Patrick Rabe

Osterfeuer (Ein Urban-Horror-Gedicht)

Osterfeuer

 

Ostern,

Blutmond am Himmel,

das Geheule der Ghule wird unerträglich.

Das Weibliche macht die Erde schwanger,

die Luft vibriert im Takt des Mondes.

Wie Wellen lenkt er die, die kein Ich haben.

Am Osterfeuer tanzen die Nazileichen,

die „Manchmal kommen sie wieders“

aus Mölln und Rostock Lichtenhagen.

Mit aufgerissenen Augen und SS-Emblemen an den Armen

tanzen sie, und verschütten zu heidnischen Gesängen Bier.

Sie sind abgefüllt mit scientologischer Energie,

die sie wieder lebendig gemacht hat,

nachdem Gott sich den Gebeten

der Anwohner verweigert hatte,

diesen menschlichen Schrott aus der Hölle

wieder auferstehen zu lassen.

Selbst Satan wollte sie nicht wieder aus der Hölle lassen,

und hatte die Gebete der Menschen ignoriert.

Nur ein paar von den ultrakonservativen Spießern,

die wider alle Vernunft ihr Osterfeuer

mit Besäufnis haben wollten

und ausgerechnet noch ein paar der traditionell

hier schon lange lebenden Juden

hatte mit Geldern

und noch irreren Gebeten

dafür gesorgt,

dass nun die Leichen der Nazis,

die während der Angriffe auf Asylantenheime in den 90’ern

von der Polizei erschossen wurden,

jetzt um unser Osterfeuer tanzen,

damit die alten Leute, die hier wohnen,

ihre gewohnte Geräusch-und Bildkulisse haben.

Wie schön für sie.

 

 

Am nächsten Morgen passiert das Wunder,

auf das alle gewartet haben,

und das ein Stadtteil wie Hamburg-Irrenhausen

sich redlich verdient hatte.

Eine alte Oma mit viel zu großem, schmuddeligen Bundeswehrparka

und oranger Wollmütze

schiebt einen leeren Einkaufswagen

den ganzen Weg vom weit entfernten Supermarkt

die Hauptverkehrsstraße hinunter

und geht dabei mitten auf der Fahrbahn.

Ein entsetzter Anwohner spricht sie an.

„Was machen sie denn da?

Sie gehen ja mitten auf der Straße.“

„Nein.“, sagt die Oma, und lächelt freundlich.

„Das ist keine Straße. Das ist ein Feldweg.

Und außerdem musste ich doch einkaufen.

Es ist ja Ostern.“

Der Anwohner bleibt perplex vor ihr stehen.

„Aber in ihrem Einkaufswagen ist doch gar nichts drin!“,

sagt der Anwohner.

„Doch.“, sagt die Oma.

„Sechs Kästen Bier.“

Es ist Ostern,

und eine im rasanten Sturzflug

tieffliegende Schwalbe

knallt der Oma

mit voller Wucht gegen den Kopf.

 

 

 

Patrick Rabe, Sonntag, 17. April 2022, Hamburg.

 

© by Patrick Rabe, April 2022.

 

 

Wir hatten gestern bei uns natürlich keinen „Blutmond“, also einen rot gefärbten Mond. Das passiert nur alle paar Jahre mal, wenn der Mars dem Mond sehr nahe ist. Allerdings stimmt es, dass bei Vollmond die weiblichen Kräfte in der Natur am stärksten sind. Ostern wird immer einen Tag nach dem davor stattfindenden Vollmond gefeiert, jedenfalls in der Regel. Es ist das Datum des jüdischen Passah, an dem Jesus sein Abendmahl mit den Jüngern hielt. Er wurde im Laufe des Festes gefangen genommen, verurteilt und gekreuzigt, damit es weniger auffällt. Als Symbolik ist es eigentlich sehr stimmig. Er, als der Sohn eines männlichen Gottes, konnte halt wirklich am besten getötet werden, wenn die weiblichen Kräfte die Oberhand hatten. Das dürfte Jesus sehr tief getroffen haben, denn er mochte die Frauen sehr. Leider stehen die Zeichen zumindest bei uns hier im Stadtteil in einigen Wohngebieten immer noch auf „Rechtsaußen“. Allerdings wirken die, die hier um solche Feuer tanzen, eher wie Gespenster und Zombies, und sind auch, wie ich gestern überprüfen konnte, keine Leute von hier. Das Osterfeuer in der Gegend der Spießer, manche hier im Stadtteil nennen diese Straßen auch die Area der lebenden Toten (was mich natürlich ein wenig schmerzt, weil ich aus dieser Gegend ursprünglich komme, und weiß, dass es zumindest mal anders WAR) wird mittlerweile mehrheitlich von Verbänden aus Schleswig Holstein finanziert, die sehr weit rechts sein dürften, und von einigen Anwohnern hier, die auch zur Liga der Unbelehrbaren gehören. Für mich äußerst erschreckender Weise sind auch ein paar Juden und Zeugen Jehovas darunter. Und gerade von denen hatte ich gedacht, sie würden sich in sowas ja wohl nicht ausgerechnet reinziehen lassen, als ehemalige Opfer des dritten Reiches. Die Mehrheit der jüngeren Anwohner hier will diesen rechten Kram hier jedenfalls nicht mehr. Gegen Osterfeuer haben wir aber nichts. Das finden nur ultrakonservative Evangelikale, und manche Pietisten und Katholiken „einen störenden, heidnischen Brauch“. Aus meiner Sicht gehören Osterfeuer aber in die norddeutsche Gegend. Und ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in den 1990ern und Nullern, da war ich mit vielen Freunden an solchen feuern überall hier in der Gegend, und die heidnischen und die christlichen Geister hatten Frieden geschlossen, und feierten unter fröhlichen Osterhimmeln mit uns mit. Wo ist das geblieben? Und alles nur wegen ein paar Spinnern, die nicht verknusen konnten, dass Hitler niemals wiederkommt, und eben NICHT Jesus gewesen ist. Mit voller Kotzkraft reihere ich mein Bier auf die von Nazis versuchten Straßen. In den Nullern und Zehnern gab es mal eine Punkband namens „Kotzreiz“. Mittlerweile ist es aber nicht mehr nur ein Reiz, sondern ein voller, rausgegöbelter Schwall von saurer, brauner Kotze mit Stückchen. Das ist ein homöopathischer Effekt. (Gleiches heilt Gleiches, und wenn nicht, FÜHRT Gleiches zu Gleichem.). Die Kotze ist genauso braun, wie die Gesinnung der bereits in Schwarz gewandeten Taumelzombies, von denen mir nicht ganz klar ist, ob sie nach solchen Osterfeuern wieder zurück nach Schleswig Holstein fahren, sondern gleich auf den Wiesen hier wieder verwesen, und aufgesaugt werden von dem erlösenden „Foggy Dew“. Der scheint manchmal in Tullamore am schönsten zu sein. Bei Poetry Slams.

 

© by Patrick Rabe, April 2022.

 

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