Patrick Rabe

Ulrike Meinhofs Totenmaske

Ulrike Meinhofs Totenmaske

(Resozialisierung in Stuttgart Stammhirn)

 

 

Er hielt den Vortrag des Jahrhunderts.

Langweilig.

In der grauen Bibliothek.

Die Taube kleisterte ihr Lied

ins Ausguss.

„In DEN Ausguss.“,

so wisperte er sacht.

Im Fliegenleim sind alleweil Gedichte,

und Spiegel-Spucke klebt an Susis Haar,

weil sie in Ochsenzoll

ein Chariot sein soll,

noch während sie Ulrike Meinhof war.

 

Die ihr verabreichten Beruhigungsmittel

hatten sie rausgebeamt zum deutschen Herbst,

sie lag dort in dem weißen Kittel,

und ihr Gehirn schrieb Lieder himmelwärts.

Bei den Vernehmungen, da wirkte sie oft fahrig,

„Wir sind im Hungerstreik!“, so sagte sie,

ihr Hippiehirn, Bewusstseine erweiternd,

schoss Argumentkaskaden, niemand fragte sie.

 

Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe

nahmen Impulse von ihr dankbar auf,

sie rüttelten dem Staat an seiner Maske,

und drehten an der Welten Zeitenlauf.

Die Weggesperrten in Anstalten und Knästen,

die spürten wieder echten Hippiegeist,

während der Herbst schwer hing schon in den Ästen,

und dritte Gen’ration der RAF entgleist.

 

Und in der Zelle schrieb sie die Gedichte,

die sie als Jugendliche niemals schrieb,

sie fieberte, und sah Visionsgesichte,

sie brannten in die Zeit, die ihr noch blieb.

Sie brannten in die Köpfe, in die Seelen,

sie brannten in der Partisanen leid,

sie dachte brennend „Ihr könnt auf mich zählen!“,

und wirkte es in Christi blutig‘ Kleid.

 

„Aus diesem Denken könnt‘ man noch was machen.“,

sagte der Richter zu dem Staatsanwalt,

„Die Verse hier sind keine halben Sachen,

und lassen auch bestimmt das Volk nicht kalt.

Man müsste nur die ewige Revolte

ihr brechen aus dem fiebernden Gehirn,

sie mehr so schreiben lassen, wie sie sollte,

nicht, wie sie wollte, mehr in feinem Zwirn.“

 

Da nahm man Gudrun heimlich still zur Seite

und brachte sie dort gegen Meinhof auf,

„Expressionismus ist das. Zuviel jede Seite!

Der Journalismus nur verändert Zeitenlauf!“

„Das Messer, das gerammt in unsern Rücken,

das bist ja du, Ulrike, nicht der Staat,

dein Verseschießen kann uns nicht beglücken.

Wo bleibt Recherche, wo der Mut zur Tat?“

 

Da gab man ihr ein starkes Sedativum,

das sie zur Ruhe bettete zur Nacht,

Und prima urbes inter, domus divum,

in ihrem Heiligtum ward sie zu Fall gebracht.

Und Stuttgart-Stammheim steht verwaist im Dunkel.

Ins Stammhirn sperrte man sie ein.

Da durfte sie Susanne Albrecht

Und manchmal ihre Töchter sein.

 

Sie ist erhängt!

So stand es in der Presse.

„Ulrike Meinhof, das war Mord!“

Und Rudi Dutschke haute in die Fresse

dem Mob an einem Grab mit einem Wort.

Er hob die Hand, die Augen voller Tränen,

„Der Kampf geht weiter!“,

sagte er, der sich kaum hielt,

und nur Ulrike stöhnte in der Zelle

vor Müdigkeit, sah sich als Kind, das spielt.

 

Ein Schuss fiel, sie entführ’n die Landshut,

und Terroristen im Olympiadorf,

„Im gold’nen Westen geht es uns ja ganz gut.“,

befanden Rot und Schwarz und stachen Torf.

Die Trauerweide und die kahlen Birken,

sie säumen Neuengamme, Auschwitz auch,

der Lohn ist höher, Bild kann Wunder wirken,

es sieht viel besser aus mit einem vollen Bauch.

 

Horst Mahler hielt den Vortrag des Jahrhunderts.

Langweilig.

In der grauen Bibliothek.

Die weiße Taube kleisterte ihr Lied ins Ausguss.

„In DEN Ausguss!“,

rief er hitlermäßig.

Im Taubenkot sind alleweil Gedichte,

und Spiegel-Spucke klebt an München Haar,

weil Ochsenzoll nie eine Charite,

und München schon Berlin und Hamburg war.

 

 

 

 

 

 

„First we take Manhattan, then we take Berlin?“. Auch Leonard Cohen dürfte es anders zu Mute geworden sein, als sein Mitte der 1980er geschriebener Song im Jahr 2001 auf ganz unerwartete, und von ihm sicher nicht so gemeinte Art wahr wurde. Während er offenbar in seinem Lied von einem friedlichen „Angriff“ der Künstler wie Allen Ginsberg, Bob Dylan und William Burroughs ausging, der eine gute Saat über die Menschheit bringen sollte, nahmen gar andere Leute diesen Ball auf, und flogen einen Angriff auf das World Trade Center in New York. Parallelen zu der Zeit des „deutschen Herbstes“ 1977, der Geschichte der RAF, und auch der jüngsten Vergangenheit seit etwa 2018 sind vorhanden, würde ich sagen. Gerade auch die Wandlung des ehemaligen Studentenanwalts Horst Mahler vom linken zum rechten Extrem hin zeigt dies deutlich. Gute Journalisten wie Ulrike Meinhof, die für den „Spiegel“ und die „Konkret“ schrieb, wurden in den Wirren solcher Zeiten nicht selten von Vertreter*innen der Gerechtigkeit in einem höheren und tieferen Sinne zu Menschen, die für die von ihnen als „richtig“ erkannten Werte zu den Waffen griffen. Ich glaube, diese Problematik sprengt das politische Tableau bei Weitem. Die Seiten, die HIER gewechselt werden, sind nicht rechts und links. Sondern die Seiten der argumentativen hin zu den gewalttätigen Waffen. Wenn Ulrike Meinhof schreibt: „Der Mensch in der Uniform ist ein Schwein. Und natürlich kann geschossen werden.“, erinnert verblüffend an Sätze wie „Juden sind Untermenschen und gehören vergast.“. Was hier jeweils für irgendeine „Sache“ preisgegeben wird, ist der Wert des Menschen und der Menschlichkeit.

 

© by Patrick Rabe, 10. August 2021, Hamburg.

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