Patrick Rabe

Der Riss

Der Riss

 

„Wenn der Riss kommt, kommt auch bald der Penis.“,

stammelt eine Frau im Regen,

und greift sich nervös an ihr Kleid.

 

Sie hat panische Angst vor Vergewaltigern.

Ihre Erfahrung, die sie versucht hat,

in ihrer Therapie zu bearbeiten und loszuwerden,

sagt ihr,

dass, wenn es regnet,

und gleichzeitig ein Riss an ihrem Kleid entsteht,

sofort ein Vergewaltiger um die Ecke gerast kommt,

und sie vergewaltigt.

 

Ihr Therapeut sagt ihr jedesmal, dass das nicht logisch ist.

Sie glaubt es trotzdem.

Jetzt regnet es,

sie IST im Kleid,

und die Therapie hat nichts genützt.

Sie hat Angst vor Penissen.

 

Immer wieder stammelt sie den einen Satz:

„Wenn der Riss kommt, kommt auch bald der Penis.“

Sie wird patschnass.

 

Ein Polizeifunk und ein privates Handy fangen den Satz auf, den sie sagt.

 

Sie nestelt an ihrem Kleid,

fummelt in immer irreren Bewegungen

an den nasser werdenden Stoff herum…

fängt an zu schreien,

und zerreißt das Kleid

direkt über ihrer Vagina.

 

Der Vorhang im Jerusalemer Tempel zerreißt.

Das Allerheiligste ist enthüllt.

 

Da fallen alle aus ihren Samadhitanks

und verbringen einen Abend mit der Sonne.

Sie erkennen, dass sie immer mit den Schatten getanzt haben,

und nun Trucks fahren sollen.

In ihren Gehirnen verbinden sich synaptische Erinnerungen irgendwelcher Horrorfilme

 mit Trucks, die Menschen ohne jeden Grund verfolgen,

mit Befehlen, die sie auf evangelikalen Internetseiten gelesen haben,

und dem Wunsch, endlich mal nicht die andere Wange hinzuhalten,

sondern ohne Sinn und Verstand zu morden.

 

Vom Feuer versengt fahren sie besengt Trucks

aus Einfahrten abgesengter, noch brennender, zusammenstürzender Kirchen heraus,

rasen mit irre lachenden Hassfressen,

auf die sie sich ein rotes Joker-Grinsen gemalt haben,

 über Menschen, die sie mal kannten, fetzen sie von der Straße und lachen befreit.

„Weg mit den Untermenschen! Gott schütze die christliche Rasse!“

 

 

Der Stahltruck mit seinen orangen Flammenemblemen schützt sie.

So haben sie es in der Therapie gelernt.

Sich unangreifbar machen gegen Feinde.

Die Feinde sind immer die anderen.

 

Alle von fürsorglichen Therapeuten

ihnen beigebrachte Strategien,

um sich vor bösen Männern,

übergriffigen Frauen,

toxischen Chefs,

Grabschern,

Terroristen,

und

 hasserfüllten Diktatoren,

 

die in ihren eigenen Ländern sitzen und Befehle geben,

und gleichzeitig in deutschen Kleinstädten

als Karikatur herumlaufen,

und überall lang und breit

mit schnarrender Stimme ihre Verbrechen ankündigen,

 

zu schützen,

wenden sie nun auf einmal an.

 

Der Firetruck „Hellspeed“

wird gerne an zarte, christliche Truckfahrerinnen-und Fahrer mit Therapieerfahrung

oder Behinderte ohne Führerschein verkauft,

die sich darin an einem sicheren inneren Ort wähnen wollen,

oder an ihre ehemaligen, frustrierten Pfleger ,

die sich von ihren chronischen Gewaltproblemen befreien wollen,

und dabei helfen möchten, aufgegebene Kirchen

mit Vollkaracho niederzureißen.

Als entspannenden Nebenjob.

Dass man dabei aus Versehen auch gerne mal

Ex-Patienten und Patient*innen mit drei bis vier Geschlechtern überfahren kann,

ist ein willkommener Nebeneffekt.

 

Derweil wird Dirk von Lowtzow,

der wegen des abgesagten Tocotronickonzertes etwas Leerlauf hat,

mit seiner neuen Sexbekanntschaft,

die er im Missbrauchten-Chat kennengelernt hat,

beim Griechen nebenan

von einem dicken Irren,

der sie beide im Missbrauchten-Chat kennengelernt hat,

 an einer Hundeleine hereingeführt,

und unter dem Tisch griechisch gefickt,

wobei sich Dirk und seine neue Flamme in einen Hund und eine Katze verwandeln,

um die Schrecklichkeiten auszuhalten.

Nun sind es zwei dicke Irre,

die brutal mit ihren Springerstiefeln

auf die beiden Tiere eintreten,

bis alle vier wieder als Menschen

an einem besseren Tisch sitzen.

So stellt sich Scientology den sozialen Aufstieg

und die Evolution vor.

 

 

Der Wirt zittert um sein Leben.

 

„Man muss immer golden sein und grinsen.“,

sagt die alte Dame, die dabei zusieht.

 

Ein Gaffer mit Jesushaaren, der helfen möchte, und gerade deswegen kein Gaffer ist,

wird von einem außerirdischen Fangstrahl festgefroren.

 

Die alte Dame wird mit luftballonähnlicher Lichtenergie aus Lachgas aufgefüllt,

darf vergessen, dass sie schon im dritten Reich Nazi war, und Juden verpfiffen hat,

und schwebt davon zum Zauberer,

der ihr im Einkaufszentrum

hinter der Osterauslage ein Parfüm zu trinken gibt,

damit sie auch noch vergessen kann,

dass am Jahresende erst mal Weihnachten kommt, und nicht schon wieder Ostern.

 

Hasserfüllt taumeln Warzenschweine durch die Tundra von Zentralasien.

Sie werden dort als Minderheit von muslimischen Hunden gejagt,

die als Minderheit von christlich-orthodoxen Rindern gejagt werden.

 

Sofort drücken ein Afghane

und ein Schwarzer

auf einen amerikanischen roten Knopf an einer Coladose,

verbinden sich zum kokshaltigen Schwarzen Afghanen,

und rufen Superman um Hilfe.

Der kann nicht, und fragt Rocky.

Am Ende muss es wieder Rambo machen.

 

Rambo kämpft jetzt als schwarzer Afghane

für und gegen Afghanistan,

mit und ohne sich selber terminierende Termiten,

die sich zu Terminatoren ummorphen können,

mit und ohne Erlaubnis von Regierungen und sich selber,

gleichzeitig vom Hubschrauber und vom Boden aus,

mal mit erhobenem Zeigefinger,

und mal mit Maschinengewehr.

 

„Das nennt man Perspektivwechsel.“,

erklärt er Colonell Trautmann,

der als Obi Wan Kenobi

manchmal in seinen Walkie-Talkie zugeschaltet wird,

um ihm zu suggerieren,

dass die von ihm so geliebte Vaterfigur noch lebt.

 

„Ja.“, sagt Obi Wan Kenobi mit gedehnter Stimme.

„Nur bin ich keine Figur, sondern Gott.“

 

Und dann zu seiner Verlobten Pot Marihuana Deckel:

„Das macht die Stimme so schön weich, wenn man kifft.“

 

Krachend stürzt der Hubschrauber auf einen orangeroten Firetruck,

der von einer christlichen Fahrradfahrerin

über den schmalen Highway zwischen Wilhelm Tells Gassen

durch ein riesiges, enggebautes Wohngebiet gejagt wird,

in dem auch manchmal Hasen Schlittschuh laufen.

 

Wie ein Penis, der von einem Spermium verfolgt wird.

 

„In den Zwischenraum…“,

hört Rambo noch die Stimme von Obi Wan.

„Rein in die Muschi!“,

schreien die Bauarbeiter.

Die Granate trifft in die einzige verwundbare Stelle

des Todessterns.

In den Müllschacht

vor Frau Gräulichs Tür.

 

Nieder stößt der Penis.

 

Es gibt Kabulsalat.

 

Der Irre fickt die Frau im nassen Kleid,

die Angst vor Vergewaltigern hat,

 in den Arsch.

 

Wenn der Riss kommt.

 

 

© by Patrick Rabe, 19. August 2021, Hamburg.

 

 

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