Aylin

Brüder werden wir (Sonettenkranz)

Brüder werden wir ( Sonettenkranz)

30 Jahre deutsche Einheit

 

1

Es war nicht alles schlecht, so sagen sie,

doch Wessi-Brüder wollten richten, klagen.

Obwohl sie demokratisch lebten, nie

die Drangsal spürten, stellten viele Fragen.

 

Die Wessis schauten. Wollten sie verstehen?

Sie sahen nur auf den korrupten Staat

der DDR- des Bürgers Lust und Lehen.

Der setzte, zog heran sich seine Saat,

 

die jeden Bürger gegen jeden hetzte,

die selbst beim FKK die Linse zückte,

die folterte und ihre Messer wetzte

und gar den Menschen auf die Wohnung rückte.

 

Es war System, von Grund auf schon verlogen

und viele haben andere betrogen.

 

 

2.

Und viele haben andere betrogen,

doch niemand wusste: „Wer gehört dazu?“

Als Kind schon wurde man darauf erzogen:

Wer angepasst ist, hat hier seine Ruh.

 

Der Pionier, der junge Stolz von morgen,

in Kitas schon darauf geformt, geprägt,

sang fahnentreue Lieder, niemals sorgen

musst sich die Mutter, die hat abgewägt:

 

Welch Chance hat mein Kind denn sonst im Leben?

Womöglich wird es mir sogar genommen.

Ach, Mütter wollen nur das Beste geben

Sind sie dabei vom Wege abgekommen?

 

Im Westen aber kritisiert man sie.

Das tät ich nie, sprach Wessi-Bruder, nie!

 

3

„Das tät ich nie, sprach Wessi-Bruder, nie!“

Das musst du leben, um es zu ergründen.

Du musst ein Schlupfloch für dich finden aber wie?

Wer’s nicht erlebt hat, kann es nicht empfinden.

 

Der Druck des Staates, die bewachte Mauer

Ein Mensch denkt für Familie und für sich.

Denn viele lagen stetig auf der Lauer

und jener, der daheim für sich verglich,

 

musst sich entscheiden: Will ich meine Ruh

und spucke lieber keine großen Töne?

Ich mache manchmal beide Augen zu

und sehe nur das Leben und das Schöne.

 

Hat der, der so gedacht, sich selbst betrogen,

hat der mit diesem Satz sich selbst belogen?

 

4

Hat der mit diesem Satz sich selbst belogen,

der sich in düstren Städten Leben baute,

der Kiefernduft am Strande eingesogen,

wenn ihn das Grau der Stadt mal wieder graute,

 

der Kinder froh am Strande spielen sah,

mit dem zufrieden, was man eben hatte?

Familie rückte eng, verbunden, nah

und packte sich ihr Leben ein in Watte.

 

Man sah die Wälder, tiefe, klare Seen,

das Heim, das sich auch dort die Hausfrau schmückte.

Wer würde leichten Herzens einfach gehen,

auch wenn die Unfreiheit ihn fast erdrückte?

 

Gab’s Kaffee auch nur teuer wie die Butter,

es war die Heimat - Landschaft, Vater, Mutter!

 

5

Es war die Heimat - Landschaft, Vater, Mutter,

was viele hielt - wer möchte das verdenken?

Man fragte nicht nach Kirche, Papst und Luther.

Man hatte sich - wer möchte das verschenken?

 

Ein kleines Leben, Tanz auf engstem Raum,

um das ein Wahn den guten Onkel spielte.

Balance halten vor des Abgrunds Saum,

an dem ein Grenzsoldat mit Lilly zielte.

 

Wie weit geht man, um sich Idyll zu wahren?

Wie weit gehn wir in unsrer BRD?

Wir, die allwissend mit Kritik nicht sparen,

wir treten denen auf den großen Zeh.

 

Es war die Heimat - wer wollt sich erheben?

Es war Zuhaus und Menschen wollen leben.

 

(Lilly- Maschinengewehr)

 

6

Es war Zuhaus und Menschen wollen leben

im Hier wie Dort. Heut fragen sie, nicht still:

Hat dieser Staat uns so viel mehr zu geben,

wo jeder auch nur für sich selber will?

 

Die Macht des Kapitals war dort verpönt

Doch die Elite fuhr auch da nicht „Pappe“.

Der Kommunismus war geschickt geschönt,

doch wenn man klug war, hielt man seine Klappe.

 

So unauffällig wie es eben ging.

Man engagierte sich für seinen Ort,

weil man genau an diesem Leben hing.

Nicht wenige, die wollten gar nicht fort.

 

Da war das, was man liebte, Vater, Mutter,

der alte Hund, das Haus, am Steg der Kutter.

 

(„Pappe“- Trabant)

 

7

Der alte Hund, das Haus, am Steg der Kutter,

der Kohl im Garten und der Arbeitsplatz.

Es war bescheiden, mal ein Stückchen Butter,

das hüteten die Menschen sich als Schatz.

 

Die Nachbarn, die vergnügt zusammen standen,

die „Straße“ spielte abends Völkerball,

auch wenn sich später Stasi-Akten fanden.

Sie brachten grad den Nachbarn tief zu Fall.

 

Doch damals wollte man es gar nicht wissen.

Der Ball war dort genauso rund wie hier.

Man hatte und was sollte man vermissen

in dem Moment beim leckren Fläschchen Bier?

 

Die Menschen wollten leben, einfach leben.

Wer würde wollen, all das aufzugeben?

 

8

Wer würde wollen, all das aufzugeben,

zu fliehen und all die zurück zu lassen?

Wer könnte ohne die Familie leben

und sich ein Glück allein im Westen fassen?

 

Zumal der Staat die Liebsten drangsalierte,

hat einer jene Grenze überwunden.

Nicht selten war’s, dass man sie schikanierte.

So war doch jeder innerlich gebunden

 

an das, was ihm die Freiheit strikt verwehrte.

Manch Seele schrie, der Mund jedoch blieb stumm.

Auch wenn man heimlich anderes begehrte

- man ging nicht fort, man kehrte sich nicht um.

 

Erst recht nicht der, der leistete den Schwur.

Da war die Staatsmacht, jene Diktatur.

 

9

Da war die Staatsmacht, jene Diktatur

und mancher drehte dort das große Rad.

Der Westen war der Feind und blind und stur

geht er noch heute auf dem alten Pfad.

 

Nun sollte plötzlich der sein Bruder sein?

Nein, dafür hat er nicht gekämpft, gestrebt!

Er sehnt sich, und da ist er nicht allein,

dorthin zurück, wo er die Macht gewebt.

 

Dorthin, wo wehe dem, der opponierte,

ob Denker, Werker, armer Mann, ob Dichter.

ein jeder, der nicht staatsgetreu agierte,

in diesem Teufelsstaat fand seinen Richter.

 

Und viele schauten weg, verschämt, betreten.

Und Horch und Guck war überall vertreten.

 

(„Horch und Guck“ – Stasi)

 

10

Und Horch und Guck war überall vertreten,

an jedem Sessel klebte eine Wanze.

Ging man die Beine sich mal kurz vertreten,

ging man mit seinem Mädel aus zum Tanze,

 

dann gab es immer jene schwarzen Schatten,

die schweigend folgten wie ein alter Fluch.

Sie waren schnell und schlau so wie die Ratten

und schrieben alles in ein kleines Buch.

 

Wer ihnen auffiel, war ein Blatt im Wind,

das lautlos über kahle Äcker fegt.

So ausgeliefert wie ein kleines Kind

war, wer sich mit dem Staate angelegt.

 

Ein Wagen bremste scharf, er stoppte, fuhr.

Von manchem fand sich später keine Spur.

 

11

Von manchem fand sich später keine Spur,

von manchem, der den Widerstand gewagt.

Marionetten zogen an der Schnur.

Hat dies an jenen später wohl genagt?

 

Die Angst ging um. Was wollen wir schon wissen,

die immer nur in Freiheit leben konnten,

die demokratisch wählen, niemals müssen

und uns am Pool der Menschlichkeit versonnten?

 

Was sollten die dem Staat entgegensetzen,

den Bruder Russland „väterlich beschützte“?

Wo eigne Leute eignes Volk verpetzten?

Die Angst ging um, was dieser Macht noch nützte.

 

In solchen Fällen mögen Menschen beten.

Heut schweigen sie, bewusst, vielleicht betreten.

 

12

Heut schweigen sie, bewusst, vielleicht betreten.

Sie wissen um die Lüge, fein gestrickt.

Sie wissen, was sie damals noch vertreten,

das führt sie heute an des Henkers Strick.

 

So wandten sie den Hals, grad die von oben,

zerschredderten die Kader-Akten flink

und fingen an, die Staatsreform zu loben.

Auch hier half der erprobt interne Wink.

 

Der kleine Mann doch jubelt auf den Gassen.

Vielleicht mit einem kurzen Blick zurück,

beginnt das Neue langsam zu erfassen

und dreht im Taumel seiner Kreise Glück.

 

Vergessen aber kann er wirklich nie.

Es war nicht alles schlecht, so sagen sie.

 

13

Es war nicht alles schlecht, so sagen sie

- ein bisschen stolz auf lang vergangne Zeit.

Vereinnahmt werden wollten sie wohl nie,

doch Wessie-Arme waren überweit.

 

Das Kapital verschlang des Ostens Güter

und Kohl versprach, was alles blühen werde.

Der Westen heilte nie toxierte Erde,

die Treuhand, sagt man, war ein schlechter Hüter.

 

Verheilte auch die Seele, die noch stand,

sich qualvoll zwischen Heut und Gestern wand,

die plötzlich eine neue Grenze fand

in der Moral? Sie kam als Mauer-Wand.

 

Ach, Grenzen überwinden Menschen nie,

wenn Tränen schimmern – alles Ostalgie?

 

14

 

Wenn Tränen schimmern – alles Ostalgie?

Wer mag bewerten, wann ein Mensch zerbricht?

Die Einheit kam mit Hoffnung und Magie,

für viele aber brachte sie Verzicht.

 

Nichts zählte mehr, was diesen Menschen lieb,

nur Spreewaldgurken hat man übernommen.

Es gab nichts mehr, was diesen Menschen blieb.
Der Westen ist als Wirbelsturm gekommen.

 

So manchen hat man sauber abgelinkt.

Das Kapital, vor dem man sie gewarnt,

das hat auch sie bezirzt, hat wild gewinkt

und sich als Freund der Freiheit klug getarnt.

 

Das Leben führt ironisch gern Regie.

Es war nicht alles schlecht, so sagen sie.

 

 

Meistersonett

 

Es war nicht alles schlecht, so sagen sie

und viele haben andere betrogen.

Das tät ich nie, sprach Wessi-Bruder, nie!

Hat er mit diesem Satz sich selbst belogen?

 

Es war die Heimat - Landschaft, Vater, Mutter.

Es war Zuhaus und Menschen wollen leben.

Der alte Hund, das Haus, am Steg der Kutter.

Wer würde wollen, all das aufzugeben?

 

Da war die Staatsmacht, jene Diktatur,

und Horch und Guck war überall vertreten.

Von manchem fand sich später keine Spur.

Heut schweigen sie, bewusst, vielleicht betreten.

 

Es war nicht alles schlecht, so sagen sie,

wenn Tränen schimmern – alles Ostalgie?

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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