Patrick Rabe

In der Stadt, die (man) Hamburg heißt

 


Es war ein feines und sanftes Girl,

die wollte gern übers Meer.

Sie verliebte sich in `nen Matrosenboy,

oh ja, sie liebte ihn sehr,

und er sagte, ja, du kannst mit uns komm‘n,

du bist ja weitgereist,

und ich bringe dich sicher in die Stadt,

in die Stadt, die Hamburg heißt.

 

Doch als sie an Bord ging, da sagte er,

dass das nicht so einfach wär,

Matrosen, sie trinken hartes Zeug,

raufen, stinken nach Teer,

sie müsst‘ sich anziehn, wie ein Matros‘,

dann könnt‘ sie mit überfahr’n,

und sich der Stadt, die man Hamburg heißt,

gefahrenlos schon nah’n.

 

Und sie schlüpfte in das blaue Gewand,

und glaubte dem Liebsten blind,

doch er hatte den Kameraden erzählt

-wie Seeleute nun mal sind-

„Da kommt `ne Schöne an Bord, so’n Girl,

sowas habt ihr noch nie geseh’n,

sie will mit nach Hamburg überfahr‘n,

da könn‘ alle drübergeh’n.“

 

„Hätt sie nach Hongkong gewollt, New York,

oder nach Winsen nur,

hätt‘  ich sie hingeführt, ohne Sold,

doch sie ist wohl `ne rechte Hur‘,

sie zieht sich in Sex und Sieben an,

ihre Jacke ist stets blau,

drum, wenn ihr sie hört, dann geht hinein,

und macht sie auch euch zur Frau.“

 

Als die Matrosen die Nachricht hörten,

da waren sie außer sich,

und mit der ganzen Mannschaft dann

rutschten sie liderlich

über das Girl, das nach Hamburg wollt‘,

„Jeder nimmt sich, soviel er kann!

Nur sagt es mal bloß dem Käpt’n nicht,

denn der ist ein guter Mann.“

 

Und sie weinte in Sechsundsieben oft,

und wünschte zurück ihr Kleid,

verfluchte das blaue Matrosengewand,

in dem die Seeleute sie gefreit,

und der Kapitän, er hörte oft

ihr trauriges, zitterndes Wein‘

da fasste er sich eines Tags ein Herz,

und ging gleichfalls zu ihr ein.

 

Er sagte: „Du bist doch mein erster Maat,

hast `ne Stimme, so wie `ne Frau.

Sie tun dir was an, diese Saufkumpane,

das merke ich doch genau.

Du ziehst dich in Sechs und Sieben um,

und niemals in Acht und Neun,

ich bin sicher, sie gehen dir an den Arsch.

Doch ich, ich bin nicht so’n Schwein.“

 

Da lächelte sie, sprach: „Du hast fast recht,

und du bist auch ein guter Mann,

doch stürmen die Wellen, dann sieht man schlecht,

man sieht nur noch, was man kann,

ich zieh mich in sex und sieben um,

meine Jacke, die ist blau,

doch wenn ich sie auszieh – willst du seh’n?-

dann bin ich eine Frau.“

 

„Dein Steuermann hat mich an Land gefreit,

und gesagt, dass er mich liebt,

er hat mir von Hamburg sehr viel erzählt,

dass es da was Schönes gibt,

ich soll’t mir Matrosenkleider leih’n,

und mitfahren übers Meer,

da machte ich, was mein Schatz gesagt;

alle fielen sie über mich her.“

 

Und als der Käpt’n die Nachricht hörte,

 da war er außer sich,

er rief die Mannschaft komplett zusammen,

und sprach: „Ihr seid widerlich!“.

Doch ob auch der Käpt’n bei ihr lag,

das bleibt ein Geheimnis meist,

es enthüllt sich an Land, am hellen Tag,

in der Stadt, die man Hamburg heißt.

 

 

© by Patrick Rabe, basierend auf dem amerikanischen Traditional „Cannadee I-O“, der wiederum auf dem irischen Folksong „The handsome cabin boy“ beruht.

 

Im Original tragen dann der Kapitän und das Mädchen beide wieder blau (weil Blau dann für sie nicht mehr nur eine warme, sondern auch eine gute Farbe ist.).  Es gibt Versionen, in denen vorsichtig gesungen wird „Und wenn auch die Matrosen alle Schweine war’n, so hat doch der Käpt’n sich wohl als vertrauenswürdig herausgestellt…“, fast mit einem Fragezeichen versehen. Ich kenne nur die Version von Bob Dylan, wo er, wie im Originaltext, mit sicherer, fröhlicher Stimme singt: „The captain, he sure has proved true.“. Aber Dylan hat halt auch den Vorteil, dass er Shakespeare und dessen Stück „Was ihr wollt“ gut kennt.

(Übersetzt im Juni 2021)

 

 

Ein Shipman ist noch ein bisschen was anderes als ein Chipman. Das ist dann allerdings eher kein Matrose im Fein-Ripp-Hemd mehr, sondern eher Jack the Ripper mit auf’m Schipper. Also eigentlich fast schon ein Chapman („Abschlachter“, etymologisch übersetzt „Kurz-und-Klein-Hacker mit einem stumpfen Schlachterbeil“). Es ist dann natürlich auch der „grim reaper“ (der grimmige Schnitter“ oder Sensenmann), den Keith Richards mal im Scherz den „Cream reaper“ nannte (den Sahneschnitter). Dieser Typ ist derselbe, den die Stones auch schon mal den Midnight Rambler nannten. Auch Bob Dylan hat ihn schon besungen, aber ohne Musik. Nämlich in einer Kurzgeschichten-Aneinandereihung namens „Black Night Crash“, die von Carl Weissner mit „Mitternächtlicher Stunk“ übersetzt wurde, was aber einer eigentlich “Lautes Krachen in der dunkelsten Nacht“ übersetzt werden muss. Mit Sicherheit meint Dylan damit den Schuss der Bugkanone des Schiffes mit acht Segeln aus dem Lied „Die Seeräuber-Jenny“ von Bertold Brecht, ein Lied, das ihn Anfang bis Mitte der 1960er sehr beschäftigte. Er verknüpfte es in seinem Lied „When the ship comes in“ mit dem Folksong „I saw three ships come sailing in“, der in England, und in der Version, die Dylan von seinen Eltern kannte, als hoffnungsvolles Weihnachtslied durchgeht, der aber in Amerika – besonders von den Ureinwohnern-  eher auf Columbus und seine drei Schiffe gedeutet wird, die auch nur vordergründig Gutes brachten und dann den Weg ebneten für Pizarro und Cortez, die unter den Inkas und Mayas Blutbäder anrichteten. Dylan, ein durch und durch europäisch sozialisierter und denkender Mann und Fan der „Dreigroschenoper“ , rang in seinem Inneren mit seiner Sympathie für die Underdog-Figur der Seeräuberjenny, die, als die Piraten landen und sie, die immer „in einem lumpigen Hotel“ Putz-und Tresendienste machen musste, zur Königin machen und sie fragen, „wer nun sterben muss“, sagt: „Alle!“, die korrespondierte und sich biss mit seiner Liebe zu dem christlichen Originalbild des einfahrenden Schiffes („Es kommt ein Schiff, geladen…“) mit den Zeilen „Das Segel ist die Liebe, der heilig‘ Geist der Mast.“. In „When the ship comes in“ versuchte er den aus meiner Sicht gelungenen Spagat, diese beiden Songs – und auch diese beiden Schiffe- als einen und eines zu zeigen. Denn, wer sowohl die Seeräuber-Jenny, als auch den Kapitän des Schiffes kennt, wird beide nicht verraten wollen. Das tun immer nur die Matrosen und die Einwohner der Stadt. Die Matrosen, weil sie sich von dem Gewand der Braut täuschen lassen, und die Einwohner der Stadt, weil sie Jenny nur als „Tresenschlampe“ kennen, und von dem, der in seinem Bett liegt, und „den Schuss“ der Bordkanone eben doch hört, womöglich gar nichts wissen.

 

(…nicht unwichtig ist aber auch der Matrose, der sie unter falschem Vorwand mit an Bord brachte.)

 

 

© by Patrick Rabe, Mai 2021, Hamburg

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