Patrick Rabe

Sta(d)tt Staat und ich (eine Hommage an "L`etat e moi")

Sta(d)tt Staat und ich

 

(oder die optionale Alternative. Aber nur, wenn sie möchten. Peng! Zu spät entschieden.)

 

 

Ich habe Angst, dass man mein Gehirn umstrukturiert.

 

In den Zimmern von Freunden, und den Zimmern von Freundinnen.

 

Die erschreckender Weise plötzlich alles Nazis sind.

Was sie wohl früher schon waren.

Nur, dass sie es damals noch nicht so laut gesagt haben.

 

Heute behaupten sie, dass damals, in den 90ern,

die heute zwanghaft nur noch als 1990er bezeichnet werden,

die Gehirnwäsche noch wirkte,

die man gemeinhin als Entnazifizierung der Amerikaner bezeichnet.

Und dass damals schon Scientology und der KGB dahintersteckten.

 

„In den USA heißt das CIA.“, höre ich mich sagen.

I’m beginnin‘ to hear voices, and there’s no one around.

Ich stelle die Wanze in meinem Rauchmelder ab.

 

Jetzt höre ich den Fernseher in der Nachbarwohnung wieder in voller Lautstärke.

Die Filme dazu stelle ich mir selber vor.

Toll. So spart man Geld für Hörbücher.

 

„In den USA heißt das CIA, FBI und NSA“, höre ich mich denken.

„Oder ist die NSA in Wirklichkeit die NASA und es sind schon überall Außerirdische?“

 

Recht zu haben ist nicht schwer.

Wie mein neues Poster, auf dem was drauf steht.

„Baut eine Mauer um mich herum,

und setzt mir eine Maske auf.

Fügt keine Worte zu bestehenden Gedichten hinzu.“

 

Das Poster habe ich mir selbst gedruckt.

Das ist schon der Unterschied zu Distelmeyer.

Der hat seins noch gekauft.

 

Und dann gedacht:

„Scheiße, The wall.

Man wird die Mauer nicht los.

 

Und `ne Kreismauer ist wie eingekreist werden

Und `ne Kreißsäge, die durch die Wand des Kreißsaals bricht,

und die Ärzte, die Mutter, das Kind und den Vater

in einem freudigen Massaker zersägt,

dass die blutigen Klumpen und Einzelteile nur so gegen die gekachelten Wände fliegen,

ohne, das eine Hand die Säge führt, und ohne, dass jemand Schuld ist.“

 

„Dieses Verbot haben sie sich selber gedruckt.“,

schreibe ich auf mein nächstes Poster,

und kleistere es mit meinem radioaktiv verseuchten Speichel an die Wand.

 

Kurz überlege ich, ob ich das denn wollen würde.

Mit einer Kreißsäge in einen Kreißsaal rennen,

und den Kreis, den Ring und die Mauer

mit einem Kreissägenmassaker durchbrechen.

Ich zucke die Schultern und verneine es.

Unter anderem, weil ich Sex mit dem Brunnengirl aus „The Ring“ haben will.

Und in einem Kasten wohne.

Nicht in einem Ring.

 

Distelmeyer wollte sich wahrscheinlich auch

keine Knarre kaufen,

und in den Innenstädten Amok laufen.

Er fühlte sich nur so.

Und das ist etwas anderes.

Aber ja.

Jeder geschlossene Raum ist eine potenzielle Coronahöhle.

Aber wenn man das Fenster aufmacht,

fliegen die Viren da hinein.

 

Ich habe Angst vor Verbotsschildern.

Vor allem fürchte ich mich vor dem Verbotsschild

„Onanieren verboten!“

Ich habe Angst, dass es irgendwann irgendwo

An irgendeiner Ecke herumstehen wird,

und ich dann nicht weiß, ob der Staat es da hingestellt hat,

oder ob irgendwelche Spaßvögel

in einer Nummernschildwerkstatt

es selber hergestellt haben,

und dann da aufgestellt haben,

als Ortsschild von Wichshausen.

 

Und dann denke ich:

Könnte ICH doch mal machen.

Eine Stadt bauen voller Bordelle,

mit ganz vielen Postern von nackten Frauen und Männern,

die überall rumhängen,

die Stadt offiziell als neue Siedlung namens „Wichshausen“ im Grundbuch eintragen lassen,

und als mein eigener Spießer

dann ein Schild noch vor das Ortsschild hinstellen,

auf dem steht „Onanieren verboten“.

 

Und ganz klein darunter:

 

„Unbenutzte Kondome im Dreierpack  NUR 500 Euro, erhältlich im Supermarkt da um die Ecke, und dann dort in DIE Straße rein, neben dem da.

 

Wenn sie Fragen haben, kaufen sie sich bitte unsere kostenlose Stadtapp

 im Handy oder Smartphone ihres besten Freundes,

der das dann illegal von der Steuer absetzen kann.

 

Evangelische, katholische, satanische und hinduistische Gottesdienste

im Moment wegen des großen Andrangs im Privatklo

von Michael Schmidt-Salomon.“

 

Dann habe ich bestimmt niemanden in seinem Kaufverhalten beeinflusst,

keinen neuen Kapitalismus begründet,

und mich nicht gegen meine eigenen Werte entschieden.

 

Angeblich gibt es ja keinen freien Willen und kein Ich.

Das Gehirn funktioniert völlig von selbst,

und produziert Abläufe von bioelektrischen Impulsen,

die überhaupt keine Absichten haben.

Dann habe ich auch keine Schuld,

wenn ich mir eine Kettensäge kaufe und damit

eine frischgebackene Familie im Kreißsaal auseinandersäge.

 

Die Familienpolitik der CDU stört mich sowieso schon seit langem.

Da habe ich als Single nichts von.

Und ich will mich auch nicht dazu zwingen lassen, eine Familie zu gründen,

um das Bruttosozialprodukt in die Höhe zu treiben.

 

Ich will mich zu überhaupt nichts zwingen lassen.

 

Ich dachte immer, Deutschland wäre eine Demokratie.

 

Ich nehme die Kette ab, die mich mit einer eisernen Vorhangs-Fußfessel

an die Vermutungen  meiner Nachbarn kettet,

ich sei ein Triebtäter auf freiem Fuß,

baue mir daraus eine Kettensäge,

einen Kreißsaal

und eine Sprachbarriere,

eine Spreachentleere,

die ich selbst durchbreche,

indem ich einen sabbernden Behinderten im Rollstuhl

da durch donnere,

und ihn ins Ozonloch kippe.

 

Dadurch verhindere ich auch eine Sprachvermehre.

 

Die Sprachen „Esperanto“, „Kauderwelsch“, „Volaplük“ und „Nonsens“ werden ersatzlos gestrichen.

Auf der Abschussliste steht außerdem „Grommolo“.

 

Man muss die Leute vor der Verblödung bewahren.

 

Sanuazuiel. Musalk, maroraeaielum. Dudastik. Sonionola. Jratzbenagung. Salunze.

 

Ich mache weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Ich mache weiter, als ob nichts gewesen wäre.

 

Ching, Ching! Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.

 

Ich baute mir Stadt Staat eine Mauer,

eine Lauer,

im lauen, lauschigen, nahezu blauen.

Und setzte eine Wanze darauf, die tanzen konnte.

Ein anders Blau?

Mit dir gerne.

Wenn du da bei mir geblieben wärest.

Bist du aber nicht.

 

Blau ist heute das neue Braun.

Und Eva benutzt einen Rasierapparat von eben derselben Firma.

Wernherr, was hast du getan!?

 

Ich bin Single.

Einer von vielen.

Kein Einzelfall.

 

Habe genug von Isolation.

Die mich in den Zwang treibt, mir selber Verbotsplakate- und Schilder zu drucken.

Und ich benutze mit Lust und voller Überzeugung Anglizismen.

Schon alleine, um Nazis zu provozieren.

 

I am my own Antithesis without having changed.

Support your local Schmerz.

Und kaufen sie nur noch da, wo sie etwas herkriegen.

Wenn sie dann auch noch das bekommen, was sie haben wollen, haben sie Schuld. Und Glück.

Denn irgendeiner kriegt es jetzt nicht.

Der steht jetzt als armer Irrer vorm Supermarkt und hat kein Klopapier.

Umso leichter, ihn als Asozialen zu verhaften, wenn er sich dann in die Hosen scheißt.

 

Isch komm in Ausland nisch mehr klar, seit isch nur noch Unterschischt rede, weißt?

Übberall in’t Ausland reden die au nur Ausländisch. Is dat nich scheiße?

Kann man nich die Israeli fragen, ob man da nich nach ihrem Vorbild,

so wie sie dat nach’n 2. Weltkrieg jemacht han,

hintern Gazastreifen noch `n neues Deutschland hinbauen kann,

wo nur Deutsch gesprochen wird?

 

Hääääää?

 

 

Ich habe Angst, dass man mein Gehirn umstrukturiert.

 

 

© by Patrick Rabe, Montag, 7. Juni 2021, Hamburg.

 

Dieses Gedicht ist eine Hommage an das Album „L`etat et moi“ von Blumfeld, eine der größten, deutschen Bands aller Zeiten. Und deren Sänger und Songwriter Jochen Distelmeyer. Du fehlst uns. Hangin‘ on to every word you said. Nicht, weil Worte Krücken sind. Aber manchmal das einzige, woran man sich noch klammern kann, wenn einen der Eiswind fast vom Dach des Hochhauses geweht hat. Und Trost. Und Liebe. Und ein Weltvertrau’n.

 

 

 

 

 

 

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