Patrick Rabe

Schatten über St. Jürgen

 

Ich habe diesen Ort schon einmal geseh’n,

doch ich weiß nicht, wann,

ich bin hier gebor’n, ich find’s hier schön,

weiß nicht, wie ich fliehen kann.

 

In mir steigt die Körperkälte,

betrete ich den alten Platz,

Guillotine und Galgenkür

gehören hier zum Tagessatz.

 

Man wird als Sau durchs Dorf gejagt,

in Güllekuhlen tief ertränkt,

und angezündet, vor dem verbrannt,

der sich auf deinen Tod einschenkt.

 

Und nicht weit weg die Psychiatrie,

da hat man es auch oft gemacht,

in Weiß bemäntelt sah man’s nie:

Sie haben mich dort umgebracht.

 

Und Rammsteins „Sie schlagen mir die Nägel ein“

hat wieder Aktualität,

es könnte auch mal Jesus Christus sein,

der einem eine überbrät.

 

„Nicht in diesem Leben ist das gescheh’n!“

(Nicht in diesem Leben, nicht in diesem Leben!)

Jeanne und Magdalena ließ heil man geh’n.

(sie mussten’s nicht seh’n, sie mussten’s nicht seh’n.)

 

Zitternd spricht ein Pastor:

„Christus ist in jedem,

liebe jeden, wie dich selbst!“,

Hexen brennen, Türken, Polen rennen,

der Fressenschlag, und du zerschellst.

 

Ich wusste lang nicht, wer ich bin,

und warum mich das so sehr umtreibt,

nur, dass ich auf der Seite bin,

die man kopfüber in die Scheiße reibt.

 

Ich merkt‘ es, als der Schlag mich traf

(im sicher’n Schutz der Klinik, im sicher’n Schutz der Klinik),

man hetzte jemand auf mich, der im Tablettenschlaf,

(im sicher’n Schutz der Klinik, im sicher’n Schutz der Klinik).

 

Doch wer hier geschützt wird,

das wurd‘ mir klar,

(das sind nicht die Schafe, das sind nicht die Schafe),

ein Mensch stand dahinter,

der nicht hinsah.

(Weiß macht keine Schafe, weiß macht keine Schafe!)

 

Ein Sedativum, das ist kein Wein,

(es macht nicht lebendig, es macht nicht lebendig!),

man mordet leichter mit Saft von Freund Hein,

(tickt es schon inwendig, tickt es schon inwendig).

 

Ist man innerlich weggespült,

sieht man den Nächsten an verkühlt.

 

Bist du reingewaschen, bist du lange nicht rein,

(Weiß macht keine Schafe, weiß macht keine Schafe),

kannst auch ein Wolf im Schafpelz sein

(weiß macht keine Schafe, weiß macht keine Schafe!)

 

Die Realität: kein Experiment!

Sehr schnell sich hier das Schaf von den Wölfen trennt.

 

Und nur die Wölfe sagen „Schlafschafe!“,

der Schafbock sagt: „Der Wolf braucht Strafe!“

 

Guillotine, Galgentür

warten auf dem alten Platz.

Durchgegangen? Pflicht und Kür

vereinen sich im letzten Satz.

 

„Nicht in diesem Leben ist das gescheh’n!“

(nicht in diesem Leben, nicht in diesem Leben)

konnte ich noch rufen, eh‘ ich geseh’n,

(Nicht in diesem Leben, nicht in diesem Leben)

Ich möchte meine Liebsten wiederseh’n!

(noch in diesem Leben, noch in diesem Leben!)

 

Hundertmal gestorben, nie weggerannt

(schon in diesem Leben, schon in diesem Leben),

und habe meine Liebsten doch wiedererkannt,

(Wir sind noch am Leben, wir sind noch am Leben!).

 

Doch wenn der Tod zu ernst wird,

und sie’s nicht übersteh’n,

gibt es kein Vergeben, gibt es kein Vergeben,

ich will meine Feinde brennen sehn!

(Schon in diesem Leben, schon in diesem Leben!).

 

Noch in diesem Leben ist das gescheh’n!

Noch in diesem Leben, noch in diesem Leben!

Ich will diesen Ort, ich will ihn brennen seh’n!!!

(Noch in diesem Leben, noch in diesem Leben!)

 

Ich sehe sie dort drüben sitzen, fett und satt und reich,

die Nazizeit schon lange her,

doch die Gesinnung – IST GLEICH!!!

 

© by Patrick Rabe, Samstag, 14. August 2021, Hamburg.

 

 

Mein Gedicht ist eine Umdichtung des Razzia-Songs „Schatten über Geroldshofen“, der das mulmige Gefühl thematisiert, an einem Ort, an den man kommt, in einem vergangenen Leben einmal etwas Schreckliches erlebt zu haben. Ein Ort wird nicht besser, wenn er sich als gut und humanitär tarnt.

Morde können auch in einer Kirche als Rufmord und Schreibtischtäterschaft vorbereitet,

und in einer psychiatrischen (oder auch somatischen) Klinik mit „freundlichem Antlitz“ und netten Worten umgesetzt werden, z. B. durch eine Spritze, Tabletten, oder durch die besonders fiese Art, einen anderen, völlig zugetoxten Patienten im-oder explizit auf einen anderen zu hetzen. Diese Art, Menschen zu dezimieren, wurde in Filmen wie „Das Experiment“, „Anatomie“ oder „Das Millionenspiel“ (eine amerikanische Variante davon ist „Running Man“) hinlänglich und sehr gut thematisiert. Allerdings sind es sehr oft die Täter, die fordern, man möge auch den „Täter in sich selber“ erkennen, und die These aufstellen, dass einem das beim Vergeben helfen würde. Ich sage mit meinen Erfahrungen der letzten Jahre: „Nein! Das protegiert nur die Täter, und gibt ihnen noch die Rechtfertigung, mit ihrer Scheiße weiterzumachen.“. Sich „in Jesus Christus wiederzuerkennen“ ist genauso lange angenehm, bis es zur Kreuzigung kommt. Die Täter erkennen sich dann verblüffender Weise immer noch in Jesus Christus wieder. Die Punkband „Razzia“, die Originalsong „Schatten über Geroldshofen“ geschrieben hat,  kommt aus meiner Gegend, und ich kenne einige ihrer Mitglieder persönlich. Geroldshofen ist ein Ort im Ruhrgebiet, in dem in der Nazizeit sehr viele Juden und „Behinderte“ umgebracht wurden, teilweise durch die sogenannte „Euthanasie“ (den angeblich „schönen“ und „gnädigen“ Tod durch Spritzen und Tabletten in „Krankenhäusern“.) Ebenfalls in Geroldshofen fanden im Mittelalter viele Hexenprozesse statt. Wenn man als Band oder Schriftsteller über einen Ort schreibt, an dem man lebt, wählt man manchmal umschreibende Worte, weil man sich vor Gerichtsprozessen gegen einen selber fürchtet. Die Platten von Razzia finde ich aber doch außerordentlich direkt. Andreas und Peter Siegler von „Razzia“ haben einen Bruder, der in der Behinderteneinrichtung von Alsterdorf mit Tabletten und teilweise auch Schlägen, Misshandlungen und Vergewaltigungen gequält wurde, in einer offiziell so bezeichneten „Wohngruppe“. In den 1980ern die berüchtigte „Station 17“ (später„Wohngruppe 17“). Dass die Bewohner und ehemaligen Bewohner dieser Wohngruppe eine mittlerweile sehr populäre Band gründen durften, und teilweise ja auch nicht mehr in Alsterdorf leben, änderte nichts an den Zuständen dort. Bis auf den heutigen Tag gibt es dort Misshandlungen körperlicher, psychischer und sexueller Art gegen dort lebende, behinderte und psychisch kranke Menschen, das weiß ich aus erster Hand (von Betroffenen und Pflegern/Betreuern). Im Krankenhaus Ochsenzoll ist es dasselbe. Beide sind anteilig (Ochsenzoll) bzw. ganz (Alstedorf) kirchlich.  Allerdings hat Andreas Siegler den Namen „Geroldshofen“ gewählt, um nicht „St. Jürgen“ schreiben zu müssen (Jürgen ist die norddeutsche Form von „Georg“, „Gerold“ ist eine Variation davon.). Man kann bis heute von Langenhorner Behörden Ärger dafür bekommen. Wie jeder weiß, bin ich da weiter gegangen. Die Vergehen an der Menschlichkeit, die von Langenhorn (und Alsterdorf) bis heute ausgehen, sind mir widerlich. Ich riskiere dafür gerne einen Gerichtsprozess. Die Kirche ein Ort der Menschlichkeit und Nächstenliebe? Ich sehe nichts davon. Den Eindruck hat man nur, wenn man sich in diesen Gebäuden aufhält und zum „erlauchten Kreis“ gehört. Im Krankenhaus oder der Behinderteneinrichtung ist es ähnlich. Wenn wir eine Gesellschaft wollen, die sich nicht auf Blut, Mord und Untaten gründet, müssen wir es AKTIV ändern. Ich gehöre NICHT zu erlauchten kreisen. Deswegen nennt man mich wohl auch oft einen „Lauch“. Manchmal auch ein „Opfer“.  Ich habe zu lange Haare und stelle mich zu eindeutig auf die Seite der Opfer.  Ich esse zwar manchmal Elite-Schokopudding, gehöre aber nicht zur Elite. Pech für mich. Macht aber nichts. Ich kann dieses Pech ja mit Wasser und Benzin anrühren und es über die Kirchen, Kliniken und Behinderteneinrichtungen kippen und anzünden. Natürlich erst, wenn die Menschen da raus sind.

 

Ändern tut sich eine Gesellschaft aber nicht unbedingt, wenn „böse Gebäude“ oder „böse Statuen“ weg sind. Die Mörder müssen weg. Ändern tun sich die Menschen erst, wenn sie sich innerlich ändern. Nicht, wenn die Regierung, das System oder die Symbole, an die man glaubt, geändert werden. An diesem jesuanischen Standpunkt halte ich fest. Manch ein Täter mit realer, politischer Macht oder in hohen Ämtern in Staat und Kirche ist aber bereits viel zu mächtig geworden, als dass man das noch gütlich lösen könnte. Es ist an der Zeit gegen die Täter vorzugehen, die „Zombies in high Places“. Vor allem aber auch gegen die Nicht-Zombies in hohen Positionen. Denn einige von denen können eindeutig noch sehr klar und bewusst denken.  „Heimlich werd‘ ich aufersteh’n, und DU wirst um Gnade fleh’n! Dann knie ich mich in dein Gesicht und steck den Finger in die ASCHE!“, wie Rammstein es singen, könnte dann wahr werden. Ich weiß wirklich nicht, ob viele Christen die Bibel nicht kennen. Jesus Christus ist nur für die der Retter, die anderen nichts tun. Für die anderen ist er der Richter. Er ist aber mit Sicherheit immer einer „aus der Masse“, der nicht über die Masse herrscht, sondern solidarisch an ihrer Seite ist. Jesus verzichtete auf politische Macht. Ein Hitler, Napoleon oder Stalin nicht. Ich vereindeutige meine Version von „Schatten über Geroldshofen“ daher doch auf „Schatten über St. Jürgen“. Dass nicht alle Menschen in dieser Kirche und in Langenhorn „böse“ und Unmenschen sind, versteht sich hoffentlich von selber.

 

 

© by Patrick Rabe, 14. August 2021, Hamburg.

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