Patrick Rabe

Barrikaden, Baustellen und böse Menschen

Barrikaden, Baustellen und böse Menschen

 

 

I. Verrenken

 

Ich war dabei, mir eine Art von Sichtbarwerden,

die den Tod bezwingt, auszudenken,

da unterbrach mich dabei meine Mutter,

und meinte, ich sollte mich nicht so verrenken,

und ein bisschen was lernen,

dabei nicht so viel denken,

und ich sollte der Schule mehr Aufmerksamkeit schenken.

 

Ich war dabei, mir eine Art, es zu sehen,

die niemanden bezwingt, zuende zu denken,

da unterbrachen mich meine Lehrer,

und sagten, ich solle mehr Liebe verschenken.

Meine Haltung wär schlecht,

einen Kopf könnt‘ man henken,

und ich sollte mich doch nicht so furchtbar verrenken.

 

Ich war dabei, mir eine Art, loszugehen,

die jeden Weg bezwingt, auszudenken,

da unterbrach mich mein eig’nes Gewissen,

und sagte, Drachen müsse man lenken,

doch dann lenkte der Drache,

und die Schlange fuhr aus,

und es war irgendwie eine Art von Verrenken.

 

Und dann tauchte ich ein in ein Rauschen,

und ich tauschte berauschende Mittel,

und ich rauschte hinab in dem nächtlichen Drittel,

als der Rausch mir das Lauschen erlaubte,

und dann hörte ich Dinge, die war’n jenseits vom Rauschen.

 

Ich bin dabei, mir eine Art Antithese

zum Verschwinden zuende zu bauen,

und dann höre ich Schritte im Hausflur,

kann das Ende noch nicht erschauen,

und sie sagten von draußen:

„Deine Haltung ist schlecht!

Dürfen wir dich ein bisschen verrenken?“

 

 

 

© by Patrick Rabe, Do, 17. Juni 2021, Hamburg.

 

 

 

 

II. Warum der Staat so reich ist

(und viel Geld für Militär und Rüstung übrig hat)

 

 

Der Staat lebt von Verbrechern,

die abends heimlich bechern,

dann kann man sie verviren

und resozialisieren.

 

Die Resozialisierung

besteht aus der Vervirung,

dem wieder weiter Bechern,

dem Werden zu Verbrechern.

 

Dann komm’n sie in die Knäste,

dort kriegen sie die Reste,

die and’re nicht mehr essen,

um Knäste zu vergessen.

 

Sind sie dann aus dem Knast,

dann werden sie erfasst

von Computerdateien,

die ihnen Meinung leihen.

 

Dann kommt die Paranoia,

und später der Betreuer,

der ihnen dann klar macht:

„Du wirst nicht überwacht.

 

Du kriegst Medikamente,

und etwas früher Rente,

dann kannst du wieder kaufen,

vor allem was zu saufen.“

 

Denn, was du noch nicht wusstest,

weil du ja schuften musstest,

das sagt dir dies Programm

nun 50 Stunden lang:

 

Der Staat lebt von Verbrechern,

die abends heimlich bechern,

dann kann man sie verviren

und resozialisieren.“

 

 

 

© by Patrick Rabe, Samstag, 19. Juni 2021, Hamburg.

 

 

 

 

 

III. Sperren

 

Wenn die Ausgesperrten zu Eingesperrten werden,

versperren irgendwann wirklich die Straßensperren

die Sperren in den Köpfen der Lastwagenfahrer,

die sich schon lange fragen,

warum niemand mehr die Straßensperren

an Stellen, wo gar keine Baustellen sind, beiseitestellt,

oder, wie man es noch von vor ein paar Monaten

noch von echten Punks kannte,

 gewaltsam beiseiteräumt.

Räumung, z.B. der Wohnung,  scheint eine allgemeine Angst zu sein.

Und dann räumen die Lastwagenfahrer

die Straßensperren weg,

weil sie ja schon seit drei Tagen sehen, dass da gar keine Baustelle ist,

höchstens die Baustelle, die andere,

die gut zurecht kommen, grade nicht haben,

und dass da auch keine Barrikaden von Links-oder Rechtsautonomen sind,

nur die Barrikaden, die Frau Merkel im Kopf hat,

und schmeißen ihre ganze Lieferung

von CD’s, Büchern, Kohl-und Kommisköpfen

auf die Straße, wo sie die Müllabfuhr,

die noch denkt, dass da an der Straße eine Baustelle ist,

nicht wegräumt,

weil sie da gar nicht mehr längs fährt.

Wenn die Eingesperrten zu Ausgesperrten werden,

denen die Gesellschaft eine Aus-und Eingangssperre verordnet hat,

werden sie radikal,

und bauen aus den auf der Straße liegenden

CD’s, Büchern, Kohl-und Kommisköpfen

Barrikaden, durch die keiner mehr durchkommt,

demonstrieren für ihre Rechte,

werden dann als Verschwörungstheoretiker und Gefahr für alle verunglimpft,

und das Anzünden der Barrikaden

aus CD’s, Büchern, Kohl-und Kommisköpfen,

wird als Bücherverbrennung gewertet.

Und draußen unterhalten sich Herr Kohl und der letzte Kommi

darüber, welcher Kopf jetzt wohl mal rollen sollte.

 

 

 

© by Patrick Rabe, Samstag, 19. Juni 2021, Hamburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Wiederhören von „L‘etat et moi“.  Die Anspielung mit dem Drachen und der Schlange bezieht sich auf die Kundalinischlange im indischen Yoga, und die Anspielungen in der Bridge dieses Gedichtes auf Hans Weingartners Film „Das weiße Rauschen“. Es ist eine Hommage an Songs von Blumfeld, Tocotronic und den Sternen, von denen ich finde, dass sie zur Zeit wieder eine schneidende Aktualität haben.  Ebenso denke ich, sollten auch Franz Kafkas „Der Prozess“, die Romane „1984“, „Schöne neue Welt“ und „Clockwork Orange“ wieder gelesen werden. Mein Gedicht stellt die Frage, ab wann ein vom Staat vorgegebenes, selektives Wissen und eine unausgewogene Bildung unweigerlich in einen Zustand der Isolation führen, der Sekten, spirituellen und religiösen Sondergruppen und fragwürdigen politischen Strömungen ermöglicht, auf die dann einseitig gebildeten und von Teilen der Gesellschaft Isolierten zuzugreifen, und ihre Meinungen nach ihren Vorstellungen zu verändern , und inwieweit das politisch genutzt wird, um Leute zum „Umkippen“ auf die jeweils andere politische Seite zu bringen. Die Frage erhebt sich auch, ab wann das nicht mehr nur ein politisches sondern auch „ein privates Problem“ wird, weil man z. B. nicht mehr durchschaut, wer einem bei der Internetnutzung alles zusieht, und welche Methoden da angewandt werden, um jemanden „umzudrehen“. Ich glaube, da gibt es mittlerweile noch ganz andere Methoden als vor 20 Jahren und vor allem auch nicht mehr nur die Diktatur „von Oben“, sondern auch die „Unterströmungen von allen Seiten“, die leider auch nicht immer nur von den „Angepassten“ ausgehen. Allerdings scheint der Wunsch, sich an etwas anzupassen, in Deutschland zur Zeit so groß wie nie. Zum Beispiel an dämliche blaue oder weiße Masken. Daher vor allem auch ein Dank an die Sterne und ihren Song „Das Elend kommt (nicht)“. Verknastung geschieht nicht nur in geschlossenen Räumen. Und nicht jeder geschlossene Raum ist ein Sarg. Auch die Frage, wie Rechtsradikale ein Album wie „L’etat et moi“ rezipieren, muss ja gestellt werden. Die Frage, ob sie es gehört haben, allerdings nicht. Jedenfalls erlebe ich Deutschland zur Zeit eher als ein Land der „Auferstehung der Angst“, als ein Land eines  „Testament der Angst“. Und ganz sicher auch als den Versuch, Paranoia mit Brachialgewalt und Brachialparty zu überwinden, also nicht mehr zu feiern, weil man feiern will, sondern, weil man die Mauern der Angst sprengen will, indem man wie ein Bulldozer auf LSD da durchrauscht. Selbstüberwindung halte ich nach über 20 Jahren als Künstler für den falschen Weg. Unter anderem deswegen, weil man sich nicht selbst überwinden kann. Auch glaube ich, dass das nicht wirklich der Ansatz von echten Religionen ist. Daher ist mein Gedicht auch eine Antithese zu „einer Art zu verschwinden“, wie dies in „Ich-wie es wirklich war“ gesungen wird. Das ist zur Zeit glaube ich keine gute Haltung. Denn zum Menschsein gibt es meiner Meinung nach keine Alternative. Und als Bäume, Wände und Flugzeuge abzuhauen, während sich in Deutschland eine ganz andere „Alternative“ breit macht, ist glaube ich auch nicht so das Wahre. Der AfD, der NPD und Scientology unser Land zu überlassen, kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Seid ihr dabei? Dann gründet doch mal eine Jugendbewegung. Oder haltet euch nicht mal damit auf, und geht raus.

 

 

© by Patrick Rabe

 

 

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