Aylin

Übergriff

Übergriff

 

Mein Haus war meine Burg und meine Wohnung ist meine Kemenate. Ihre Räume glänzen vor Sauberkeit, alles hat seinen Platz. Nur die PC-Tische zeigen eine gewisse Unordnung. Auf meinem stapeln sich Gedichtekladden, Blöcke und lose Zettel, auf dem meines Mannes PC-Zeitungen und allerlei Kleinkram, der ihm so wichtig ist, dass er ihn immer zur Hand haben muss. Das gehört zu uns. Das sind wir.

Und plötzlich kriecht ein vom Krankenhaus für meinen Mann bestellter Pflegedienst durch diese Räume, drei Mal am Tag und ich schaue auf die PC-Tische, auf mein labberiges T-Shirt, eins von den abgetragenen, die ich drinnen immer anziehe, weil ich sie sowieso beim Essen bekleckern werde. Muss ich mich jetzt jeden Tag zuhause fein anziehen, alles aufräumen? Plötzlich kriecht ein Pflegedienst durch diese Räume, trampelt mit Straßenschuhen über meinen Chinateppich im Flur, obwohl es Besucherpantoffeln gibt. Tritt meinem Hund auf die Füße, der es gewöhnt ist, dass Besuch ihn streichelt und toll findet. Plötzlich rufen fremde Personen hinter mir her, als wäre ich eine Dienstmagd. In meiner eigenen Wohnung. In meiner Kemenate.

Mein Mann liegt auf dem Bett, zieht das Hemd hoch vor wildfremden Frauen, die nicht mal wissen, wie viel Insulin sie ihm spritzen sollen. Seltsam fühlt sich das an. Sie haben kein Checkbrett dabei. Aber meine Tochter, examinierte Krankenschwester, hat alles bereitgestellt und beschriftet.

Jedes Mal kommen andere. Sind fremd, bleiben fremd. Manchmal bringen sie gar Auszubildende mit. Dann latschen zwei Personen mit Straßenschuhen über meinen Chinateppich. Ins Bad, um sich die Hände zu waschen, in die Küche, um Tupfer zu entsorgen. Irgendwie überall hin. Wie selbstverständlich. Und ich stehe daneben wie ein Statist.

Den Hund sperre ich nach ein paar Tagen weg. Drei Mal am Tag. Es ist ihnen anzumerken, dass er ihnen lästig ist. Aber er wohnt hier. Sie machen ihren Job. Ich jedoch empfinde sie als Eindringlinge in meiner Wohnung. In meinem Leben.

Ich schaue genau hin. Was sie tun. Wie sie es tun. Und ich lerne dabei. Zeigen wollen sie es mir nicht. Vielleicht dürfen sie es nicht. Aber ich schaue, still, stumm und ich lerne.

Nach einer Woche zeigt der Hund aggressive Auffälligkeiten. Es ist nicht gut, wenn man Hunde bei Besuch wegsperrt. Wenn er mal entwischen kann, dann beißt er den Damen in die Schuhe, was er nie zuvor getan hat. Sie schütteln ihn ab wie eine lästige Fliege.

Sie dokumentieren, als wären sie sehr wichtig. Nachdem sie gegangen sind, kopiere ich mir zehn leere Blätter aus ihrer Mappe.

Mit der Zeit kommen sie immer unpünktlicher. Mein Mann darf aber vor dem Messen und Spritzen nichts essen und sitzt da wie ein Kind vor dem duftenden Kakao. Kurzerhand nehme ich mir die Gerätschaften, messe, dokumentiere und spritze. Er sagt: „Dann brauchen die ja nicht mehr zu kommen!“ Es klingt erleichtert. Ich lächle und nicke.

Als sie dann um halb zehn abends endlich klingeln, sage ich, dass wir die Hilfe des Pflegedienstes nicht mehr benötigen. Obwohl ich mich noch höflich bedanke, hört es sich wohl so an wie „Raus!“. Die etwas harsche Dame trampelt auf meinen Chinateppich und fragt spitz:“ Und wie wollen Sie dann demnächst an die Spritzen usw. kommen? Die Lieferfirma arbeitet nur für uns.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch und antworte: „So wie ich bisher auch an alle anderen Medikamente für meinen Mann gekommen bin!“ Derweil beißt der Hund in aller Seelenruhe ihre Schnürsenkel ab. Und ich verbiete es ihm nicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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