Patrick Rabe

Hochwasser (für Charley Patton) (Bob Dylan-Übersetzung)

Hier meine Übersetzung des Bob Dylan-Songs "High Water". Zunächst einmal der amerikanische Originaltext, dann meine Übersetzung.


High Water (for Charley Patton)

 

(By Bob Dylan)

 

High water risin', risin' night and day
All the gold and silver are being stolen away
Big Joe Turner lookin' East and West
From the dark room of his mind
He made it to Kansas City
Twelfth Street and Vine


Nothing standing there
High water everywhere

 

High water risin', the shacks are slidin' down
Folks lose their possessions and folks are leaving town
Bertha Mason shook it, broke it
Then she hung it on a wall
Says, "You're dancin' with whom they tell you to
Or you don't dance at all"


It's tough out there
High water everywhere

 

I got a cravin' love for blazing speed got a hopped up Mustang Ford
Jump into the wagon, love, throw your panties overboard
I can write you poems, make a strong man lose his mind
I'm no pig without a wig
I hope you treat me kind


Things are breakin' up out there
High water everywhere

 

High water risin', six inches 'bove my head
Coffins droppin' in the street
Like balloons made out of lead
Water pourin' into Vicksburg, don't know what I'm going to do
"Don't reach out for me, " she said
"Can't you see I'm drownin' too?"


It's rough out there
High water everywhere

 

Well, George Lewis told the Englishman, the Italian and the Jew
"You can't open your mind, boys
To every conceivable point of view"
They got Charles Darwin trapped out there on Highway Five
Judge says to the High Sheriff
"I want him dead or alive


Either one, I don't care"
High Water everywhere

 

Well, the cuckoo is a pretty bird, she warbles as she flies
I'm preachin' the word of God
I'm puttin' out your eyes
I asked Fat Nancy for something to eat, she said, "Take it off the shelf
As great as you are a man,
You'll never be greater than yourself"

 

I told her I didn't really care

High water everywhere

 

I'm getting' up in the morning I believe I'll dust my broom
Keeping away from the women
I'm givin' 'em lots of room
Thunder rolling over Clarksdale, everything is looking blue
I just can't be happy, love
Unless you're happy too

 

It's bad out there
High water everywhere

 

 

 

Hochwasser (für Charley Patton)

 

(Von Bob Dylan)

(übersetzt von Patrick Rabe)

 

Hochwasser steigt, und es steigt Tag und Nacht,

all das Gold und Silber hat man schon weggebracht.

Big Joe Turner sieht nach  Ost und West

aus der Dunkelkammer sein,

er schaffte es nach Kansas,

zur zwölften Straße, Vine.

 

Doch nichts steht dort mehr,

Hochwasser, alles leer.

 

Hochwasser steigt, die Ställe treiben fort,

man verliert sein Hab und Gut, und man verlässt den Ort,

Bertha Mason brach dem Lieblingshuhn

noch eben seinen Hals,

sprach: „Tanz mit dem, der dir vorbestimmt,

sonst tanzt du keinesfalls.“

 

Das Leben: hart und schwer.

Hochwasser, wie ein Meer.

 

Ich liebe schnelle Autos, hab `nen gepimpten Mustang Ford,

springe in den Wagen, Schatz, und schmeiß dein Höschen über Bord.

Ich kann dir Lieder schreiben, da wird den Leuten schlecht,

ich bin kein Schwein mit Glatze,

meine Haare sind noch echt.

 

Alles schwindet, bittesehr,

Hochwasser kommt schon näher.

 

Hochwasser steigt, sechs Zoll schon über mir,

die Särge treiben schon flussab,

wie Blei-Ballons, ich frier‘.

Wasser fließt bis rein nach Vicksburg,

geht uns beiden bis zum Bauch,

„Halt dich nicht an mir fest,

siehst du nicht, ich sinke auch!“

 

der Sturm kam diesmal eher,

Hochwasser, keine Wehr.

 

George Lewis sprach zu Engländern, Juden und Italienern:

„Hört immer bitte jedem zu,

auch Müllmännern und Krämern.“

Ein Virologe drückte Darwin mit dem Finger platt,

der Richter sprach zum High Sheriff:

„Setz Charles endlich schachmatt!“

 

Ob König oder tot,

das Hochwasser, es droht.

 

Der Kuckuck ist ein schönes Tier,

er wirbt um dich im Flug,

ich predige hier Gottes Wort

gegen den Selbstbetrug,

ich fragte so ein Dickerchen

um was zu essen an,

sie sagte: „Nimm es dir vom Bord,

bist ja ein großer Mann.“

 

Da wollte ich’s nicht mehr,

Hochwasser stört doch sehr.

 

Ich steh am frühen Morgen auf, entstaube meinen Besen,

lass heute mal die Flittchen sein,

und das im Kaffee lesen,

Donner über Clarksdale, doch hier ist alles blau,

ich werd nicht glücklich ohne dich,

werd‘ bitte meine Frau.

 

Hochmut kommt vor dem Fall.

Hochwasser überall.

 

 

 

 

 

 

Dieser Song von 2001 ist wieder mal hochaktuell. Er ist auf dem Album „Love and theft“, das ausgerechnet am 11. September 2001 erschien. Ich sehe darin sowohl ein Aufnehmen und Kommentieren der Themen, die Bono und U2 auf „All that you can’t leave behind“ behandeln, als auch einen Versuch, anhand der Storyline von „Endstation Sehnsucht“ eine Versöhnungsgeschichte zu erzählen, sei es eine Versöhnung mit der Partnerin oder Jesus. Allerdings kommt Dylan auch auf diesem Album nicht ohne unzählige Seitenhiebe auf alle möglichen Leute aus. Als ich das Lied „High Water“ übersetzte, musste ich plötzlich herzhaft lachen. Es enthält einige ziemlich unmissverständliche Schienbeintritte gegen Marius Müller-Westernhagen und insbesondere gegen seine ebenfalls endzeitgetönten Alben „Affentheater“ und „Radio Maria“. Die dritte Strophe von „High water“ bezieht sich ziemlich eindeutig auf den Song „Rosamunde“. Auch viele Anklänge an „Wo ist Behle“ sind herauszuhören. Wer hätte gedacht, dass sich Dylan in seiner Freizeit offenbar mit Texten von Deutschrockern beschäftigt…? Natürlich geht der Punkt da im Songwriting an Dylan, weil er die Ernsthaftigkeit der Lage besser beschreibt und eventuell mehr Seele und echte Traurigkeit zeigt. Dennoch fragt man sich, was beispielsweise an „Radio Maria“, das auch ein gutes Album ist, Dylan so aufgebracht haben kann, dass er sich bemüßigt fühlte, seinen deutschen Kollegen mal eben mit ein paar ziemlich treffsicheren Zeilen einen zwischen die Augen zu verpassen. Das Ganze hat was von „Sing du lieber über kurze Röcke und Titten, Marius, überlass die Endzeit mir!“. Vielleicht störte ihn aber auch schlichtweg die Zeile „Jesus, sei nicht so feige.“. Denn das war er nicht als Jesus und ist es auch als Christus nicht. Der Kuckuck, der noch im Flug um den hier Besungenen wirbt, dürfte Jesus sein, der ja in allen Menschen aufleuchten kann, auch in dem kleinen Dickerchen, dessen Kuchen und Liebe der strenge Prediger des Wortes Gottes hier beiseite stößt. Das hat natürlich zwei Seiten. Dylan ist hier von Jahwe beseelt, und ein kleiner, zwitschernder Kuckuck hat da wenig Chancen. Wenn man das Lied anhört, entsteht allerdings ein anderer Eindruck. Da wirkt die Zeile „I’m preachin‘ the word of God“ doch sehr würdevoll. Und die Zeile „The coockoo is a pretty bird, she warbles, as she flies“ kann ja auch heißen „Der Kuckuck (der seine Eier in fremde Nester legt) vögelt schon im fliegen“ (das ist übrigens exakt mit dieser Zeile im Englischen bzw. Amerikanischen gemeint, und bezieht sich meistens auf die in den Johannesbriefen erwähnten Antichristen und falschen Jesusse, als auch auf die Hure Babylon (she warbles.). Die Zeile bedeutet so viel wie: „Im Höhenflug den Mund zu voll genommen.“. Juden, je orthodoxer sie sind, umso mehr, sind sich ja auch nie ganz einig darüber, ob selbiges nicht auch für Jesus gelten könnte. Die Zeile „Ich predige das Wort Gottes, ich knips dir die Augen aus.“, habe ich allerdings abgemildert. Das wäre in der Form im Deutschen wohl eher was für Aggro Berlin. Die 12. Straße, Vine in Kansas City, die Bob Dylan hier besingt, und wo der besagte Joe Turner vor dem Hochwasser hin flieht, ist ein Sehnsuchtsort für viele Leute in Kansas gewesen. Dort, am Kansas City Plaza befand sich ein uriges Weinlokal. Heute gibt es dort weder mehr die zwölfte Straße, noch dieses Weinlokal.  Man hat allerdings den neu gebauten, völlig im Nichts der Pampa stehenden Platz zur Erinnerung an dieses Weinlokal „Vine“ genannt. Das erinnert mich frappant an den Abriss des kleinen Schlösschens „Bärenhof“ bei uns in Hamburg Langenhorn vor einigen Jahren, der auch ein Sehnsuchtsort und ein Ankerpunkt für viele Langenhorner war. Ein reicher Investor machte den „Bärenhof“ platt, um dort ein Autohaus und ein Einkaufszentrum zu bauen. Die Hausnummer ist 666. Als äußerst maue Entschädigung nannte man daraufhin einen Platz auf der anderen Straßenseite, wo ein hässliches Neubaugebiet steht, „Am Bärenhof“. Wie sich die Bilder gleichen? Ich finde schon. Insgesamt ist Dylans „High Water“, das sich massiv von einem glichnamigen Song von Charley Patton, dem er hier aber offensichtlich Tribut zollt, unterscheidet, ein sehr vieldeutiger und reichhaltiger Song, dessen Anspielungen auf den amerikanischen Bürgerkrieg (Sezessionskrieg), und viele in dieser Zeit entstandene amerikanische Sagen, Mythen und Dichtungen ich aber schon alleine deswegen nicht noch im Einzelnen erläutern möchte, weil ich sie gar nicht alle kenne, sondern, weil dies auch zu umfangreich wäre. Interessant könnte es trotzdem sein. Nur noch kurz: Die "Balloons made of Lead" beziehen sich ganz sicher auf Led Zeppelin, vielleicht auch auf die Ballons, die der Clown Pennywise in Stephen Kings "Es" im Untergrund des Rinnsteins verborgen hat.

 

 

© by Patrick Rabe, 9. August 2021, Hamburg.

 

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