Liselotte Brand-Cerny

Das magische Haus

Hast du auch, wie ich, viel Fantasie?
Glaubst du auch, wie ich, an Magie?
So komm' einen Augenblick mit mir
und stell dir vor, du lebtest hier!

*****
Mein Vater hat von einer Ahnin erzählt
und für mich den Namen ALEXJA gewählt.
Sie war im Osten unter Zigeunern geboren,
und wurde schon jung zum Führen erkoren.
Als starke und gerechte Persönlichkeit,
führte sie alle durch die Wirren der Zeit.
Sie beherrschte die Heilkunst und die Magie -
doch was dann geschah, davon sprach er nie…

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Ich erinnere mich, ich war noch sehr klein,
schon damals war ich meistens allein.
Es machte mir nichts aus, ich hatte zu tun
und hatte kaum Zeit, mich auszuruhn.
Meine Eltern wollten es zwar nicht sehen,
doch liess ich hier gar vieles geschehen…

Die Regentropfen am Fenster liefen quer
anstatt nach unten, das war nicht schwer.
Meine Bausteine bauten sich von alleine auf,
ich zeigte nur mit den Fingern darauf.
Das Mobile zu drehen - wie einfach war das -
nur mit dem Willen, das machte Spass.
Auch noch anderes konnte ich machen,
doch hier wollte niemand darüber lachen.
Meine Eltern verboten mir es dann
etwas zu tun, das sonst niemand kann.

<><><>

Stephan, Vaters Bruder, wohnt nebenan,
mit Fiona, einer Irin, die auch heilen kann.
Sie sucht Kräuter und Blüten in der Nacht,
aus denen sie Tees und viele Salben macht.
Auf die Phasen des Mondes muss sie achten,
so, wie es schon Oma und Mama machten.
Fiona weiss alles über die Mondenergie,
und in seinem Licht fühlt sie seine Magie.

Wenn ich auch meine Eltern nur selten sehe,
Stephan und Fiona sind ja stets in der Nähe.
Oft hört man sie singen - eine irische Weise,
es ist wie ein Zauber, traumhaft und leise.
Physik ist Stephans Leben, seine Leidenschaft,
auch die Magie braucht einen Teil seiner Kraft.
Technisches fordert ihn immer heraus,
man sieht es überall in der beiden Haus.

Ich weiss zwar nicht, was es bedeutet,
weiss aber, dass man an einer Türe läutet.
Bis zum grossen Tor ist der Weg zu weit,
dazu habe ich einfach nicht genug Zeit.
So rufe ich über die Hecke: »Ist jemand da?«
Und schon kommt Fiona – es ist ja sehr nah,
sie hebt mich hoch, ach, ich bin schon schwer,
»Stephan, da muss bald ein Türchen her!«
Nun hat er dort einen Durchgang gemacht,
und hat sogar an ein Glöckchen gedacht.

<><><>

Ach, ich liebe dieses verträumte Haus,
alles hier sieht so geheimnisvoll aus,
eigentlich ist es ja nicht sehr gross,
doch für mich ist es ein Zauberschloss.
Die vielen Dinge die dort sind,
was gibt es Schöneres für ein Kind?
Da ist auch ein Park und eine Quelle
mit einer Zugbrücke, genau an der Stelle,
wo die Quelle am tiefsten ist
und ganz sicher einen Meter misst.
Ein Schaufelrad, das wie eine Orgel klingt,
und ein Windrad, das in den Lüften singt.
Winzige Regenbogen tanzen auf und nieder,
verschwinden dann und finden sich wieder.

Und im Park, Fionas grosser Traum,
hat jeder seinen eigenen Lebensbaum.
Ich habe nun eine junge Weide,
die Blätter schimmern wie reine Seide.
Über die Brücke – man muss etwas warten -
kommt man in Fionas blühenden Garten.
Ich darf ganz alleine über die Brücke gehen,
um die Schmetterlinge tanzen zu sehen.

<><><>

Stephan hat eine Truhe aus Akazienholz,
auf die ist er natürlich ganz besonders stolz,
sie glänzt wie ein Spiegel, ist gut erhalten,
der Inhalt gepflegt und instand gehalten.
Darin ist Zauberhaftes und Kurioses,
Ungewöhnliches und Grandioses.
Vieles erdacht von Opas Hand -
fantastisch, was er so alles erfand.
Einfache Spiele, zur Unterhaltung gedacht,
anderes, vom Trödler nach Hause gebracht.
Da sind auch viele Besonderheiten,
wie alte Bücher mit schon losen Seiten,
von Hand geschrieben, kaum noch zu lesen –
die, die sie schrieben, waren Weise gewesen.

<><><>

Mein eigener Spieltrieb ist nur noch klein,
was ich kann, erscheint nun banal zu sein.
Viel Grösseres geschieht um mich herum,
und ich frage mich oft, WIE und WARUM?
Ist es Zauberei oder sind es Illusionen?
Oder nur trickreiche Attraktionen?
Wie ist es möglich, dass hier im Haus,
Blümchen wachsen aus der Wand heraus?
Wie kann es sein, dass ein Teekessel singt,
den man doch sonst nur zum Pfeifen bringt?
Ein Fotoapparat der nicht zeigt, was er sieht,
sondern das, was in Gedanken geschieht?
Wie schafft es ein Seidentuch, selbst zu stehen
und auf den vier Zipfeln davon zu gehen?

Eine alte Taschenuhr, mit diffusem Licht,
tickt, doch die richtige Zeit zeigt sie nicht.
Das Zifferblatt dreht sich, dazu noch verkehrt,
aber Grossvater hat sich niemals beschwert.
Da war noch ein Spiegel im Deckel der Uhr,
doch auch der half niemanden auf die Spur.
Ihm machte es Spass, dabei zuzusehen,
wie andere versuchten, die Uhr zu drehen.
Ich träumte, es hätte mit Spiegeln zu tun,
und ich werde sicher nicht eher ruh'n,
bis es mir gelingt, die Zeit abzulesen,
so, als wäre es nie anders gewesen.

Da ist ein Rechner, der, wird er berührt,
ein eigenes, unverständliches Leben führt.
Er spürt die Aufgabe, an die man gedacht,
bevor er sich an die Arbeit macht.
Er rattert, leuchtet Zahlen an die Wand,
Plus und Minus stehen am rechten Rand,
er schreibt Formeln, komisch anzusehen,
doch Stephan kann sie natürlich verstehen.
Jetzt merkt der Rechner, dass Alexja übt,
da scheint es, als wäre er richtig betrübt,
er macht ein Geräusch, als würde er lachen,
und sich über das Mädchen lustig machen.
Dann steht das Rechenwerk plötzlich still,
es macht keinen Spass, dieses einfache Spiel.

Eine Spieldose, von Hand zu bewegen,
man kann sie stellen oder auch legen,
spielt immer die gleiche fröhliche Weise,
von einem kleinen Engel und seiner Reise.
Was ist da schon besonderes dran?
Die Begleitmusik ist es! Hör es dir an!
Es kommt drauf an, wer die Kurbel bewegt,
ob er traurig ist, fröhlich, oder aufgeregt.
Man hört eine Geige, oder ein Xylophon,
eine Panflöte, ein Klavier, oder Saxophon,
manchmal ist da auch einen Kinderchor,
dann hilft auch Stephan mit seinem Tenor.

Ich sah noch etwas in der Truhe,
es lässt mir einfach keine Ruhe.
Ein Koffer aus schwarz lackiertem Geflecht,
der Schlüssel steckt. Doch wer hat das Recht
zu wissen, was in dem Koffer ist?
Ob irgend jemand den Inhalt vermisst?
Ich will jetzt Stephan oder Fiona fragen
und einer von ihnen wird es mir sagen.
»Alexja, ich habe nicht mehr daran gedacht
und keiner hat sich dann noch Mühe gemacht
zu versuchen, den Schlüssel zu drehen;
probier es selbst, dann wirst du es sehen.«
Der Koffer ist schwer, ist kaum zu tragen,
Der Schlüssel dreht sich ja!! Soll ich es wagen?

Ah, da liegt ein Tuch aus weisser Seide,
darauf ein frisches Ästchen einer Weide.
Und darunter ein Buch, riesig und schwer,
allein schon der Einband gefällt mir sehr;
aus schwarzem Leder, aus Silber der Rand,
und dann noch ein silbernes Leseband.
Der Name ALEXJA, ein wenig verschoben,
ist mit Fäden aus reinem Silber gewoben.
Vierhundert Seiten mit handgemalten Bildern,
der Text daruter, um die Szenen zu schildern.
Auf der ersten Seite, mit wehendem Gewand,
hällt sie ein feenhaftes Mädchen an der Hand.
»Der Weg zu den Ahnen ist nun geschlossen.
nach all den Jahren, die seither verflossen,
hast nur du, kleine Alexja, meine Fähigkeiten,
und so schliesst sich der Kreis für alle Zeiten.«

<><><>

Es braucht viel Zeit, durch's Haus zu gehen,
vieles möchte man wieder und wieder sehen.
Das Haus, der Garten, die Luft ist umgeben
von Farben, von Tönen, von eigenem Leben.
Man kann über die vielen Dinge staunen;
wenn es ganz still ist, hört man sie raunen,
vor allem in einer Vollmondnacht,
da haben Dinge eine besondere Macht.

*****
Auch wenn es nur Illusionen sind,
du hast sie gelesen wie ein Kind,
das – zumindest dann und wann –
noch an Märchen glauben kann.
30.08.2021

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