Patrick Rabe

All die einsamen Menschen

All die einsamen Menschen

 

Sie hatte im Kirchlein das Blumengießamt,

bekam dort kein Geld, aber wurd‘ nicht verdammt.

Zuhause, da musste sie putzen und schuften,

und wurde geschlagen… die Blumen, sie duften.

 

Sie hatte ein uneheliches Kind…

Sie sank in die Blumen, vom Gelb schon fast blind.

Und im Leuchten der strahlenden Chrysanthemen,

vermeinte sie Jesus und Gott wahrzunehmen.

 

Oft stand Pastor Kenzie versonnen dabei,

wenn er Eleanor gießen sah, wurde ihm frei

und licht und geborgen ums Seelsorgerherz,

er vergaß Ehehölle und Gottzweifelschmerz.

 

Doch stellte sie ihm ihre dämlichen Fragen,

dann konnte er es oft nicht lange ertragen.

 

„Schuf Gott mit den Engeln die Welt nicht gemeinsam?

Warum bloß sind viele so fürchterlich einsam?

Sind den Engeln die Teufel verloren gegangen?

Und sehnen sie sich nach den finsteren Rangen?“.

 

Wenn Eleanor Fragen wie diese ihm stellte,

verzog sich sein Mund, und der Hund draußen bellte.

Er dachte gequält an den städtischen Probst,

der ging gerne den jungen Mädchen ans Obst.

 

Das durften die Schäflein hier aber nicht wissen,

sie würden ja sonst Gottes Liebe vermissen.

„Die Teufel, Frau Eleanor, nein, die sind böse,

für die gibt’s am Ende niemals `ne Erlöse.“

 

Da weinte Frau Eleanor bitterlich, schrie:

„Dann findet das Jesuskind uns hier ja nie!“.

Und sie sank in die Blumen, die schön‘ Chrysanthemen,

und Pastor Mc. Kenzie begann sich zu schämen.

 

Er dachte: „Für’s Gießen kriegt sie wirklich nicht viel…“,

Doch durchschaute es nicht, was ihr heimisches Spiel.

Und ihr blaues Auge, das nannte sie Veilchen,

sie schrieb dann ins Beichtbuch ein trauriges Zeilchen,

darunter: „Gottvater die Ehre im Thron!“,

manchmal spielte auch draußen im Garten ihr Sohn.

 

„Wer sind all die einsamen Menschen gewesen?“,

„Die Toten von Halmar, das was du gelesen

In dem Buch gestern. Weißt‘? Das von Manfred Kyber.

Und schau, Kind, die hier heißt ‚Je länger, je lieber‘.“

Und der Junge, er spürte, wie leis‘ sein Herz bricht.

„Schau, Kind, und die heißt ‚Vergissmeinnicht‘.“

 

Und Pastor Mc. Kenzie saß nachts an der Predigt,

und hatte sich schon seiner Kleider entledigt.

Er schwitzte und brütete über den Worten,

die Mittsommernacht stand grad‘ an den Pforten.

 

Da klopfte es laut, und da klopfte es bang.

Gerade da, als ihm ein Satz gut gelang.

Denn mit seiner Predigt, da wollt‘ er was sagen,

was keiner im Ort würde gerne ertragen.

 

Wie Maria in Blumen sinkt, vom Gelb schon fast blind,

und auch, wer die Toten von Halmar hier sind.

Er schrieb sich in Rage, er schrieb sich in Wut,

und hinter den Schläfen, da pochte das Blut.

 

„Eine Predigt wie diese hat noch keiner gehört!“

Da hat ihn das nächtliche Klopfen gestört.

In Wut sprang er auf, griff zum Schuhlöffel schnell,

der war hart und aus Messing, blitzte auf im Mond grell.

 

Es war üblich um diese Zeit. Eleanors Mann

war immer besoffen, stand Mittsommer an.

Dann klopfte er wütend an Mc.Kenzies Tür,

und schrie voller Brass: „Ist die Schlampe bei dir!?“.

 

Manchmal stand er da auch schon einmal mit `nem Beil,

und schrie laut: „Na, Pfaffe, ist meine im Bett geil?“.

Dann betete Kenzie, bat, er möge verschwinden,

und sah sich im Gelb ohne Jesus erblinden.

 

Und er riss schnell die Tür auf, auf’s Schlimmste gefasst.

Draußen stand Eleanor. Von ihm fiel eine Last.

Und der Schuhlöffel fiel wie von selber herab,

schlug auf Eleanors Kopf, Blumen schmücken ein Grab.

 

Blumen wachsen in Gärten, wo sich Kinder nicht schämen.

Und sie sank blind ins Gelb tröstender Chysanthemen.

 

Und ihr Junge im Garten spielt „Jüngstes Gericht“,

und murmelt: „Je lieber… Vergissmeinnicht.“

 

 

 

Mein Gedicht ist angelehnt an den Beatles-Song „Eleanor Rigby“. Das von mir in einer Strophe erwähnte Buch ist „Die drei Lichter der kleinen Veronika“ von Manfred Kyber. Darin gibt es ein Kapitel mit dem Namen „Die Toten in der Kirche von Halmar“.

 

 

© by Patrick Rabe, 4. Juli 2021, Hamburg.

 

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