Liselotte Brand-Cerny

Das kleine Genie

Man rief mich Andi – da war ich noch recht klein,
doch ich wollte so gerne ein grosser Bruder sein.
Ich musste die ganze Zeit nur an Eines denken:
man würde mir bald ein Geschwisterchen schenken.
Ich versprach ihm, es immer zu decken,
am Morgen versuchen, es nicht zu wecken,
ihm das Fläschchen mit der Milch zu halten,
am Abend das Nachtlicht einzuschalten.
Ich wollte ihm zusehen, wie es krabbelt,
vor Freude einfach lacht und brabbelt
und eines Tages richtig laufen kann.
Dann finge der Spass erst richtig an.

Es kam kein Schwesterlein, kein Brüderlein,
ich hoffte, ich wartete, doch ich blieb allein.
Einfach zu spielen habe ich nicht gewagt,
Sinnvolles soll ich tun, wurde mir gesagt.
Wie aber sah nun das Sinnvolle aus?
Man machte tägliche Pflichten daraus!

Schon sehr früh lehrte man mich lesen,
das ist vielleicht nicht dumm gewesen.
Doch Grosseltern, Eltern, Onkel und Tante
und wen man sonst noch alles kannte,
wollten ein Wunderkind aus mir machen,
kein Spass, kein Spiel, kein fröhliches Lachen.
Ja, es war ein riesiges 'Mehrfamilienhaus',
in dem alle befahlen – nur Papa hielt sich raus.

Aber, er zeigte mir die Welt der Zahlen,
mein Onkel kaufte mir Farben zum Malen,
Mutter zeigte mir die Wunder der Welt
den Klavierlehrer hat meine Tante bestellt.
Grossmutter stand schon im Garten bereit,
meinte, zum Säen sei es nun an der Zeit.
Ich wollte duftende Kräuter säen,
doch nein, sie wollte Gemüse sehen,
Bohnen, Karotten, Salat sollte es sein
und noch viel anderes fiel ihr dazu ein.
Grossvater wartete auch schon lange,
auf mein Intesse an Hammer und Zange.
Für alle die war es Arbeit, kein Spiel,
zeigen was ich kann, war ihr einziges Ziel.

Immer hiess es »Andi, hier«. »Andi, da«,
ich hatte nie Ruhe, wohin ich auch sah'.
Mit vier Jahren begann ich, aufzubegehren,
ab jetzt wollte ich mich nur noch wehren.«
Ich trotzte. »Nein, dieses Leben will ich nicht!«
Sie nannten mich einen undankbaren Wicht.
«Und - ich will auch nicht mehr 'Andi' sein,
ich bin nun André und nicht mehr so klein.«
Man hat sich nicht gross Gedanken gemacht,
und mich dann zu Papas Eltern gebracht.
Die nahmen mich mit offenen Armen auf,
ich wusste, Oma uns Opa warteten darauf.
Nur die Stunden mit Papa fehlten mir sehr,
mit den Zahlen zu leben gab so viel her.
Ich weiss, er war traurig, als ich das Haus verliess,
doch er verstand, warum ich gegen Regeln verstiess.

Wie anders sieht mein Tag nun aus,
sie machen so viel Schönes daraus.
So viel Neues ist bis jetzt geschehen:
ich darf mit ihnen spazieren gehen,
barfuss durch Wasserlachen springen,
und in der Badewanne lauthals singen.
Mit LEGOs Häuser und Kirchen bauen,
auch nach des Nachbars Kätzchen schauen.
Da gibt es einige Spiele, die sah ich noch nie,
ich bin verrückt danach, so spannend sind sie.
Mikado, Memory, Domino und da, eher klein,
ein Schachspiel zum Stecken mit Figuren aus Stein.

Doch trotz der vielen schönen Stunden
habe ich noch nicht alles gefunden,
was mich vollkommen glücklich macht.
Ich bin so rastlos – wer hätte das gedacht?
Opa und Oma – sie sehen es ein,
spielen wird nicht genug für mich sein.
Ich bin meinem Alter um Jahre voraus,
ich will gefordert werden, so sieht es aus.
So überlegen sie hin, so überlegen sie her,
vielleicht ist die Lösung gar nicht so schwer…

»André, dort ist mein Raum mit vielen Dingen,
sieh mal nach, ob sie auf Ideen dich bringen,
Vater trieb sich viel auf den Flohmärkten 'rum,
und sah sich nach ausgefallenen Dingen um.«
»Oh Opa, darf ich wirklich dort hinein?
Ich glaube, es wird geheimnisvoll sein.«
Und so gehe ich, ganz aufgeregt und gespannt
in das Zimmer; am liebsten wär' ich gerannt.
Doch nur langsam gehe ich durch den Raum,
etwas zu berühren wage ich kaum.
»Dort hängt eine Art Spirale, die sich dreht.
Oh! Und hier ein Abakus, ein altes Rechenbrett!
Den habe ich in Papas Buch gesehen,
meinst du, Opa, ich könne das verstehen?

Ach, Papa liebt, wie ich, die Welt der Zahlen
und ich lernte, sie auf ein Papier zu malen.
Dann begann ich, alles was ich sah zu zählen
und dabei die unmöglichsten Dinge wählen.
Ich zählte immer, auch wenn ich es nicht wollte,
und immer öfter fragte ich mich, was das sollte.
Nun begann Papa, mir das Rechnen zu erklären,
er nahm sich Zeit dafür und liess mich gewähren.
Er lehrte mich addieren und subtrahieren,
später auch multiplizieren und dividieren.
Das Einmaleins lernte ich von einem Blatt,
das Papa mir zum Üben gegeben hat.
Und Kopfrechnen war toll, doch fehlte die Zeit,
zu viel Anderes stand stets für mich bereit.«

Und leise: »Ja, Papa fehlt mir auch heute,
es wäre so schön, ohne all die anderen Leute!«
Nun, Opa hat mir das alles geglaubt,
den Abakus ein wenig abgestaubt,
die Anleitung hat er im Internet gefunden,
und wir begannen mit den ersten Stunden.
Ich durfte den Abakus in mein Zimmer tragen,
und muss nun nicht zuerst danach fragen.
Dann hat er mir noch ein Buch hingelegt,
und zu weiteren Übungen angeregt…

Ach, wie aufregend ist doch mein Leben,
denn Opa hat mir einen Brief gegeben.
Er ist von Papa, Opa soll ihn erst lesen,
er wolle sicher sein, dass es richtig gewesen.
Papa sei ausgezogen, er hielt es nicht aus,
er wohne nun alleine in einem kleinen Haus.
es liege am Fluss, habe einen winzigen Garten –
ich könne ihn besuchen, er würde dort warten.
Wir gehen zu ihm, der Weg ist nicht weit,
wir gehen ohne Eile, denn jetzt haben wir Zeit…

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