Aylin

Die ZDF-Hitparade unc ich

Die ZDF-Hitparade und ich -

 

eine nicht ganz ernst zu nehmende Selbstanalyse

 

Anlässlich des fünfzigjährigen Geburtstages der ZDF-Hitparade wird am Abend eine Show ausgestrahlt, auf die ich mich freue. Es ist wie ein Eintauchen in die Anfänge meiner Jugendzeit, einer Zeit, in der man sich auf den Weg machte. Sich selbst zu suchen.

Lächeln muss ich, als ich die Videos der alten Stars in den knallengen Hosen sehe und daran denken, dass solch eine Hose mir im Bus mal geplatzt ist. Sicherlich waren die Nähte schlecht vernäht gewesen. Vielleicht war sie einfach aber auch zu eng. Damals war man dreizehn, vierzehn. Man hatte noch Angst vor der Mathearbeit am Montag oder vor der Besprechung des Monsuns am Dienstag, wo der Lehrer mich immer wieder dran nahm. Die Hitparade war eine Auszeit vom Alltag. Und sie kam immer samstags. Immer zur selben Zeit, wo auch Sportschau lief. Ich habe selten Streit gehabt mit meinem Vater. Nur wegen der Sendezeit der Hitparade gab es jeden Samstag Trara. Bis ich irgendwann einen eigenen kleinen Fernseher bekam. Der war so winzig, dass ich ganz nah davor sitzen musste, um etwas erkennen zu können. Schließlich wollte ich ja nicht nur hören, sondern auch sehen.

Wie bescheuert die alle so aussahen, denke ich bei der Show - die schmalzigen Sänger mit ihren langen Haaren, deren Züge nach nirgendwo fuhren, die sich Betten im Kornfeld bauten und die immer wieder sonntags, ach, ich weiß nicht, was.

Und die Sängerinnen, die alle dürr waren wie ein Fädchen. Mein Vater sagte immer „Oben nix, unten nix und zusammengeklappt immer noch nix.“ Mir nützte das wenig, denn ich war etwas fraulicher gebaut. Nun, nach fünfzig Jahren, nehme ich mit großer Genugtuung zur Kenntnis, dass die dürre Peggy March richtig dick geworden ist. Ja, dicker ist als ich. Und alt. „So alt siehst du aber nicht aus,“ sagt mein Mann und das beides zusammen lässt tausend Tränen meiner Jugendzeit trocknen.

In der Tat mochte ich lieber Schlager, als die anderen ihre Köpfe zu Mick Jagger und Konsorten hin und her schlugen. Romantisch, sehnsüchtig. Heute weiß ich, dass es nur der Anfang meiner Lebensprämisse war, das zu mögen, was andere nicht mögen. Das zu tun, was andere nicht tun.

So war es auch bei der Schwärmerei für die Stars. Die mädchenhaften Bubis mochte ich nicht anschwärmen, auch, wenn ich ihre Lieder mochte. Doch dann - dann kam Ricky Shayne. Ein stattlicher, männlicher Hüne mit krausen, dunklen Locken, auf dem Kopf wie aus dem offenen Hemd quellend. Ich war hin und weg, als er mir rauchiger Stimme sang: Ich sprenge alle Ketten. Oh ja. Viel später erst erfuhr ich, dass sein Vater Araber ist. Bei uns auf dem Dorf gab es keine Araber und ich dachte mir: Wenn du so einen Mann haben willst, dann musst du in die Welt gehen, dorthin, wo es solche Männer gibt. Genau das tat ich später. Und das alles wegen Ricky Shayne? Das gibt mir doch sehr zu denken…

Ein wenig enttäuscht bin ich ja schon, als Ricky Shayne als weißhaariger, alter Opa, behängt mit Silberketten, nun in der Hitparadenshow auftritt. Ich streichle meinem Mann über sein noch immer schönes, schwarzes Haar und bin aufrichtig erleichtert, dass er mit sechsundsechzig keine silbernen Halsketten trägt.

 

Mit siebzehn war meine Hitparadenzeit vorbei. Den Mathelehrer hatte ich hinter mir gelassen, ging ins Studium. Das eigenständige Leben begann, da war kein Platz mehr für idyllische Schlager. Die achtziger Jahre verbrachte ich im Ausland, wo es keine Hitparade gab und als ich zurückkam, war neue deutsche Welle angesagt. Was ich mehr als Lärm denn Musik wahrnahm. Ich war reifer geworden und meine Stars mit mir. Juliane Werding brachte ein Album mit esoterisch angehauchten Schlagern heraus, Peter Maffai ein rockiges mit „Steppenwolfliedern“ und Udo Jürgens eines mit gesellschaftskritisch-nachdenklichen Texten und schönen Melodien. Alle liebte ich. Denn alles das war irgendwie ich. Die von vielen Religionen und Kulturen Geprägte, die Selbstständige, Aufmüpfige, die immer ihren Weg ging und die Nachdenkliche, die alles in Frage stellte. Aber auch die Romantische, die sich auf ihr erstes Kind freute, das in ihr wuchs.

Heute noch tanzen mein Mann und ich gerne zu den alten Melodien. Neu arrangiert und gespielt nicht mehr von der Schallplatte, sondern von CD. Als ich meiner Tochter sagte, dass ich mich heute auf die Show freue, lachte sie und meinte: „ Mama, du wirst alt.“ Obwohl ich das vehement zurückwies mit dem Argument: „Wenn ich irgendwann Musikantenstadel anschaue, dann bin ich alt!“.

Und doch habe ich bei der Hitparadenshow mehr als ein Mal gedacht: „Stimmt.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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