Aylin

Wild war der Westen nie

Wild war der Westen nie

 

Er erinnert mich an einen Western. Der Böse fordert den Guten zum Duell. Die Bürgermeute versammelt sich zum Gaffen vor dem Saloon, erwartungsvoll. Eine Kamera wird auf dem Dach der Bar postiert.

Bis an die Zähne bewaffnet, gehen sich die beiden Duellanten breibeinig und breitschultrig auf der staubigen Dorfstraße entgegen. Fegen mit einem Handschlag den Bürgermeister zur Seite, der noch vermitteln will. Die Memme, denken beide, wir sind echte Männer und wollen kämpfen. Kämpfen, bis einer von uns fällt.

Sie belauern sich, die Menge hält den Atem an. Wenn der Böse gewinnt, kann das für die Region üble Folgen haben. Die Legende sagt, dass er dann alle Farmer umbringen und sich ihr Land aneignen würde. Eine Legende ist stark. Und sie wird mit jedem Tag stärker, an dem die Zeitungen sie drucken und die Kameras sie ausstrahlen.

Die ersten Schüsse fallen. Bam, bam, bam geht es hin und her. Doch keiner wird verletzt. Die Anhänger des Guten haben hinter ihm ein Waffenarsenal postiert. Dem Bösen hat man seines entwendet ( Sanktionen nennt man das).

Die Duellanten ziehen den zweiten Colt, den dritten, den sie hinten im Rücken in der Hose stecken haben. Keiner der beiden fällt. Die Menge wird unruhig. Der Mann an der Kamera, der genau draufhält, still.

Die ersten Frauen und Kinder werden evakuiert. Diese Sache ist noch lange nicht zu Ende. Ein paar Männer laufen zum Sheriff und beknien ihn, er möge doch eingreifen. Aber der sagt: Das kann nur der Marshall entscheiden. Und der Hilfssheriff nickt bekräftigend.

Mittlerweile postieren sich hinter dem Bösen seine Männer, um ihn zu unterstützen. Doch auch hinter dem Guten versammeln sich Naive, die denken, je mehr sich beschießen, desto schneller ist es zu Ende. Obwohl man gar nicht so genau weiß, ob der Gute wirklich nur gut ist. Vornehmlich ist er gut, weil der andere nachweislich böse ist. So sind Western immer. Kein Platz für Zwischentöne.

Die Duellanten brauchen Waffennachschub. Immer noch stehen sie. Regungslos, beäugen sich. Eine Barfrau schreit aus der Menge: Mensch, hört doch auf. Lasst uns reden! Aber wer hört denn schon auf so eine dumme Schlampe. Hier geht es um Männlichkeit. Wer hat den längsten… Überlebenswillen.

Im Büro des Bürgermeisters geht ein Telefonat ein vom Senator der Landesregierung: Hey Bill, hier steht son Boxer von der Truppe des Guten, der fordert, dass wir die Army schicken sollen. Es gehe um Leben und Tod des StaatesTexas, ach, was sag ich - der Weltordnung! Wegen zwei Duellanten? Was zum Teufel ist denn da los bei euch? Der Sheriff versucht zu erklären und schaut auf die aufgewühlte Menge, aus der erste Rufe schallen: Hängt es. Hängt es auf, das Schwein!

Schwierig, denn der Böse hat mit seinen riesigen Farmen alle Mühlen und Bäcker der Stadt beliefert. Wenn man ihn jetzt alle macht, so von außen, wird seine Familie sich rächen und der Region droht eine Hungersnot.

Die Anhänger des Bösen ballern in die Luft, auf Holzpfähle und Fenster. Scheiben klirren, Pferde reißen sich los und galoppieren kopflos durch die Stadt. Die Menge raunt. Es läuft nicht so wie die Duellanten es sich dachten.

Dem Guten werden jetzt ganz offen immer mehr Waffen zugeschoben. Dem Bösen auch, aber heimlich, vom chinesischen Koch Hop Sing der Cartwrights von der Bonanza Ranch. Wie oft hat man dem Ben gesagt, er solle lieber einen indischen Koch ins Haus lassen, aber der Alte wollte ja nicht hören. Jetzt hat er das Chop Sö.

Irgendwann ertönen die Fanfaren der Army. Dreißig Mann nahen aus der Kaserne hinter dem Canyon. Die Männer des Bösen ballern der Truppe entgegen. Und die ballert zurück. Beide Heldenduellanten fallen wie die Steine. ( Kollateralschaden nennt man so was bei der Army).

Die Menge glotzt, schweigt und weiß nicht, ob das jetzt ein gutes oder schlechtes Ende ist.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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