Patrick Rabe

Der Dichter am Fluss oder Wasserstandsmeldungen, und (...)

Der Dichter am Fluss

oder

Wasserstandsmeldungen, und wie man dem Fatalismus widersteht

 

(für Tom Liwa)

 

Jetzt komm’n die Frühlingsregen runter,

ich habe zu mir „Ja“ gesagt,

und die Natur wird wieder bunter,

manch einer, der zu lieben wagt.

 

Der Fluss führt doppelt so viel Wasser,

und an der kleinen, flinken Schnelle

wird auch mein eig’nes Schuhwerk nasser,

dort brechen Wirbel sich und Welle.

 

Und dennoch spüre ich die Unruh‘ dämmern;

drüben im alten HDJ,

wo Slime einst spielten, hört man’s hämmern,

sie proben „Jugend ohne Gott“.

 

Und dennoch speien Busse aus

perfekte Menschen, wie auf dem Mars geklont,

sie sind genormt; `s macht keinem etwas aus,

sie wissen nur nicht ganz, wie man auf Erden wohnt.

 

Mit starren Augen, Aktentaschen,

wattierten Mänteln, Seitenscheiteln,

alles in blond mit Glänzehaut,

die neue Rasse, um „Links“ zu vereiteln.

 

Sie hören nicht, sie sehen nicht,

versteh’n kein Deutsch, kein Englisch, Esperanto

ist es wohl auch nicht, was dem Mund entfleucht,

und ihr Elektrosound ist kein Belcanto.

 

Ich gehe weiter, komme zu den Höllen,

wo noch U. Meinhof Kinder umerzieht,

hör‘ in den Kellern Kettenhunde bellen,

sie sind dort eingesperrt, und niemand, der entflieht.

 

Ein Karmateufel resozialisiert sie,

schon über hundert Jahrmillionen seit den Siebzigern,

der dicke Bonze in der Villa schmiert sie:

„Ich will nicht böse sein, nur eure Muschis triggern.“

 

Er grabscht den jungen Mädels an die Titten,

und sind sie auch erst vierzehnjährig-klein,

er stöhnt: „Nun lasst euch nicht so bitten,

ihr könntet bei mir in der Villa sein.“

 

Er tritt dort auf als fördernder Mäzen,

der gute Kinderheime freundlich unterstützt,

er ist den Mädels Gott, er lässt sie seh’n,

dass Arsch hinhalten für’s System was nützt.

 

Und wenn die Mädels hundert Jahre koksten,

die Jungs seit hundert Jahren auf dem Strich,

dann gab’s `ne Rolle in `nem Film. „Wos mogst `n?

Autorenkino oder Schokostich?“

 

Man hat die Möglichkeit, nach sehr hoch aufzusteigen,

vor allem hoch hinaus aus seinem Kopf,

dann tanzt man sich den Wolf in Schnitzlers „Reigen“,

ist auf den Steppen aber stets Lolitas armer Tropf.

 

Jetzt komm’n die Frühlingsregen runter,

ich hab‘ die Erde mir erwählt,

mal geht’s hinauf und mal hinunter.

Doch nicht egal ist es,

das Hinseh’n zählt.

 

Patrick Rabe, Donnerstag, 7. April 2022, Hamburg.

 

© by Patrick Rabe, April 2022.

 

 

 

Inspiriert von dem Song „Eh egal“ von Tom Liwa & die blauen Flecken“. Tom Liwa begleitet mich als Songkünstler schon beinahe zwanzig Jahre lang. Er wohnt nicht allzuweit von mir entfernt, allerdings mehr im Ländlichen. Seine Songs haben oft eine Meisterschaft darin, das Traurige und das Fröhliche in eine lebendig schwingende Waage zu bringen, und die düsteren Unterböden unserer Kultur nur anzudeuten, ohne dass ein schales „nur“ daraus wird. Er schafft es immer wieder, bei aller innerer Verzweiflung, dies in eine lebensbejahende Erlöstheit zu transponieren. Diese etwas unirdische (-allerdings, wer sich Tom Liwa und seine Musik, gerade auch die mit den „Flowerpornoes“, einmal ansieht, wird ihn wohl kaum als unirdisch oder weltfremd bezeichnen können-) Art, das Leben zu betrachten, oder vielleicht sollte man sagen: das irdische transzendieren Könnende Art… ist mir nicht in derselben Weise möglich, ich schätze, mir fehlen dabei ein wenig die Erfahrungen der späten 1960er und der 1970er, die Tom Liwa als heute knapp über 60-Jähriger ja hat. Ich behaupte: meine Generation knallte wieder etwas doller auf den Boden. Allerdings beginne ich jetzt, mit Mitte 40 auch zu merken, was mit dieser Transzendenz gemeint ist. Das ist etwas anderes als die spirituellen Erfahrungen, die man mit Anfang 20 oder so macht. Es hat ein wenig eher damit zu tun, Gott das vertrauensvoll hinzuhalten, was aus dem eigenen Leben geworden ist, was man daraus gemacht hat. Dann geschieht die „Verwandlung“. Vielleicht auch ein wenig das, was Tom Liwa auf dem Album „Ich liebe Menschen wie ihr“ mit dem „Teil zwei“ gemeint hat. Es ist das eigentlich kontemplative, was unter anderem verhindern kann, DASS man ein trauriger Humbert Humbert oder Harry Haller wird.  Für mich ist allerdings essentiell, dass eben nicht in eine fatalistische „Egal-Haltung“ führt, oder in ein „Die Tatsachen nicht mehr sehen können/wollen“, sondern in das Erkennen der eigenen moralischen Verantwortlichkeit und in ein engagiertes Handeln AUS diesen Erkenntnissen heraus. Mitte 40 ist eben „erst“ die Umbauphase, noch lange nicht das Greisenalter, wo man sich entspannt zurücklehnen sollte.

 

 

 

 

 

 

Es ist der von so groben Knochen wie dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Hesse völlig humorlos nannte, oft übersehene Fakt, dass der Name „Harry Haller“ (die Hauptfigur des „Steppenwolfes“) ja tatsächlich auf den Silben „Ha, Ha!“ beginnt, und dass „Harrys Hinrichtung“ tatsächlich im Lernen eines befreit über sich selber lachen können besteht. Allerdings war das wohl in der Tat weniger Hesses eigentlicher Schlüssel. Ich denke, er hat vor allem in „Narziss und Goldmund“, dem Buch, das nach dem „Steppenwolf“ erschien, endlich einmal gezeigt und zeigen dürfen, dass er sich selber und ihm auch das irdische wichtig ist. In „Narziss und Goldmund“ konnte er endlich einmal ohne Scham herausstellen, was ER liebt, und was IHM wichtig und heilig ist… Und ein wenig eben auch, dass er weder das Ausgelacht-Werden mag, als auch das Treten auf die ihm heiligen Dinge. Es ist sein eigentliches „Ja“ zu sich, wohingegen auch der „Steppenwolf“, den viele in seiner fürchterlichen Tragik gar nicht so recht zu verstehen scheinen, gerade auch oft die Alt-68‘er nicht, obwohl sie dieses Buch abfeiern, nur wieder in eine pietistisch untermauerte, zerknirschte Selbstablehnung führt. Mit einem „Nein“ zu sich selber kann man aber prinzipiell auch kein „Ja“ für jemand anders erheben, also keinen Pro-Test leisten (sich für etwas oder Jemanden einsetzen, für etwas Zeugnis ablegen, für etwas (ein-)stehen. Hesse schaffte das während der Arbeit an „Narziss und Goldmund“, als er Zeuge von Pogromen an Juden in seiner Stadt wurde und als deutlichen Protest gegen Hitler und seine „Judenfresserei“ die Szene mit der Jüdin Rebecca in den zweiten Teil von „Narziss und Goldmund“ einfügte. Das brachte ihm unter anderem den Brief einer erbosten Leserin ein, die ihm schrieb, seine alten Bücher, wie der „Peter Camenzind“ seien so erhaben und schön, und seit dem „Steppenwolf“ würde er nur noch „jüdische Schweinereien“ schreiben.

 

 

© by Patrick Rabe, 7. April 2022

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