Patrick Rabe

Allesausliebe (Alex la Farge jetzt)

Allesausliebe

 

(Ein Gedicht ohne Punkt. Vor allem aber ohne Komma.)

 

---

Alex la Farge hatte „nein“ gesagt.

 

Schon vor 20.000 Inkarnationen.

 

Und wieder kam dieser sabbernde Penner

in den viel zu weiten, vollgeschissenen Jutegewändern und seinem Schlapphut,

der ihn früher befummelt hatte,

als dieser Apodeldok noch kein Penner gewesen war,

sondern eine Stellung bei der protestantischen Kirche gehabt hatte,

was Alex gleich auf den Gedanken gebracht hatte,

der Apodeldok könne einmal auch schon ein katholischer Priester gewesen sein,

eine Billigweinflasche schwenkend auf ihn zu.

 

„Jaaaa, mein Kind!“, rief er mit verstellter Otto-Waalkes-Stimme,

ich komm‘ grade vom CSD!

Da konnte man auch gut Jungs angrabschen!“

 

Mit schwitzenden, rudernden Händen

fingerte der Penner Alex la Farges ganzen Körper ab,

offensichtlich in einer Art Zuneigungsbekundung.

„Na, mein Süßen, bist ja ein ganz Süßen!“.

 

 

 

 

 

Alex la Farge hielt es stoisch aus.

In seiner letzten Therapie hatte er sowohl wieder einmal Toleranz mit Schwulen gelernt,

und auch gelernt,

die Worte „Kinderficker“, „Pädophiler“ und „Schwuchtel“

abzuspalten,

und sie durch das Wort

Susschwitzsabba

zu ersetzen.

 

Das nützte ihm im Alltag nichts.

Die Menschen um Alex herum

fanden seine Phantasiesprache

eher unverständlich und anstrengend.

Und seine Art,

alles, was ihn schwer belastete,

auszuhalten,

bis alle Grenzen überschritten waren,

die er in seiner ersten Therapie

 im Jugendknast

gelernt hatte,

machte es ihm unmöglich,

Menschen rechtzeitig zu begrenzen,

wenn sie über seine Grenzen gingen.

 

Er setzte also auch jetzt ein Gesicht wie aus Stein auf,

ließ zu, dass die Hände von dem Kerl

an ihm auf und ab glitten,

und dachte:

„Susschwitzabba. Susschwitzabba. Susswitzabba.“

 

 

 

 

Der Alte grinste:

„Wir kennen uns doch aus der Maßnahme.“,

sagte er.

„Da hast du mir gesagt, du magst das gerne.“

 

„Da war ja auch keine Frau weit und breit!“,

knurrte Alex la Farge

 – jetzt wieder mit verständlichen Worten-

zwischen seinen Zähnen hervor.

 

„Jaaa. Weiß ich.“, sagte der Alte.

„Die Frauen taugen ja aber auch alle nichts.

Hast du mal eine Haushälterin

für dein Pastorat,

weißu, im Klartext halt `ne Alte zun Ficken,

die lässt dich ja auch alleine,

wenn sie wirklich merkt, dass du bei der Kirche arbeitest,

und dassu Pater Brown heißt,

weilu alle ins Arschloch fickst, auchie Männer.

Abba du, du hassa jesach, dattu dat jerne maaachst,

weil meine Hände so schön weich von Abwaschen sind.

Sachoch aucher Otto aufer Waalkeskassdde.

Unnin unserer letzen Maßnahme hassu mirerzählt,

dassu auchauf Sachoch stehst. UND auf Masern. Auf Sachoch-Masern halt.

Alles aus Liebe halt.

Hast du doch selber gesagt.

Und mirmal sosüß vorgesungen.“

 

Alex la Farge sah den Penner eiskalt an.

„Sacher-Masoch heißt der russische Schriftsteller, der dir nicht einfällt.“,

sagte er kühl.

„Und die sexuelle Spielart, die dir nicht einfällt, heißt Sado-Maso,

und wurde nach Sacher-Masochs Buch „Venus im Pelz“ benannt.

Aber, was mich an dir am meisten nervt, Alter,

ist nicht dein Gesaufe,

und nicht deine schon an sich unerträgliche Art,

alles falsch auszusprechen,

nicht mal, dass du den Song „Alles aus Liebe“ von den „Toten Hosen“

durch deine eklig-versoffene Susschwitzabba-Stimme entweiht hast,

sondern?“

 

Der Alte sah ihn mit fragenden, leeren Augen an.

 

Alex zog die Luft ein und wartete.

Er verschränkte die Arme vor der Brust

und sah dem Alten kalt in die Augen.

 

Da schrie der Alte und weinte.

Zum Herzerbarmen.

Das Wasser rann erst wie Bäche aus den eitrigen Glubschern des Alten,

dann explodierte sein Brustkorb,

und Alex flog eine ganze Ladung Themsenwasser entgegen,

dass so sauber und rein war,

als wäre es durch 20.000 Klärwerke gelaufen,

oder… mehr noch…

immer wieder verdunstet,

zum Himmel aufgestiegen,

herunter geregnet,

in die Erde gesickert,

die Flussläufe hinunter geflossen,

ins Meer gespült worden,

wieder verdunstet

und als die Eisberge schmolzen,

als Flut von den Küsten bis zu den Bergen gelaufen,

in der Abkühlung des Klimas gefroren,

und nach einer Jahrmillionen währenden Eiszeit

als klarer, kühler Gebirgsbach

wieder fröhlich plätschernd

zu Tal gehüpft,

im Vertrauen, nun ginge schon alles gut.

 

Alex hatte vergessen, was er sagen wollte.

Der Alte störte ihn nicht mehr.

Er hatte plötzlich Mitleid mit ihm.

 

„Deine Geschichte ist meine Geschichte.“,

sagte der Alte weinend,

und reckte Alex die Hände hin.

 

Alex verzog die Mundwinkel zu einem hässlich-schiefen Grinsen.

 

„Ich weiß, was ich jetzt sagen soll.“,

entgegnete er.

„Ich soll sagen: Nein, meine Geschichte ist deine Geschichte.“,

und dann geht es immer so weiter.

Aber ich sage dir jetzt, was mich wirklich an dir stört.“

 

In Alex la Farges Kopf verschoben sich zwei Synapsen,

und legten sich wie trockenes Zunder übereinander.

Er hatte sich wieder.

Im Griff, und alles.

Und er hatte seinen Namen wieder.

Seinen erwachsenen Namen.

Alex la Farge.

 

Alexander sagte er nie.

Wegen Alan Alexander Milne.

Dessen „Winnie the Pooh“ hatte ihn als Kind beim Lesen traumatisiert.

Das hatten sie während seiner ersten Therapie herausgefunden.

Und bei den tiefenpsychologischen Sitzungen,

dass er in Wahrheit Christopher Robin war,

und Alex Alexander Milne sein echter Vater,

bevor er zu dem katholischen Priester in die Familie kam,

um von ihm resozialisiert zu werden,

nach seiner ersten Maßnahme.

Was ihn nur gewundert hatte, war, dass dieser Priester überhaupt eine Familie hatte.

 

Alex war die Ruhe selbst.

Er spürte die tiefe Ruhe Jesu in sich,

die er dank dem Pastor in der Haftanstalt hatte kennen lernen dürfen.

Er sagte:

 

„Was mich an dir stört,

 ist,

dass du „Molly Malone“

immer falsch singst,

und ich an der Art, wie du es singst,

erkennen kann, dass du Engländer

und Katholik bist,

und kein Protestant.“.

 

Der Alte sah ihn baff an.

 

„Du hältst das für einen katholisch-irischen Dialekt?“,

fragte er erstaunt.

 

„Ja.“, sagte Alex geradeheraus.

 

Der Alte grinste,

und der mit Billigwein

vermischte Sabber

lief aus seinem Mund.

 

„Das ist Gälisch.“, sagte er.

„Ein englisches Lied mit gälischem Akzent gesungen.

Und weißt du, was Gälisch ist?“

 

„Fee Thigh Foe Thumb!“,

sagte Alex,

und schoss grinsend damit heraus:

 

„Ein keltischer Dialekt?“.

 

„Naaaaain.“, sagte der Alte.

„Ein jüdischer Dialekt.“

 

„Dialektik?“; fragte Alex angestrengt.

„These, Antithese, Synthese?“

 

„Nein.“, sagte der Alte.

So was wie das Wort

Susschwitzabba,

dass du gerade gesagt hast.

Soll ich dir das mal geradesagen?

Also, was es wirklich bedeutet?“

 

Alex verlor die Geduld,

und auch sein Nachname entglitt ihm wieder.

„Susschwitzabba ist ein Skill“,

sagte er.

Ich soll das Wort denken und notfalls sagen,

wenn ich Apodeldoks wie dich treffe.“

 

„Ich sag‘ es dir jetzt trotzdem.“,

sagte der Alte verschmitzt.

Er schien, obwohl er so viel Wasser verloren hatte,

wieder vollständig aufgeladen

und bei Sinnen.

 

„Susschwitzabba heißt Auschwitzpapa.

Und du meinst implizit Gott damit.

Weißt du, was ich daran erkenne?“

 

 

Alex la Farge tippelte auf den Zehenspitzen herum,

und begann, die Fäuste wie in einem Boxkampf

vor den Augen des Penners hin und her zu schwenken.

 

Der Alte lachte, und sein weinhaltiger Sabber flog Alex ins Gesicht.

 

„Dass wir uns schon vor 80 Jahren in Auschwitz gekannt haben.

Ich bin Gott,

du bist Jesus,

und jetzt leg‘ ich dich aufs Kreuz

und fick dich richtig hinten rein.“

 

„Du Apodeldok!“,

murmelte Alex,

alles glitt ihm aus dem Gesicht,

und machtloser Angstsabber

floss aus seinem schiefen Mund.

 

„Das heißt Apotheker, Romeo.“,

sagte der Alte mit freundlich-hässlichem Gesicht.

„Ich habe meine Patienten immer aus Liebe vergiftet.

„Alles aus Liebe, weissu?“

 

„Das ist ein Song von den Toten Hosen!“,

schrie Alex La Farge,

und schlug dem widerlichen Apodeldok,

diesem ekligen Ausschwitzpapper

mit der Faust voll in die Fresse.

 

Dann trat er mit seinen festen Stiefeln mit der Stahlkappe vorne dran

noch mal nach.

 

Immer mitten in die Fresse rein.

 

Apodeldok gehackt.

 

„Das ist nicht das Problem.“,

sagte Alex kühl.

„Das Problem ist, dass du mich befummelt hast.“

 

 

© by Patrick Rabe, 2. Mai 2022, Hamburg.

 

Die Tatsache, dass ich hier eine Schrift genommen habe, in der es kein richtiges, klar zu erkennendes Komma gibt, bot sich an. Es nimmt in gewisser Weise auf mein erstes Buch mit Kurzgeschichten Bezug, das „Alter, Ego“ hieß. Es ist in meinem zur Zeit vergriffenen Sammelband „Beide Seiten des Fensters“ erschienen. Mein Gedicht ist natürlich metaphorisch gemeint. Es greift die mittlerweile ja beinahe klassische Geschichte von Alex aus „A clockwork orange“ auf, und wendet sie auf die Zustände in der heutigen Gesellschaft, Kirche und Psychiatrie an. Es setzt meine gestern in meinem Gedicht geäußerte Kritik fort. Stoppt die Psychiatrie. Stoppt Scientology. Stoppt die repressiven, gewalttätigen und unterdrückerischen Elemente unseres Staates!

 

© by Patrick Rabe, 2. Mai 2022, Hamburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allesausliebe

 

(Ein Gedicht ohne Punkt. Vor allem aber ohne Komma.)

 

---

Alex la Farge hatte „nein“ gesagt.

 

Schon vor 20.000 Inkarnationen.

 

Und wieder kam dieser sabbernde Penner

in den viel zu weiten, vollgeschissenen Jutegewändern und seinem Schlapphut,

der ihn früher befummelt hatte,

als dieser Apodeldok noch kein Penner gewesen war,

sondern eine Stellung bei der protestantischen Kirche gehabt hatte,

was Alex gleich auf den Gedanken gebracht hatte,

der Apodeldok könne einmal auch schon ein katholischer Priester gewesen sein,

eine Billigweinflasche schwenkend auf ihn zu.

 

„Jaaaa, mein Kind!“, rief er mit verstellter Otto-Waalkes-Stimme,

ich komm‘ grade vom CSD!

Da konnte man auch gut Jungs angrabschen!“

 

Mit schwitzenden, rudernden Händen

fingerte der Penner Alex la Farges ganzen Körper ab,

offensichtlich in einer Art Zuneigungsbekundung.

„Na, mein Süßen, bist ja ein ganz Süßen!“.

 

 

 

 

 

Alex la Farge hielt es stoisch aus.

In seiner letzten Therapie hatte er sowohl wieder einmal Toleranz mit Schwulen gelernt,

und auch gelernt,

die Worte „Kinderficker“, „Pädophiler“ und „Schwuchtel“

abzuspalten,

und sie durch das Wort

Susschwitzsabba

zu ersetzen.

 

Das nützte ihm im Alltag nichts.

Die Menschen um Alex herum

fanden seine Phantasiesprache

eher unverständlich und anstrengend.

Und seine Art,

alles, was ihn schwer belastete,

auszuhalten,

bis alle Grenzen überschritten waren,

die er in seiner ersten Therapie

 im Jugendknast

gelernt hatte,

machte es ihm unmöglich,

Menschen rechtzeitig zu begrenzen,

wenn sie über seine Grenzen gingen.

 

Er setzte also auch jetzt ein Gesicht wie aus Stein auf,

ließ zu, dass die Hände von dem Kerl

an ihm auf und ab glitten,

und dachte:

„Susschwitzabba. Susschwitzabba. Susswitzabba.“

 

 

 

 

Der Alte grinste:

„Wir kennen uns doch aus der Maßnahme.“,

sagte er.

„Da hast du mir gesagt, du magst das gerne.“

 

„Da war ja auch keine Frau weit und breit!“,

knurrte Alex la Farge

 – jetzt wieder mit verständlichen Worten-

zwischen seinen Zähnen hervor.

 

„Jaaa. Weiß ich.“, sagte der Alte.

„Die Frauen taugen ja aber auch alle nichts.

Hast du mal eine Haushälterin

für dein Pastorat,

weißu, im Klartext halt `ne Alte zun Ficken,

die lässt dich ja auch alleine,

wenn sie wirklich merkt, dass du bei der Kirche arbeitest,

und dassu Pater Brown heißt,

weilu alle ins Arschloch fickst, auchie Männer.

Abba du, du hassa jesach, dattu dat jerne maaachst,

weil meine Hände so schön weich von Abwaschen sind.

Sachoch aucher Otto aufer Waalkeskassdde.

Unnin unserer letzen Maßnahme hassu mirerzählt,

dassu auchauf Sachoch stehst. UND auf Masern. Auf Sachoch-Masern halt.

Alles aus Liebe halt.

Hast du doch selber gesagt.

Und mirmal sosüß vorgesungen.“

 

Alex la Farge sah den Penner eiskalt an.

„Sacher-Masoch heißt der russische Schriftsteller, der dir nicht einfällt.“,

sagte er kühl.

„Und die sexuelle Spielart, die dir nicht einfällt, heißt Sado-Maso,

und wurde nach Sacher-Masochs Buch „Venus im Pelz“ benannt.

Aber, was mich an dir am meisten nervt, Alter,

ist nicht dein Gesaufe,

und nicht deine schon an sich unerträgliche Art,

alles falsch auszusprechen,

nicht mal, dass du den Song „Alles aus Liebe“ von den „Toten Hosen“

durch deine eklig-versoffene Susschwitzabba-Stimme entweiht hast,

sondern?“

 

Der Alte sah ihn mit fragenden, leeren Augen an.

 

Alex zog die Luft ein und wartete.

Er verschränkte die Arme vor der Brust

und sah dem Alten kalt in die Augen.

 

Da schrie der Alte und weinte.

Zum Herzerbarmen.

Das Wasser rann erst wie Bäche aus den eitrigen Glubschern des Alten,

dann explodierte sein Brustkorb,

und Alex flog eine ganze Ladung Themsenwasser entgegen,

dass so sauber und rein war,

als wäre es durch 20.000 Klärwerke gelaufen,

oder… mehr noch…

immer wieder verdunstet,

zum Himmel aufgestiegen,

herunter geregnet,

in die Erde gesickert,

die Flussläufe hinunter geflossen,

ins Meer gespült worden,

wieder verdunstet

und als die Eisberge schmolzen,

als Flut von den Küsten bis zu den Bergen gelaufen,

in der Abkühlung des Klimas gefroren,

und nach einer Jahrmillionen währenden Eiszeit

als klarer, kühler Gebirgsbach

wieder fröhlich plätschernd

zu Tal gehüpft,

im Vertrauen, nun ginge schon alles gut.

 

Alex hatte vergessen, was er sagen wollte.

Der Alte störte ihn nicht mehr.

Er hatte plötzlich Mitleid mit ihm.

 

„Deine Geschichte ist meine Geschichte.“,

sagte der Alte weinend,

und reckte Alex die Hände hin.

 

Alex verzog die Mundwinkel zu einem hässlich-schiefen Grinsen.

 

„Ich weiß, was ich jetzt sagen soll.“,

entgegnete er.

„Ich soll sagen: Nein, meine Geschichte ist deine Geschichte.“,

und dann geht es immer so weiter.

Aber ich sage dir jetzt, was mich wirklich an dir stört.“

 

In Alex la Farges Kopf verschoben sich zwei Synapsen,

und legten sich wie trockenes Zunder übereinander.

Er hatte sich wieder.

Im Griff, und alles.

Und er hatte seinen Namen wieder.

Seinen erwachsenen Namen.

Alex la Farge.

 

Alexander sagte er nie.

Wegen Alan Alexander Milne.

Dessen „Winnie the Pooh“ hatte ihn als Kind beim Lesen traumatisiert.

Das hatten sie während seiner ersten Therapie herausgefunden.

Und bei den tiefenpsychologischen Sitzungen,

dass er in Wahrheit Christopher Robin war,

und Alex Alexander Milne sein echter Vater,

bevor er zu dem katholischen Priester in die Familie kam,

um von ihm resozialisiert zu werden,

nach seiner ersten Maßnahme.

Was ihn nur gewundert hatte, war, dass dieser Priester überhaupt eine Familie hatte.

 

Alex war die Ruhe selbst.

Er spürte die tiefe Ruhe Jesu in sich,

die er dank dem Pastor in der Haftanstalt hatte kennen lernen dürfen.

Er sagte:

 

„Was mich an dir stört,

 ist,

dass du „Molly Malone“

immer falsch singst,

und ich an der Art, wie du es singst,

erkennen kann, dass du Engländer

und Katholik bist,

und kein Protestant.“.

 

Der Alte sah ihn baff an.

 

„Du hältst das für einen katholisch-irischen Dialekt?“,

fragte er erstaunt.

 

„Ja.“, sagte Alex geradeheraus.

 

Der Alte grinste,

und der mit Billigwein

vermischte Sabber

lief aus seinem Mund.

 

„Das ist Gälisch.“, sagte er.

„Ein englisches Lied mit gälischem Akzent gesungen.

Und weißt du, was Gälisch ist?“

 

„Fee Thigh Foe Thumb!“,

sagte Alex,

und schoss grinsend damit heraus:

 

„Ein keltischer Dialekt?“.

 

„Naaaaain.“, sagte der Alte.

„Ein jüdischer Dialekt.“

 

„Dialektik?“; fragte Alex angestrengt.

„These, Antithese, Synthese?“

 

„Nein.“, sagte der Alte.

So was wie das Wort

Susschwitzabba,

dass du gerade gesagt hast.

Soll ich dir das mal geradesagen?

Also, was es wirklich bedeutet?“

 

Alex verlor die Geduld,

und auch sein Nachname entglitt ihm wieder.

„Susschwitzabba ist ein Skill“,

sagte er.

Ich soll das Wort denken und notfalls sagen,

wenn ich Apodeldoks wie dich treffe.“

 

„Ich sag‘ es dir jetzt trotzdem.“,

sagte der Alte verschmitzt.

Er schien, obwohl er so viel Wasser verloren hatte,

wieder vollständig aufgeladen

und bei Sinnen.

 

„Susschwitzabba heißt Auschwitzpapa.

Und du meinst implizit Gott damit.

Weißt du, was ich daran erkenne?“

 

 

Alex la Farge tippelte auf den Zehenspitzen herum,

und begann, die Fäuste wie in einem Boxkampf

vor den Augen des Penners hin und her zu schwenken.

 

Der Alte lachte, und sein weinhaltiger Sabber flog Alex ins Gesicht.

 

„Dass wir uns schon vor 80 Jahren in Auschwitz gekannt haben.

Ich bin Gott,

du bist Jesus,

und jetzt leg‘ ich dich aufs Kreuz

und fick dich richtig hinten rein.“

 

„Du Apodeldok!“,

murmelte Alex,

alles glitt ihm aus dem Gesicht,

und machtloser Angstsabber

floss aus seinem schiefen Mund.

 

„Das heißt Apotheker, Romeo.“,

sagte der Alte mit freundlich-hässlichem Gesicht.

„Ich habe meine Patienten immer aus Liebe vergiftet.

„Alles aus Liebe, weissu?“

 

„Das ist ein Song von den Toten Hosen!“,

schrie Alex La Farge,

und schlug dem widerlichen Apodeldok,

diesem ekligen Ausschwitzpapper

mit der Faust voll in die Fresse.

 

Dann trat er mit seinen festen Stiefeln mit der Stahlkappe vorne dran

noch mal nach.

 

Immer mitten in die Fresse rein.

 

Apodeldok gehackt.

 

„Das ist nicht das Problem.“,

sagte Alex kühl.

„Das Problem ist, dass du mich befummelt hast.“

 

 

© by Patrick Rabe, 2. Mai 2022, Hamburg.

 

Die Tatsache, dass ich hier eine Schrift genommen habe, in der es kein richtiges, klar zu erkennendes Komma gibt, bot sich an. Es nimmt in gewisser Weise auf mein erstes Buch mit Kurzgeschichten Bezug, das „Alter, Ego“ hieß. Es ist in meinem zur Zeit vergriffenen Sammelband „Beide Seiten des Fensters“ erschienen. Mein Gedicht ist natürlich metaphorisch gemeint. Es greift die mittlerweile ja beinahe klassische Geschichte von Alex aus „A clockwork orange“ auf, und wendet sie auf die Zustände in der heutigen Gesellschaft, Kirche und Psychiatrie an. Es setzt meine gestern in meinem Gedicht geäußerte Kritik fort. Stoppt die Psychiatrie. Stoppt Scientology. Stoppt die repressiven, gewalttätigen und unterdrückerischen Elemente unseres Staates!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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