Patrick Rabe

The Erich Kind of Love (für meinen Vater)

The Erich Kind of Love

 

Die Tage wurden länger

in den weiß zerbombten Straßen,

doch ein Ast mit Weidenkätzchen

wollte sich dort sehen lassen.

Wenn ihr fragt, wie einst mein Vater

erste Hoffnung hat empfunden:

This was the Erich Kind of Hope.

 

Und alles, alles wurde wieder

und bis zum Odenwald

da klangen meines Vaters Lieder,

zum Hermannsdenkmal auf Gefieder,

auf Fahrrädern, da flog man wieder,

und war dort frisch verknallt.

Wenn ihr mich fragt, wie einst mein Vater

ersten Glauben hat empfunden:

This was the Erich Kind of faith.

 

Im Flüchtlingsheim, dort in Walsrode

kam an der Rock’n Roll.

Haley und Vespa wurden Mode,

ein Kino, damals zu marode,

wurd‘ glatt kaputtgetanzt.

James Dean, das war der Held von Papa,

die Rebellion war kurz und knapp da,

der Vater flog zu Boden,

als der Sohn ihn heftig schlug.

Doch die Liebe, sie war schüchtern,

zart und ängstlich, wie bei Dichtern,

man nahm manche unter Lichtern,

deren Gaslicht nicht weit trug.

Denn die Alten war’n verborgen

immer noch in Häuserzeilen,

lang konnt‘ man dort nicht verweilen,

denn vor jedem neuen Morgen

kamen sie mit Nazifressen:

„Euch hat Hitler wohl vergessen!“;

Und der Kuss im Hauseingang

er wurde zum Skandal.

Wenn ihr mich fragt, wie einst mein Vater

erste Liebe hat empfunden:

This was the Erich Kind of Love.

 

Das Deutschland dieser frühen Jahre

der BRD lag auf der Bahre,

es war meist draußen vor der Tür,

zerbombt war’n uns’re Städte hier.

Auch wenn es mancher nicht gesagt hat,

weil er zu klein, zu schwach, zu hilflos,

und zu erschreckt über das Elend,

geschützt erst in dem Kraut beseelend,

das zwischen Wald und Heide war,

er hat gejubelt und gelitten,

und auch um einen Gral gestritten,

der ihn beschien, in Waldesmitten,

als er das Licht des Heilands sah.

 

 

 

Für meinen Vater Erich Rabe

 

Patrick Rabe, Dienstag, 5. April 2022, Hamburg.

 

© by Patrick Rabe, 2022.

 

Beim Spazieren gehen sah ich heute, dass die Elternschule in meiner Nähe in Kürze einen Wolfgang-Borchert-Abend macht. Ich war beglückt. Weil ich Wolfgang Borchert für einen der besten Dichter und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts halte, und weil er in vielen seiner wesentlichen Werke der Generation meiner Eltern eine Stimme gegeben hat, die die Schrecklichkeiten des zerbombten Hamburgs und die Flucht in die umliegenden Barackenlager miterleben mussten. Die Familie meines Vaters war zusammen mit Polen und Russen im Auffanglager Walsrode in der Nähe dieser kleinen Heidestadt untergebracht und hat die Erfahrung gemacht, mit vielen anderen auf engstem Raum leben zu müssen. Einige der Brüder und Schwestern meines Vaters heirateten auch Polen und Ostpreußen. In den späten 1950ern begannen mein Vater und seine beiden Lieblingsbrüder Werner und Günter am Wochenende immer, „Hitparade“ zu machen. Sie hatten einen kleinen Plattenspieler gekauft, und legten immer eine Single nach der anderen auf, auch, wenn es manche der älteren Bewohner des Barackenlagers störte. Besonders beliebt neben den etwas frecheren deutschen Schlagern wie „Cafe Oriental“ waren die frühen Sachen von Bill Haley und Elvis, die noch nicht schnulzig, sondern wild waren. Ich möchte mit diesem Gedicht auch an meine kürzlich verstorbene Tante Anni  (Anna) Rabe erinnern, die knapp an die 90 geworden ist. Sie war die Frau von Bruno Rabe, dem ältesten Bruder meines Vaters.

 

© by Patrick Rabe, 5. April 2022

 

 

 

 

 

 

 

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