Aylin

Die Einschulung

Die Einschulung

 

Heute wird mein Enkel eingeschult und traditionsgemäß beginnt die Feier mit einem ökumenischen Gottesdienst in der katholischen Ortskirche. Nun kämpfe ich seit geraumer Zeit mit mir, ob ich die Kirche betreten will oder nicht.

Früher fand ich den Gedanken, einen neuen Lebensabschnitt bei einem Kirchgang in Gottes Hand zu legen, sehr schön. Heute denke ich, dass man die Kinder eher vor dieser Institution warnen sollte und sage zu unserem Kleinen im Auto: Die katholische Kirche ist nicht unsere Kultur. Der Glaube ist es. Aber man braucht keine Kirche um etwas in Gottes Hand zu legen, denn Gott ist überall. Lass dir nichts sagen von einem Pastor. Er hat dir keine Anweisungen zu geben! Meine Tochter zischt mir wieder mal zu: Mama! Aber ich lächle das weg. Der Kleine tut es auch. Manchmal ist er Oma sehr ähnlich und in solchen Situationen wägt er ab. Wenn Mama und Oma eine unterschiedliche Meinung haben, entscheidet er sich still, welche er für sich wählen soll. Denn er weiß, beide wollen für ihn nur das Beste. Und dass Mama oftmals Kompromisse macht, die er selbst, je verständiger er wird, nicht machen würde. Wie Oma eben.

Spannung knistert vorm Kindersitz. Die Sonne lädt schon auf früh um halb acht. Ich habe mich schick gemacht. So wie es bei Feierlichkeiten in unserer Familie üblich ist. Auch meine Tochter hat ein bezauberndes Kleidchen an. Ich habe mich für eines aus Spitze entschieden und einen Blazer in Chanel-Stil.

Meine wenigen, aber hochkarätigen Brillianten, die sonst ein düsteres Dasein im Schrank fristen, funkeln in der Morgensonne. Opa kommt später wegen der Corona-Gefahr und hat freiwillig ( und das heißt schon was) seinen schönsten Schlips angezogen. So war es immer bei uns. So ist es Tradition.

Als ich die Leute auf dem Parkplatz sehe, werde ich schweigsam. Wir sind hoffnungslos overdressed. Sogar Väter in Jogginghosen laufen an uns vorbei. Vielleicht sollten sie gleich in Badeshorts kommen, denke ich, dann könnten sie direkt nach der Kirche ins Freibad gehen. Nehme das jedoch sofort zurück, als ich ihre Kinder sehe, die die winzigen Schultüten im Arm haben, die ein Discounter zu Werbezwecken verschenkte. Ich schlucke schockiert.

Meine Tochter, die beständig Angst hat, Enkelchen könnte zu wenig haben und darunter leiden, da sie allein erziehend ist und sparen muss, schaut entsetzt. Enkelchen jedoch trägt eine zauberhafte, von einer Künstlerin gefertigte Schultüte, die meine Tochter im Internet bestellt hat und die fast so groß ist wie er selbst. Und Oma und Opa haben natürlich mitgeholfen beim Bestücken.

 

Nur ein Drittel der Einzuschulenden ist zur Kirche gekommen. Viele Andersgläubige in feinen Burkamänteln oder goldbestickten afrikanischen Tuchgewändern stehen respektvoll auf, als die Pastoren zum Altar schreiten. Ich stehe nicht auf. Ich gehe nur für den Kleinen hin. Die Reden von „Barmherzigkeit und „Ihr könnt jederzeit zu uns kommen, wenn ihr ein Problem habt“ verhallen vor den Bildern in meinem Kopf von unzähligen missbrauchten , misshandelten Kindern in aller Welt, vor denen von 2000 Kindergräbern in Kanada und elektrischen Folterstühlen für 6-Jährige! Ich stehe nicht auf. Bestimmt nicht! Enkelchen sieht mich fragend an und ich flüstere: Oma muss sitzen bleiben wegen der Hüften. Er nickt und steht auf.

Die Pastore fordern die Einzuschulenden auf, nach vorn an den Altar zu kommen. Sie wollen gemeinsam eine Schultüte mit vielen guten Wünschen auspacken. Eigentlich nicht schlecht gemacht. Ich schaue auf die düsteren, grauen Wände. Was könnten sie erzählen?

Viele Kinder stürmen nach vorne. Enkelchen bleibt sitzen. Ich lächle. Willst du denn nicht nach vorne gehen, fragt meine Tochter, der Pastor würde sich freuen. Enkelchen sagt: Nö. Ich grinse und finde, der Tag fängt ziemlich passabel an.

Als wir an der Schule zum „Sektempfang“ ankommen, stehen schon ca 150 Menschen dort. Die Armut springt mich an und ich schiebe verschämt meinen 2-Karäter-Anhänger unter meinen Kleidausschnitt. Daniel, der Schulfreund meiner Tochter, der versucht, Enkelchen eine Vaterfigur zu sein, so oft es sein zeitaufwändiger Beruf zulässt, zupft an seinem Schlips. Mein lieber Schwan, raunt er mir zu, das ist aber ganz schön Multikulti hier. Die wenigen, etwa 20 Prozent nicht migrantischen Ursprungs sind die mit den Jogginghosen und verwaschenen Jeans. Meine Tochter und ich haben jedoch diese Schule bewusst gewählt. Die Alternativen wären eine elitäre Leistungsschule und eine katholische Grundschule gewesen. Beide sehr harsch, sehr streng mit Wallfahrt zu irgendeiner Marienfigur und Aschekreuz auf der Stirn.

Hier ist alles locker. Die Lehrerinnen sind blutjung, empathisch und engagiert. Ein Sozialarbeiter und eine Psychologin kümmern sich um Probleme. Enkelchen ist mittendrin. Kennt schon einige Kinder aus der Nachbarschaft und vom Kung-Fu-Verein. Oma verteilt und erntet Lächeln. Und raucht mit einem muslimischen Vater heimlich eine Zigarette. Er sagt: Früher war Kirche schöner, bei unserem ersten Kind. Ich nicke und denke: Solange die Katkoliken nur austreten, aber ihre Kinder doch auf eine katholische Schule schicken, weil sie keine Ausländer in der Klasse haben wollen, solange wird auch die popelige und heuchlerische Entschuldigung eines Papstes für die Opfer reichen…

Im Feiersaal wird es eng, kaum einer spricht Deutsch und die Direktorin referiert stolz über ein Digitalprogramm fürs Handy, das sämtliche Lehreranweisungen in diverse Sprachen übersetzt. Die Schule hat sich vorbereitet. Sie sind bemüht. Der Rest wird sich finden. Enkelchen zieht stolz in seine Klasse ein.

Und ich weiß nicht, wie ich die folgenden 45 Minuten in praller Sonne überstehen soll. Von Getränken keine Spur, von Sekt ganz zu schwiegen. Armut überall, wohin ich blicke. Daniel läuft die zehn Minuten zurück zum Parkplatz um Getränke aus dem Auto zu holen. Als Enkelchen aus der Klasse kommt, ist er still. Erzählt nichts. Sagt nur: War toll, aber viele Kinder. Wird wohl wie Oma auch kein Gruppenmensch werden.

Wir machen uns auf den Heimweg. Daniel holt Opa ab, der stürmisch von Enkelchen begrüßt wird. Er stellt den von uns gestern vorbereiteten Couscous-Salat und die Frikadellen auf das schon gut bestückte Buffet. Ich schaue mich um. Schön dekoriert ist der Raum, liebevoll. Und ich bin stolz auf meine Tochter.

Mit großem Trara wird die Schultüte entleert und Enkelchen schwebt im Dinoglück. Attraktion ist der grüne Glibberwurm, der überall haften bleibt , wo man ihn hinwirft und der sich eklig echt anfühlt.

Die Gäste trudeln nach und nach ein und es wird voll in der kleinen Wohnung. Laut und lustig. Man umarmt sich, Gespräche gehen wild durcheinander und man kreischt, weil der Glibberwurm einen trifft. So muss es sein, denke ich zufrieden und ziehe mich mit Opa für ein Weilchen auf den Balkon zurück. Ein bisschen wehmütig bemerke ich: Ja, jetzt muss ich wieder loslassen. Unsere Zeit mit Enkelchen wird weniger werden. Opa nickt. Einerseits sind wir auch ein bisschen erleichtert, dass er nicht mehr drei Tage die Woche kommt, aber andrerseits werden wir auch viel verpassen. Vielleicht sogar den „Zweite-Eltern-Status“ verlieren. Meine Tochter kommt heraus und nimmt mich in den Arm. Ja, ist ein Lebensabschnitt, Mamuschka, sagt sie. Aber er wird die sechs Jahre mit euch nie vergessen! Zu den Gürtelprüfungen beim Kung-Fu, da gehe ich aber mit, trumpfe ich lächelnd auf. Klar, sagt sie, beißt glücklich in eine Frikadelle, lobt „Hm, super“ und schwirrt wie eine Elfe zurück in den Raum.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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