Liselotte Brand-Cerny

Das Leben hat uns wieder

Die 'Alten von drüben' wurden wir genannt,
wir wurden geachtet und waren bekannt…

Das Alterszentrum liegt direkt am Fluss,
es ist ganz nah, zur Station für den Bus.
Ein smaragdgrüner Fluss, ruhig, verträumt,
an beiden Ufern von Weiden gesäumt,
Eine schmale Brücke aus Holz, überdacht,
ein breites Geländer, mit Sorgfalt gemacht,
da kann man lehnen und im Wasser sehen,
wie bei den Ästen die Wirbel entstehen.

Die Siedlung liegt auf der anderen Seite,
nur getrennt durch des Flusses Breite,
Man kommt über die Brücke ins Quartier,
früher war ein fröhliches Treiben hier.
Beim kleinen Laden trafen sich viele,
einzukaufen war nur eines der Ziele.
Schwatzen wollte man und Neues hören,
nur ungern liess man sich dabei storen.

Die Häuser hier waren schäbig und klein,
nichts wurde gemacht, die Stadt sagte 'nein'.
Die meisten zogen aus, nur wenige blieben,
es waren die, die ihre Träume lieben.
Als dann noch der Quartierladen schloss,
war für uns Alte gar nichts mehr los.
Wir schlurften, statt zu gehen, sassen herum,
keiner drehte sich nach den Anderen um.

Eines Tages war in der Zeitung zu lesen -
im Wochenanzeiger ist es gewesen -
mann wolle die Gegend neu beleben,
es soll ein Quartier für Träumer geben!
Einen Flohmarkt, Gaukler, ein Bistro sogar,
und Menschen mit Träumen. Wirklich wahr?
Allerlei Leute sind nun im Quartier
und wir fragen uns, was wollen die hier?

Man erzählt, es seien Leute mit besonderen Gaben,
die, ausser Genügsamkeit, nichts gemeinsam haben.
Mit noch kleinen Händen und einfachen Dingen,
konnten sie schon wahre Wunder vollbringen.
Waren es Farben, Töne, Papier oder Sand,
oder Schatten der Bäume an einer Wand -
es liess mit der Zeit etwas Grosses entstehen
und dann war da plötzlich ihr Traum zu sehen.

Endlich wagen wir es, selbst hinzugehen,
doch am Ende der Brücke bleiben wir stehen,
hier ist, wie man sieht, schon etwas passiert,
da wurden doch ganz neue Bänke montiert.
Baumstammstücke, hochgestellt, oben glatt,
stehen, wie Tischchen, zur Ablage parat.
'Alterszentrum - reserviert' können wir lesen,
ganz bestimmt ist es ein Gönner gewesen.

Für uns gibt es nun gar manches zu sehen,
es lässt die Stunden schneller vergehen.
Die Häuser sind immer noch alt und schief,
doch sie sind gefragt, die Miete ist tief.
Jetzt wird gehämmert, gepinselt, geflickt,
nun, nicht jeder Träumer ist sehr geschickt.
Sie helfen einander, wo immer geht geht,
selbst wenn einer dem Andern im Wege steht.

Der erste Flohmarkt soll es heute sein,
die Stände stehen, sie räumen schon ein.
Wir kommen recht früh zum Kaffenstand,
bestimmt wird es heute sehr interessant.
Eine Frau eilt vorüber, kommt dann zurück,
»guten Morgen Freunde, welch ein Glück,
Euch hier im Quartier wieder zu sehen,
um durch den neuen Flohmarkt zu gehen.

Die Neuen zeigen auch in ihren Räumen,
schon einige Dinge von denen sie träumen.
Geht nun Freunde und seht es Euch an,
ich muss zum Stand, wir sehen uns dann.«
Ein kleiner Junge bleibt neben uns stehen,
»ich bin Benjamin, wollt ihr mit mir gehen?
Ich werde Euch gerne zu den Häusern führen -
die meisten 'Träume' hier darf man berühren.«

Benjamin führt uns durch bezaubernde Räume
und zeigt uns dort die schon erfüllten Träume,
in Form von Objekten, von Farben, von Licht…
dann ist es der Junge, der nun lauter spricht:
»Tut mir leid, ich habe erst jetzt daran gedacht,
der Weg hat Euch sicher sehr müde gemacht.
Doch Ihr könnt noch oft diese Wege gehen,
es gibt ja noch so vieles, um es anzusehen.«

Wir gehen zurück, glücklich und ein wenig geschafft,
doch wir, 'die Alten von drüben', fühlen neue Kraft.
Das Leben hat uns wieder, man sieht es uns an -
wie ein Tag voll Freude doch stark machen kann.

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