Patrick Rabe

Was ein Mädchen bei der Klavierlehrerin erlebte

Was ein Mädchen bei der Klavierlehrerin erlebte

 

Ich war gerade 15 Jahr‘,

da sagte mir meine Mama,

dass es doch schön wär‘ für mein Glück,

machte ich etwas Hausmusik.

Sie schickte mich zu einer Frau

mit einem Garten und Kakao,

den man dann nach der Stunde trank,

man wurde davon niemals krank.

Nur stand mir nie so ganz der Sinn

nach der Klavierlehrerin.

 

Ich war damals ja grad‘ verknallt

in einen Jungen, der gemalt,

und manchmal auch sehr laut gespielt

auf der Gitarre, hart und wild,

der war Exot in unser’m Nest,

ihm zuzuhör’n, das war ein Fest,

der spielte, was gedacht man hat,

und nie vom frommen Notenblatt,

das staubig steht auf dem Klavier.

Komm, schöner Fremder, gib es mir.

 

Die Lehrerin war ehrenwert,

und wurd‘ im Stadtteil sehr verehrt,

sie saß sehr hoch im Kirchenrat,

weil sie genügend Schotter hat,

nur eines war nicht angenehm,

ihr alkoholisches Problem.

Und ihren Mann, den sah man nie,

den schickte in den Keller sie,

kamen die Schüler in das Haus

und packten ihre Noten aus.

 

Bei der Etühühühhüde

wurd‘ ich so mühühühüde,

und dann beim hohohohen „C“

tat es mir in den Fingern weh,

da dachte ich, wie so entspannt

wär’n sie in einem ander’n Land,

zum Beispiel tief im Hosenschlitz

von diesem Jungen, mit Pomm Fritz.

Da langte sie ganz furchtbar hin

meine Klavierlehrerin.

 

„Wenn du so furchtbar Liebe brauchst,

und gerne Zigaretten rauchst,

dann komm mal in den Keller mit,

dann mache ich dich wieder fit.“

Sie zerrte mich an meiner Hand

hinunter, drängte mich zur Wand,

da war ihr Mann, den man kaum sah,

er kam mir plötzlich viel zu nah,

sie grabschten, zogen mich ganz aus,

kein Schrei drang aus dem Bürgerhaus.

 

Sie hatten beide ihren Spaß,

als er verkehrtrum auf mir saß,

das Sperma und der Wodka floss,

und hinter jede Binde goss

man Anstand, Form und auch Moral,

ich fühlte mich wie in `nem Wal.

Den gab es auch bei uns. `S war chic,

zu saufen nachts im „Moby Dick“.

Um Mitternacht war Gangbang und…

zur Morgenstund‘ Oblat‘ im Mund.

 

Was für ein schönes Leheheheben,

wird ja vergeheheheben,

man ist so bildungsbürgerlich,

und setzt den Kindern einen Stich

in Herz und Seele, Muschi, Arsch,

und isst im „Moby“ frischen Barsch,

den gibt es da als Mittagstisch,

danach ein Bier, gluck, gluck, zisch, zisch.

Nur zog mich danach nichts mehr hin

zu der Klavierlehrerin.

 

©Patrick Rabe, 17. August 2021, Hamburg.

 

Mein Gedicht ist angelehnt an den Song „Die Klavierlehrerin“ von Udo Lindenberg. Ich schätze, dass Udo mit seiner Klavierlehrerin schöne Dinge erlebt hat. Das gilt ja aber nicht für jede/n. Ich möchte mit meinem Gedicht nochmals auf die Gefahren hinweisen, die in religiös verklemmten, aber dennoch bildungsbürgerlich aufgehübschten deutschen Vorstädten und Kleinstädten immer noch geschehen kann (In meiner Jugend sind solche Dinge in meiner Gegend passiert.). Es  gibt durchaus auch manchmal eine Art „Eifersucht“ der Bildungsbürger auf das sogenannte „Prekariat“ und die „Arbeiter“. Weil die sich ja angeblich viel ungehemmter und freier andauernd besaufen, und dann wie die Tiere übereinander herfallen. Die Problematik mit zuviel Alkoholkonsum gibt es aber vor allem auch in den „reicheren“ Haushalten, und der „umgekehrte Dünkel“ („Mann, haben es die Asozialen und Hartz-4-Empfänger gut, die können immer saufen und ficken!“) führt oft dazu, dass sich hier zwar keine dauernden Ausschreitungen und Entgleisungen entwickeln, aber sehr oft unerkannte Perversionen, die – wenn durch irgendeinen Zufall mal ein entsprechendes Ventil aufgedreht wird- dann in erschreckend heftiger Weise zum Ausbruch kommen. Die Kneipe „Moby Dick“ hat es in meinem Stadtteil wirklich gegeben. Die dort stattfindenden Gangbangs waren berüchtigt, und viele Jugendliche hatten noch Jahre später, nachdem sie das Moby Dick nie wieder betreten hatten, Angst vor diesem „Laden“. Ich kenne Gleichaltrige und sogar Ältere, die über Besuche des „Moby Dick“ abgerutscht sind in einen Sumpf aus Prostitution und Drogenmissbrauch. Das ganze lief in unserem Stadtteil gut 50 Jahre lang, ohne, dass jemand eingeschritten ist. Mittlerweile wurde das „Moby Dick“ geschlossen, und das Gebäude verkauft. Leider versuchen die Betreiber immer noch, an anderer Stelle weiterzumachen. Das ist aber ja nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind die oft viel leichter herunterspielbaren Verbrechen an Leib, Geist und Seele von Menschen – vor allem Kindern- die in einem Viertel mit „gesetztem“, gutsituiertem Anstrich viel weniger auffallen, besonders dann nicht, wenn sie kirchlich gedeckelt werden. Die Mischung aus dem Mief von Bürgerlichkeit, Spießigkeit, sexueller Verklemmtheit, Unterschicht, Suff, Drogen und Kirche haben schon viele beschrieben. Weniger aktuell ist die Problematik allerdings nicht geworden.

 

 

 

 

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • onkel.merlinweb.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)
  • 1 Leserinnen/Leser folgen Patrick Rabe

  Patrick Rabe als Lieblingsautor markieren

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gesellschaftskritisches" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Kephas (der mystische Weg) von Patrick Rabe (Spirituelles)
Big Brother… von Paul Rudolf Uhl (Gesellschaftskritisches)
Wie gern ich nasche von Margit Kvarda (Humor - Zum Schmunzeln)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen