nocturnum“ bzw. „Nomen navigare nocturnum“ nennen, war mit aber unsicher, ob das überhaupt korrektes Latein ist. Und dann merkte ich plötzlich, dass ja auf sehr merkwürdige Weise Bob Dylans Song „Visions of Johanna“ mit den Worten anfängt „Ain’t it just like the night, to play tricks, when you’re tryin‘ to be so quite.“. („Ist es nicht das Wesen der Nacht, dich zu necken, wenn du versuchst, ruhig zu werden?“)… Und ich schmunzelte. Dass Bob Dylan ein Sprachgenie ist, ist allgemein bekannt. Aber offenbar suchte er, als er „Visions of Johanna“ schrieb, in einem Lateinbuch nach genau derselben Phrase wie ich hier, um das Verschwimmen von einer Frau namens Louise, die der Protagonist des Songs nicht haben kann, weil sie vor seinen Augen mit einem anderen schmust, mit einer Frau namens Johanna, an die er sich erinnert, und die beide im Wechsel von der Nacht in den frühen Morgen in seinem Geist zu einer werden. Und da ich ja weiß, dass Mr. Zimmerman auch ein bisschen deutsch kann, war ich recht verblüfft, als sich mir zeigte, dass dieser NNN-Dreier tatsächlich auflösbar ist auf „Wen die nahe Nacht neckt“. Also wirklich die wörtliche deutsche Entsprechung zu „Ain’t it just like the night, to play tricks…“. Vor wem soll man da niederknien? Vor Dylan und seinem Sprachgenie, oder vor dem, der es ihm nicht nur in die Wiege gelegt hat, sondern auch immer wieder offenbaren möchte, dass alles durch DAS WORT erschaffen wurde. Dass ich nun – fast 50 Jahre nach „Visions of Johanna“- ein Gedicht schreiben würde, das in dieselbe Richtung weist, jedoch nicht in einem lateinbuch nach einer NNN-Phrase suche, sondern im Internet… Moin, Bob… es geht gegen 6 Uhr Morgens. Grüß Joan, Jane und Jim Jones.

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