Patrick Rabe

Verrenken

 

Ich war dabei, mir eine Art von Sichtbarwerden,

die den Tod bezwingt, auszudenken,

da unterbrach mich dabei meine Mutter,

und meinte, ich sollte mich nicht so verrenken,

und ein bisschen was lernen,

dabei nicht so viel denken,

und ich sollte der Schule mehr Aufmerksamkeit schenken.

 

Ich war dabei, mir eine Art, es zu sehen,

die niemanden bezwingt, zuende zu denken,

da unterbrachen mich meine Lehrer,

und sagten, ich solle mehr Liebe verschenken.

Meine Haltung wär schlecht,

einen Kopf könnt‘ man henken,

und ich sollte mich doch nicht so furchtbar verrenken.

 

Ich war dabei, mir eine Art, loszugehen,

die jeden Weg bezwingt, auszudenken,

da unterbrach mich mein eig’nes Gewissen,

und sagte, Drachen müsse man lenken,

doch dann lenkte der Drache,

und die Schlange fuhr aus,

und es war irgendwie eine Art von Verrenken.

 

Und dann tauchte ich ein in ein Rauschen,

und ich tauschte berauschende Mittel,

und ich rauschte hinab in dem nächtlichen Drittel,

als der Rausch mir das Lauschen erlaubte,

und dann hörte ich Dinge, die war’n jenseits vom Rauschen.

 

Ich bin dabei, mir eine Art Antithese

zum Verschwinden zuende zu bauen,

und dann höre ich Schritte im Hausflur,

kann das Ende noch nicht erschauen,

und sie sagten von draußen:

„Deine Haltung ist schlecht!

Dürfen wir dich ein bisschen verrenken?“

 

 

 

© by Patrick Rabe, Do, 17. Juni 2021, Hamburg.

 

Nach dem Wiederhören von „L‘etat et moi“.  Die Anspielung mit dem Drachen und der Schlange bezieht sich auf die Kundalinischlange im indischen Yoga, und die Anspielungen in der Bridge dieses Gedichtes auf Weingartners Film „Das weiße Rauschen“. Es ist eine Hommage an Blumfeld, Tocotronic, die Sterne, Kafkas „Der Prozess“, die Romane „1984“, „Schöne neue Welt“ und „Clockwork Orange“. Mein Gedicht stellt die Frage, ab wann ein selektives Wissen und unausgewogene Bildung unweigerlich in einen Zustand der Isolation führen, und inwieweit das politisch genutzt wird, um Leute zum „Umkippen“ auf die jeweils andere politische Seite zu bringen. Die Frage erhebt sich auch, ab wann das nicht mehr nur ein politisches sondern auch „ein privates Problem“ wird, weil man z. B. nicht mehr durchschaut, wer einem bei der Internetnutzung alles zusieht, und welche Methoden da angewandt werden, um jemanden „umzudrehen“. Ich glaube, da gibt es mittlerweile noch ganz andere Methoden als vor 20 Jahren und vor allem auch nicht mehr nur die Diktatur „von Oben“, sondern auch die „Unterströmungen von allen Seiten“, die leider auch nicht immer nur von den „Angepassten“ ausgehen. Allerdings scheint der Wunsch, sich an etwas anzupassen, in Deutschland zur Zeit so groß wie nie. Zum Beispiel an dämliche blaue oder weiße Masken. Daher vor allem auch ein Dank an die Sterne und ihren Song „Das Elend kommt (nicht)“. Verknastung geschieht nicht nur in geschlossenen Räumen. Und nicht jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Auch die Frage, wie Rechtsradikale ein Album wie „L’etat et moi“ rezipieren, muss ja gestellt werden. Die Frage, ob sie es gehört haben, allerdings nicht. Jedenfalls erlebe ich Deutschland zur Zeit eher als ein Land der „Auferstehung der Angst“, als ein „Testament der Angst“. Und ganz sicher auch als den Versuch, Paranoia mit Brachialgewalt und Brachialparty zu überwinden, also nicht mehr zu feiern, weil man feiern will, sondern, weil man die Mauern der Angst sprengen will, indem man wie ein Bulldozer auf LSD da durch rauscht. Selbstüberwindung halte ich nach über 20 Jahren als Künstler für den falschen Weg. Daher ist mein Gedicht auch eine Antithese zu „einer Art zu verschwinden“, wie dies in „Ich-wie es wirklich war“ gesungen wird. Das ist zur Zeit glaube ich keine gute Haltung. Denn zum Menschsein gibt es meiner Meinung nach keine Alternative. Und als Bäume, Wände und Flugzeuge abzuhauen, während sich in Deutschland eine ganz andere „Alternative“ breit macht, ist glaube ich auch nicht so das Wahre.

© by Patrick Rabe, 2021

 

 

 

 

 

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • onkel.merlinweb.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)
  • 1 Leserinnen/Leser folgen Patrick Rabe

  Patrick Rabe als Lieblingsautor markieren

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lieder und Songtexte" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Rosenstrang von Patrick Rabe (Aphorismen)
50 Jahre Beatles-Lieder von Rainer Tiemann (Lieder und Songtexte)
Der Krüppel von Karl-Heinz Fricke (Besinnliches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen