Natalja Bezman

Panta rhei

I


Und so gebiert der Anfang auch das Ende.

So sagst du, nichts währt ewig, später Herbst,

wenn du das Laub in Gold und Feuer färbst,

und es im eleganten Flug behände,


Geschmeide gleich zu Boden sinken lässt,

wo es sich mit dem Erdenreich vermählt.

Ein Samen dort im Zwielicht, nun beseelt,

keimt auf - umrahmt von Moosen und Geäst.

 

Ein Lauf, der im Kreise sich vollzieht,

dem nichts hinzukommt und auch nichts entflieht,

indessen er an Schöpfung nicht verwirkt.

 

Und so pulsiert erneut in Keimlings sattem,

beschwingtem Grün des Laubes letzter Atem,

so wie der Tod das Leben in sich birgt.

 

II

 

So wie der Tod das Leben in sich birgt,

die Welt stets einen neuen Tag begrüßt,

wenn sie den blassen Mond zum Abschied küsst,

in dessen Blöße Ohnmacht sich verbirgt.

 

Und niemand kann das Rad erneut erfinden,

doch dessen Weg ist stets ein neuer Priel,

so wandelbar in Musterung und Ziel,

vom Zweck kann es sich jedoch nicht entbinden.

 

Der Sonne Strahl entfaltet seine Macht,

und alles, was im Traume lag, erwacht,

bis Dämmerung das Gegenteil bewirkt;

 

der Nächte Sternenmeer und aller Tage

Gezeit hält sich dort draußen die Waage,

und alles, was im Innern wohnt und wirkt.

 

III

 

Und alles, was im Innern wohnt und wirkt,

ist schließlich einem Wandel unterworfen;

ein Sinn gedeiht, der Unsinn wird verworfen;

das Streben nach Vollkommenheit erwirkt

 

trotz allem keinen Höhepunkt am Ende.

Denn Rasten wohnt in keinem Wesen inne;

der Überschuss versiegt bald in der Rinne,

und der Verlust bringt eine neue Wende.

 

Was auf dem Meeresgrund verborgen liegt

und in den Wolken schwer und dunkel wiegt,

wird rasch als Gut gespült an weiße Strände,

 

ergießt sich über welke, spröde Klinge

des Grashalms dort; der Lauf aller Dinge

ist stets Verlust und zeitgleich eine Spende.

 

IV

 

Ist stets Verlust und zeitgleich eine Spende

das Kommen und Vergehen an der Schwelle

zum Ufer eines Stromes, dessen Welle

mäanderförmig ihre feuchten Hände

 

flussabwärts gütig ausgestreckt, beflissen,

das Tal mit reichen Gaben überschwemmt,

die sie in früher Zeit gar ungehemmt

einst dem Gestein des Bergmassivs entrissen.

 

Und wenn sie dann, mit Meeressalz gewürzt,

sich schließlich wölkt und in die Tiefe stürzt,

umspülend jede Faser, jede Zelle,

 

versickert sie erneut im Erdengrund

als kühner Dieb, als freier Vagabund

und eines jeden neuen Daseins Quelle.

 

V

 

Und eines jeden neuen Daseins Quelle,

ein Punkt, der Raum und Zeit unendlich krümmt,

bläst Quanten in die Leere und erstürmt

die öde Dunkelheit, durchbricht die Schwelle

 

der zähen Stille und des kalten Nichts,

die aus inanem Schlaf gerissen

um ihren Niedergang nun wissen,

in Demut gar versinken angesichts

 

des Schleiertanzes zwischen Schall und Licht,

wenn deren Einheit Prisma Glas durchbricht

als reine Sinfonie spektraler Pracht.

 

Und alle Teile fügen und verweben

sich zum Komplexen hin, bis neues Leben

aus Nebeln toter Galaxien erwacht.

 

VI

 

Aus Nebeln toter Galaxien erwacht,

erhebt ein neuer Stern sich am Zenit,

die Zeit ist auch für ihn ein Kryptonit,

wenn er zum roten Riesen, doch ganz sacht,

 

sich aufbläht und seine ganze Fülle

in die Unendlichkeit des Alls entlässt,

zum winzig kleinen, weißen Zwerg gepresst,

im Vakuum der scheinbaren Idylle.

 

Noch ist sein Schicksal nicht besiegelt, und

kein Grabstein tut von seinem Scheiden kund;

doch weichend und gewährend seiner Macht,

 

 

des endlos sich verdichtenden Verlangens,

zur Singularität wird auch sein Agens,

zur reißend Stromes Schnelle einst entfacht.

 

VII

 

Zur reißend Stromes Schnelle einst entfacht,

pulsiert das kochend heiße, wilde Blut

durch Erdenspalten, bis die rote Glut

gen Himmel, in die sternenklare Nacht,

 

als Furcht einflößender Geysir emporschießt,

bis sie an Kraft verliert, sich mäßigt und,

gefolgt von Staub und Asche aus dem Schlund,

dem Honig gleich am Kamm hinunterfließt.

 

Und wo sie war, ist nur noch Schutt und Rauch,

im Keim erstickt die Blütenpracht von Strauch

und Busch unter der dicken, schwarzen Pelle.

 

Des einen der Natur perfide Masche,

des anderen – wie Phönix aus der Asche –

versiegt alsbald am Fuß der Meereswelle.

 

VIII

 

Versiegt alsbald am Fuß der Meereswelle

des Lavaflusses lauernde, latente

Gefahr, entbrennt ein Kampf der Elemente,

wenn salzgetränkter Schaum die Feuerstelle

 

in einem forschen Kuss zu zähmen sucht,

sie leidenschaftlich, brünstig aufmischend,

während sie widerspenstig aufzischend

als Gischt ihn von sich stößt mit voller Wucht.

 

Das Brodeln, das sich aus dem Innern quält,

verdrängt die Ozeane, und die Welt

verschiebt sich, schlüpft in eine neue Tracht.

 

Land unter Wasser, Erde die erbebt,

was ewig da ist, hat es schon erlebt;

und es gibt nichts, was nicht schon mal gedacht.

 

IX

 

Und es gibt nichts, was nicht schon mal gedacht,

nicht schon gefragt gar zehnmillionenfach

nach Echtheit in dem Schlummer, oder nach

der Matrix, wenn man letztlich aufwacht.

 

Ich denke, also bin ich, oder doch

gar umgekehrt, und auch des Lebens Sinn –

ob fraglich, ob ersichtlich - und wohin

des Lichtes Weg führt durch das schwarze Loch.

 

Es ist das wie, woher, warum und wann;

die Lösung liegt, wo alles einst begann,

womöglich sie in einem selbst entfacht.

 

Es ist die Suche, sie ist unumgänglich,

währt ewig, ist in Zyklen doch vergänglich,

gleich einem Schneesturm in der Winternacht.

 

X

 

Gleich einem Schneesturm in der Winternacht

umtost das Fleisch und Blut in reicher Fülle

ein Potpourri durchdringender Gefühle,

verleihend ihnen Seele und die Macht,

 

mit ihnen und durch sie heranzureifen,

im Einklang mit der Welt und ihrem Geist

zu sein, und was die Liebe wirklich heißt,

was wichtig ist im Leben zu begreifen.

 

Der Trauer Weinen und der Freude Schmunzeln,

die schließlich auch im Reziproken wurzeln,

entfachen feuerspeiend heiße Brände,

 

erfüllen den unendlich weiten Raum

mit Mut zur Hoffnung und mit Wunsch und Traum,

und Worte Schwall - wie sandgefüllte Strände.

 

XI

 

Und Worte Schwall - wie sandgefüllte Strände –

durchwabert der Atome Zwischenräume,

wie kleinste Bläschen aufgewühlter Schäume,

durch Federführung dichterischer Hände,

 

und aller Lippen schöpferische Triebe

geformt; gar flüchtig in dem Weltraummoloch,

fürs große Ganze unbedeutend, dennoch

ein Balsam für die Rädchen im Getriebe.

 

Die Inspiration ist die Essenz

und Antriebskraft für jeden neuen Lenz,

von der ein Geistesfunke sich stets nährt.

 

Und so wie Bläschen eins um eins zerspringen,

als Schwingungen im Äther just verklingen,

gleich einem Blitzeinschlag das Dasein währt.

 

XII

 

Gleich einem Blitzeinschlag das Dasein währt

am Pulsschlag der unendlich langen Zeit,

durchwandernd und bezwingend Schmerz und Leid,

denn Frieden ists, was es so sehr begehrt.

 

Auf Kriegsfuß sind Gefühle und Verstand,

dem Kompromiss oft fern, und deren Weichen

ins Paradoxe führen - ohnegleichen,

und Einigung liegt nicht in Gottes Hand.

 

So war es, und so wird es immer sein,

es scheint, auch keinen Weg aus dunklem Hain

zu geben, doch da alles wiederkehrt,

 

 

bleibt auch der Ausgang für immer offen,

auch mangels Weisheit bleibt doch noch das Hoffen,

und weil das Licht jedweder Zeit entbehrt.

 

XIII

 

Und weil das Licht jedweder Zeit entbehrt,

entfaltet sich, gedeiht ein neues Leben,

in dem des alten unbewusstes Streben

sich ausbreitet und stets weiter gärt.

 

Ein neuer Zyklus, der uns Ehrfurcht lehrt,

und dass der Zweck nicht alle Mittel heiligt,

dass Selbsterkenntnis stets den Weg bereinigt

zur Einsicht, die der Kosmos oft verwehrt.

 

Die Wahrheit steckt in allem wie ein Wirt,

so manches bleibt verborgen, manches wird

bewusst und weitet der Erleuchtung Blende.

 

Sobald der erste Stern die Nacht verkündet,

und des Gedanken letzte Weisheit zündet,

zeigt sich erneut  die Sommersonnenwende.

 

XIV

 

Zeigt sich erneut die Sommersonnenwende,

füllt sich die Luft mit Zirpen, Zwitschern, Summen;

der Bäume Früchte und die Wiesenblumen

enthüllen ihre prachtvollsten Bestände.

 

In sanften Böen wiegen sich die Ähren.

Es kreucht und fleucht im Hellen und im Schatten,

und Triebe, zu betören, zu begatten,

erfüllen die instinktgeschützten Sphären.

 

Doch wenn der Wind auf Pusteblumen pustet,

der erste kalte Herbsttag zweimal hustet,

entgegen aller regen Widerstände,

 

vergilbt das Grün in Laubes letztem Atem,

was einst gar voll im Saft stand, wird zu Mattem,

und so gebiert der Anfang auch das Ende.

 

Meistersonett

 

Und so gebiert der Anfang auch das Ende,

so wie der Tod das Leben in sich birgt;

und alles, was im Innern wohnt und wirkt,

ist stets Verlust und zeitgleich eine Spende.

 

Und eines jeden neuen Daseins Quelle,

aus Nebeln toter Galaxien erwacht,

zur reißend Stromes Schnelle einst entfacht,

versiegt alsbald am Fuß der Meereswelle.

 

Und es gibt nichts, was nicht schon mal gedacht,

gleich einem Schneesturm in der Winternacht

und Worte Schwall – wie sandgefüllte Strände.

 

Gleich einem Blitzeinschlag das Dasein währt,

und weil das Licht jedweder Zeit entbehrt,

zeigt sich erneut die Sommersonnenwende.

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