Aylin

Maklersprüche

Maklersprüche ( Satire)

 

 

Mein Traum war es, meinen Lebensabend am Meer zu verbringen. Auf der Suche nach einem Haus im Norden traf ich auf viele Makler. Ihre Sprüche und Exposeeaussagen sind teilweise so daneben, dass sie schon satirischen Charakter haben.

Makler kann jeder werden, es ist kein Lehrberuf. Einer erzählte mir stolz, dass er vorher Betonmischer war. Wen wundert es also bei so viel Intelligenz und rhetorischem Geschick, dass der potentielle Käufer enttäuscht vom Haus nach hause fährt. Sechs bis sieben Prozent Courtage wollen sie für ihr unseliges Bemühen kassieren. Ihre Sprache jedoch muss man verstehen.

Ein „gepflegtes“ Haus bedeutet nicht etwa, dass regelmäßig gestrichen und renoviert wurde, schon gar nicht, dass saniert wurde. Ein „ gepflegtes Haus“ aus den fünfziger Jahren kann durchaus mit Duschen aus den Siebzigern aufwarten und Tapeten im oberen Stock, die schon dreißig Jahre kleben. Dass sie sich wellen, muss laut Makler kein Zeichen für Feuchtigkeit sein, sie sind dann wahrscheinlich halt „schlecht geklebt“.

Wenn du die kleinen Flügelschalter siehst, die wirken, als wollten sie gleich davon fliegen, dann weißt du, dass die Elektrik aus demselben Jahrgang stammt wie der Wohnzimmerschrank, der dir als Antiquität gleich mitverschachert werden soll. Man hüte sich also vor jeder Besichtigung vor übertriebener Freude.

Ein blumiger Namenund schon frisst der dumme Käufer dem Makler alles ( aus der Hand.) Ein Makler nennt ein Bad aus den Siebzigern „ Retrobad“ und angeblich sind alle Feriengäste , die die oben liegende Ferienwohnung buchen wollen, ganz heiß auf das Retrobad. Und fragen alle nach, ob denn das tolle Bad noch da ist. Ja, ist es noch. Und das seit vierzig Jahren. Es gibt Dinge, die vergehen nie.

Ich stelle mir nun eine Art Hippibad mit orangenen Blümchen und Kreismustern vor- ja, wenn die anderen es doch so toll finden! Hey we go to San Fransico in Neufunninx. Ich fahre 480 km bis an die Küste im Norden von Deutschland, wo selbst der Arsch der Welt zu Ende ist, wo nichts mehr ist außer Weide, Weide, Weide… Das Retrobad wartet dann in natura mit hässlichen mittelbeigegelben Fliesen auf, die man früher in Männerklos auf dem Hauptbahnhof verlegte.

„Was wollen Sie erwarten von einem ein Haus für 250.000 Euro?“ fragt der Makler unwirsch. Wohlgemerkt für ein Haus, das nicht in Köln-Lindenthal liegt, sondern dort , wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen. Obwohl man hört, dass die Füchse längst nach Brandenburg abgewandert sind, weil dort mehr los ist…

Es soll Menschen geben, die Euro in DM zurückrechnen und sich dann an den Kopf greifen. Beim ersten Mal lächelt man noch, beim zweiten wird man zynisch, beim dritten bis sechsten ranzt man den Makler an und knallt die Autotür, dass sie beinah abfällt.

Doch hart gesotten wie man ist, fährt man och weitere drei Male Häuser besichtigen, streichelt dort über Stockflecken, atmet den Mief von ungelüfteten Mansardenräumen, versucht auf Heizungen Aufkleber mit Erstellungsdaten zu finden, bevor die Dinger zusammenbrechen, raucht mit den Maklern auf diversen Terrassen eine Zigarette , obwohl man ihnen selbige am liebsten auf der Hand, die das Exposee schrieb, ausdrücken würde.

Nie hätte man gedacht, dass man zu Gewalt neigt, bevor man diese Maklerodyssee auf sich nahm. Auch ein Weg, der zu sich selbst führen kann.

 

Mittlerweile kennst du jeden Bahnhof zwischen Köln und Minsen, jede Autobahnraststätte zwischen Kamener Kreuz und Ammerland. Brummifahrer bieten dir ihre Handynummer an, wenigstens etwas mit siebenundfünfzig…

Ein Handelsreisender, den du nun schon zum vierten Mal vor dem Klobilletautomaten in Dammer Berge triffst, grüßt dich jovial und fragt dich: „ Worin sind Sie eigentlich geschäftlich unterwegs?“ Du lächelst gequält und antwortest : „Thrombosestrümpfe!“ „ Oh“, meint er und verschwindet durchs Drehkreuz.

 

Irgendwann aber kommt der Moment, wo der Aktionismus existentiell wird, weil deine Kraft langsam nachlässt- mit siebenundfünfzig.

Du wirfst alle Exposees in den Müll, empfindest deinen Garten und dein stets renoviertes Haus als Paradies und beginnst, Satiren über Makler zu schreiben.

Da, ja, da flattert dir ein neues Objekt per Post ins Haus:

„Perle am Nordseestrand sucht dich….“

Der eindrucksvollste Satz des dilettantischen Geschreibsels jedoch bestätigt alles, was du bisher über Makler gelernt hast. Originalzitat:

„Ortsteile sind Erholungsorte, Horumersiel-Schillig ist ein Nordseeheilbad, Hooksiel und Minsen haben den Status von Küstenbadeorten. Ein paar Meter weiter ist das Seniorenzentrum und der Friedhof - für den Fall das Sie länger bleiben wollen…“.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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