Volker Walter Robert Buchloh

Seelenwanderung

Glauben Sie an Seelenwanderung?

 

Rolf Hermann Buchloh (*1920-2001)

ca. 1967

 

 

Glauben Sie an die Seelenwanderung wie die Ureinwohner Australiens, Inder oder einige Naturvölker? Nun, wir werden sehen.

 

Es ist Dienstag, der 29. August 1797. Über den Knüppeldamm von der Ackerfähre zur Stadt Duisburg rumpelt die Postkutsche. Einer der Reisenden ist Abraham Alexander, Komponist und Geigenvirtuose. Die Kaufmannschaft der Stadt hat ihn zu einem Konzert eingeladen. Die Post hä1t auf dem Burgplatz und ein Hausdiener erwartet den Künstler, seinen Reisekorb ins Gasthaus zu tragen" Fünf Schritte hinter dem Hausburschen schreitet Abraham A1exander seiner Unterkunft zu. Da hat ihn auch schon einer der Gassenjungen erspäht. Sein Ruf: "Seht mal, ein Jud´!" alarmiert die anderen. Fürwahr, diese Persönlichkeit ist nicht zu übersehen. Ein großer, schlanker Mann mit wallendem weißen Mantel und langem, silberhellem Haar.

Bedächtig setzt er seine weiten Schritte und blickt freundlich auf die staunende Umwelt. Für Duisburg ist solch eine Erscheinung eine Sensation. In wenigen Augenblicken umringt ihn eine Schar lärmender Kinder. Herausfordernde Zurufe, schrille Pfiffe begleiten ihn auf seinem Weg. Der Ordnungshüter, der verträumt in die Mittagssonne blinzelte, wird auf die Leute aufmerksam und marschiert mit dem ganzen Gewicht seiner Würde quer über den Burgplatz um nach dem Rechten zu sehen. Übermütig toben die Jungens, rennen vor Abrahams Füßen hin und her und ein besonders Übermütiger, der Peter Schmitz, stößt ein leeres Fässchen holländischer Matjesheringe um, sicher ohne böse Absicht, daß die restliche Salzlake heraus spritzt, und auch die hellen Reisestiefel des Musikus bekommen einen Guß davon mit. Just in diesem Augenblick hat der Gendarm die Gruppe erreicht. Ohne Zaudern gibt er dem kleinen Peter, der ob seiner Untat, selbst erstaunt, verdutzt dasteht, eine kräftige, knallende Ohrfeige, daß der kleine Sünder laut weinend davonläuft. Mit einem Schlag ist Ruhe, die tobende Horde ist still und rennt auseinander. So einfach hatte es damals die Polizei. Der Jude wirft seinem Helfer einen dankbaren Blick zu und schreitet gemessen weiter.

Am Mittwochabend. ist im Hause des Fabrikanten Böniger ein glanzvolles Konzert zu Ehren des Ministers Heinitz und Oberpräsidenten Stein. Im Mittelpunkt des Festes aber steht Abraham Alexander. Er hat eine Kantate, die Professor Mü1ler von der .Duisburger Universität gedichtet, in Musik gesetzt und. er selbst spielt auf seiner Violine so meisterhaft, daß ein Magistratsmitglied dem Oberbürgermeister Wittgens zuraunt: Der Mann müsste hier bleiben,er würde der Kultur unserer Stadt einen gewaltigen Auftrieb geben. So macht der Bürgermeister dem Virtuosen am gleichen Abend noch ein Angebot:

"Ihre Kunst hat uns alle beeindruckt. Wir möchten Sie bitten, sich in unserer Stadt niederzulassen." Ein Haus in guter Lage auf dem Kuhlemwa1l steht ihnen zur Verfügung. Sie können an unserer Universität Musik lehren und frei Konzerte veranstalten."

Der Künstler ist erfreut über das Angebot. Endlich eine Heimstatt. Nach seinem Leben vo1ler Irrfahrten, würde er das Leben in Sicherheit begrüßen. Er sehnt sich nach einem festumrissenen Wirkungskreis und sagt:

"Ihr Angebot ehrt mich, doch lasst mich eine Nacht darüber schlafen, Morgen will ich euch Antwort geben."

Anderen Tags ist Herr Alexander fest entschlossen in Duisburg zu bleiben. Frohgemut setzt er sich zum Frühstück nieder. Der Wirt hat es besonders gut gemeint. Starker holländischer Kaffee, mehrere Sorten Wurst, Schinken aus Westfalen, Rührei mit Speck, weißes, graues und schwarzes Brot bedecken den Tisch. Der Jude bittet bescheiden die Magd:

"Mein liebes Kind, bringe mir bitte etwas Honig, denn all diese Kostbarkeiten darf ich nicht essen."

Das Mädchen rümpft die Nase und eilt zur Küche. In der Türe hört Abraham ihre Anweisung.

"Gib mal den Honig, dem Jud´ schmeckt unser Frühstück nicht."

Der Gang zum Rathaus aber wird zum Spießrutenlaufen. Kaum ist Abraham auf die Gasse hinausgetreten, a1s ihn die Jungens entdecken und wie gestern umringen. Sie singen Spott1ieder, johlen und pfeifen. Wild toben sie um ihn herum. Ein paar besonnene Bürger wollen dem Unfug ein Ende machen.

Da erscheint Frau Schmitz mit der ganzen Würde ihrer zwei Zentner und hindert sie:

"Laßt doch die unschuldigen Kinder, gönnt ihnen doch die harmlose Freude. Sie tun doch nichts Böses. Gestern hat mein k1einer Peter wegen dem alten Juden Schläge bekommen."

Das Toben der Unvernünftigen wird immer kecker. Jemand wirft dem Musiker einen Stock zwischen die Beine, daß er stolpert und beinahe niederfällt. Erschrocken drängt er sich in eine Nebengasse und rennt, rennt um sein Leben. Er ist froh das Rathaus zu erreichen, wo er dem Magistrat höflich mitteilt, daß er leider nicht in der Stadt bleiben kann, da andere Aufgaben seiner warten. Er danke aber vielmals für die große Ehre des Angebots.

Als Abraham Alexander zwei Stunden später zum Schlenk hinausfährt, um das Börtschiff nach Holland zu erreichen, rennt eine Horde tobender Gassenjungen neben der Kutsche her. Wieder singend, tobend, pfeifend begleiten Sie seinen Auszug. Einige sammeln Roßäpfel von der Straße und werfen sie auf den Scheidenden. Er blickt unsagbar traurig. Wo immer er hinkommt erlebt er das Gleiche. Er erregt Aufsehen, Bewunderung gar. Seine fremdartige Erscheinung fordert die Unverständigen heraus, an anderen Orten, wie in Duisburg.

Jetzt sind wir an dem Punkt unser Geschichte, an dem ein Brahmane fortfahren würde:

Nach zweihundert Jahren war die ruhelos wandernde Seele Abraham Alexanders eingekehrt in einen weißen Waal, draußen im eisigen Nordmeer. Eines Tags beschloss er, die Stätten der Vergangenheit aufzusuchen, zu sehen wie die Menschen sich mit der Zeiten Lauf geändert haben. Die Sehnsucht trieb sie an den Ort, wo er einen Abend so glücklich gewesen war, um am anderen Tag in stille Verzweiflung zu versinken.

Genug dieser Meditationen, Tatsache ist, daß eines Morgens, Mitte Mai 1966, im Rhein ein Belugawaal auftauchte. Zwei Schiffer entdeckten ihn zuerst am Schlenk und ihre Meldung machte die Stadt munter, die in der Mittagssonne still davon träumt die Stadt Montan zu sein. Die Schaulustigen eilen zum Fluß, Übermütige besorgen sich Boote. Die Wasserschutzpolizei bemüht sich um den Gast aus dem Norden, daß keiner mit ihm anstößt.

"Da ist er!" Der Ruf: "Der Waal, der Waal!", pflanzt sich die Ufer entlang fort. Was ist er für ein prächtiger Bursche? Mindestens fünf Meter lang; silberweiß taucht er blasend aus den trüben Fluten empor, mit kräftigem Flossenschlag der Stadt seine Ehrerbietung zuwinkend. Bedächtig schwimmt er mit weiten Zügen, schnel1er als die flinken Motorboote durchpflügt er das Wasser, läßt die Maisonne auf den Narben verzierten Rücken scheinen, Spuren seiner erlebnisreichen Irrfahrten. Immer wenn man befürchten muß, daß er gegen ein Hindernis stößt, dreht er, wendig wie ein Delphin, davor ab, oder taucht elegant darunter hindurch.

Die Welt horcht auf, sein Erscheinen ist eine Sensation. So bleibt es nicht aus, daß der Leiter des Tierparks dem Oberbürgermeister zu telefoniert: "Diesen Burschen müssen wir für unseren Zoo angeln. Er würde eine unerhörte Bereicherung für unsere Stadt bedeuten und dem Besucherstrom eine wesentliche Belebung geben. Wir haben in unserem Delphinarium eine geeignete Unterkunft für ihn."

Dann ziehen sie hinaus, alle die glauben einen großen Fisch fangen zu können. Vor dem riesigen Säugetier kreuzen sie herum, werfen Tennisnetze ins Wasser, versuchen mit Lärmen den Waa1 in eine Fa1le zu drängen. Die Öffentlichkeit nimmt regen Anteil. Radio und Fernsehen berichten über den seltsamen Besucher. Die Zeitungen bringen sein Bild, nennen ihn liebevoll >Moby Dick<, preisen ihm die bereitgestellte Wohnung an, schreiben, daß er nur die Wahl hat, sich fangen zu lassen, oder kümmerlich zu sterben. Moby nimmt davon keine Notiz. Die Jäger sind ihm lästig. Er wä1zt seine Ehrfurcht gebietende Masse durch das Wasser, spuckt die schmutzige, ö1verpestete Brühe angewidert aus. Zu fressen findet er nichts, was seiner würdig wäre. In der Höhe von Huckingen macht er unwillig kehrt und nimmt wieder Kurs rheinabwärts nach Holland. Die wilde Meute seiner Jagdhunde begleitet ihn, wirkungslos, das Wasser aufrührend, heulend, lärmend und als letzten Abschiedsgruß schießt man ihm eine Narkosepatrone in den weißen Speckrücken. Der Beluga wirft einen letzten, traurigen B1ick zurück auf die Stadt, die hinter ihn im Dunst ihrer eigenen Schlote versinkt. So wie hier geht es ihm fast immer. Wenn er auftaucht erregt er Bewunderung, Erstaunen und wird ob seiner fremdartigen Erscheinung gejagt und verfolgt. Er weiß nun, daß die Menschen geblieben sind, wie sie vor zweihundert Jahren schon waren.


 

Glauben Sie an Seelenwanderung? Vielleicht irren die Unsterblichen wirklich durch das Weltall und kehren von Zeit zu Zeit ein in ein Lebewesen, sind für kurze Erdentage dort zu Gast. Eins aber scheint sicher, die Seelen selbst wandeln sich nicht, weder in Jahrhunderten noch in der Ewigkeit.


 

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