Patrick Rabe

Die Stadt/Talent und Flies

Die Stadt

 

Einer geht durch die Stadt und singt ein Liebeslied.

Ein Lied der Sehnsucht und der Erwartung der Liebsten.

Das Lied hallt von den Wänden wider und weckt die Schlafenden.

Der Liebende geht bis zum Ende der Straße und biegt in ein anderes Viertel ab.

Und dann erwacht die Stadt und gibt ihr Echo.

Ein Lied des Hasses.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 5. Juni 2021, Hamburg

 

 

Talent und Flies

 

„Es gibt zwei Dinge.“, sagte er, während er Kette rauchte

und auf seine alte Schreibmaschine einhämmerte.

„Talent und Flies.“

Ich beobachtete ihn.

Jedes seiner Worte schien prophetisch zu sein.

Die Altbauwohnung, in der er lebte,

atmete einen Duft von Rock `n Roll, Poesie und echtem Leben.

Motten schwirrten zum Fenster hinein

und über die Raufasertapete an den Wänden

krochen grünschillernde Fliegen.

Bei allem, was er sagte, hatte ich das Gefühl,

er wolle mir etwas ganz Wichtiges für mein Leben damit mitteilen.

Ich dachte einige Zeit darüber nach, was er wohl mit „Flies“ meinte.

Draußen ratterte ein Lieferwagen vorbei,

dem offenbar etwas von seiner Ladefläche fiel, als er über ein Schlagloch fuhr.

Durch das offene Fenster wehte ein angenehmer Duft von Marihuana.

Ich ließ mich auf die Stimmungen im Raum ein.

Eine der grünen Fliegen flog eine Zickzack-Linie

und krabbelte ihm kurz über die Wange.

Er scheuchte sie nicht weg.

Er nahm sie nicht einmal zur Kenntnis.

Nach weniger als drei Sekunden hatte die Fliege genug,

und schwirrte wieder zum Fenster hinaus.

„Ja“, sagte ich,

 da ich plötzlich das Gefühl hatte, die entscheidende Erleuchtung bekommen zu haben.

Sie schien unter anderem darin zu liegen, dass er ständig deutsche mit englischen Worten mischte.

„Ich verstehe.

Es gibt echte Talente, die dran bleiben,

und etwas aus ihrem Talent machen, so wie du,

oder eben ‚Flies‘.

Fliegen.

Eintagsfliegen.

Die kommen und gehen.“

„Nein.“, sagte er,

und drehte sich an seiner Schreibmaschine grinsend zu mir um.

„Nicht ‚Talent und Flies‘.

Talent und Fleiß.

„Wie spießig.“, dachte ich.

 

 

© by Patrick Rabe, 5. Mai 2021, Hamburg.

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