Andreas Vierk

Abschied eines Diplomaten

 

 

Die Reihe meiner Missgeschicke begann am Tag meiner Verabschiedung aus dem Dienst der Botschaft des kleinen Staates N. vormittags um 10 Uhr. Es versprach ein herrlich sonniger Tag zu werden und durch das geöffnete Fenster meiner Bibliothek trat bereits die feuchte Hitze der Tropen herein. Ich stand auf einer Leiter über der drei Meter hohen barocken Tür, um vom höchsten Bord einen Band Tacitus herauszuziehen, als ein Diener in Livree unangemeldet beide schweren Türflügel aufstieß, und die Leiter unter mir weg glitt. Diese Tür führt auf einen breiten, gebohnerten Gang. Ich hing einen Moment lang an meinen Fingern und baumelte an der oberen Zarge, als etwas unter mir ein Gabelstapler vorbei ratterte, auf seiner vorderen Fläche eine gigantische, mindestens zwei Meter im Durchmesser große Schokoladentorte vor sich her schiebend. Meine Finger verloren den Halt und ich klatschte mit ganzer Körperlänge auf einen süßen, cremigen Traum und sank langsam hinein. Schon Laurel und Hardy verabscheuten die klassische Tortenschlacht als würdelos selbst für die Slapstickkomödie. Man kann sich also vorstellen, dass ich vor Scham am liebsten unsichtbar geworden wäre, als mich zwei zornige Konditoren aus ihrem zerstörten Kunstwerk hoben.

 

Dabei begann mein Ehrentag völlig normal. Ich erwachte splitternackt und kroch aus meinem Himmelbett. Es war noch dunkel und ich tastete mich blind den Stuck der Chinoiserien entlang zum WC. Ich muss an dieser Stelle an das Mitleid der Damenwelt angesichts der allmorgendlichen Nöte des Mannes appellieren. Denn auch wenn keine ihrer reizenden Vertreterinnen neben dem Schläfer in greifbarer Nähe ist, hat der normale Mann am Morgen immer mit dem gleichen Dilemma zu kämpfen: Zur Morphologie seines Penis gehören nämlich drei Schwellkörper, die sich in sexueller Erregung mit Blut füllen, das sie von irgendwo herholen, vielleicht aus dem Hirn des Deppen, der wieder einmal auf den Willen einer Frau hereingefallen ist. Nun kann der Penis über Nacht einen venösen Stau bilden, der das Glied auch ohne Erregung erigieren lässt. Wie kann man nun allmorgendlich urinieren? Man muss sich auf der Klosettbrille möglichst weit nach hinten setzen, so dass man gleichsam auf dem Steißbein balanciert, das Scharnier des Deckels ungefähr in der Höhe des Wurzelchakras. Die drei Tröpfchen, die man sich dann abquält haben nicht annähernd den Flüssigkeitsgehalt der Schweißperlen auf der Stirn des Urinierenden. Aber schließlich gelingt das Abschlagen des Harns und der Zeppelin neigt sich schwer nach unten, wie auf dem Plattencover der nach letzterem benannten Rockgruppe. Aber das nur am Rande.

 

Nach dem Duschen und dem Zähneputzen zog ich mir einen bequemen englischen Hausanzug mit dunkelgelbem Tweetmuster  über, setzte mich an den massigen Schreibtisch besagter Bibliothek und erledigte die zahlreiche Korrespondenz und die Glückwünsche zu meinem Ehrentag. Schließlich kam ich auf den Tacitus, um einen analytischen Vergleich zwischen mir und Nero ziehen zu können. So geschah das Malheur mit der Torte. Nach einem zweiten, längeren, Intermezzo unter der Dusche konnte ich mich allmählich wieder entspannen. Mit der für den Kleinstaat typischen Tropenhitze kam das fiebrige Zwitschern eines Vogels in die Bibliothek herein, dessen Erscheinungsbild ich mir nicht vorstellen konnte. So trat ich, nackt bis auf eine Boxershorts an das Fenster, welches auf einen so genannten „Französischen Balkon“ hinaus ging, wobei ich vollkommen vergessen hatte, dass das dazugehörige Gitter zwecks Reparatur vorübergehend entfernt war. Unter mir auf dem geteerten Weg fuhr ein Lastwagen vorbei, auf dessen flacher Ladefläche eine etwa drei Meter breite Götterspeise mit Waldmeistergeschmack transportiert wurde. Ich trat mit einem weiten Schritt hinaus, konnte mich nirgends halten, glitt aus und stürzte mit dem Hinterteil zuerst in die Masse hinein. Ich tat einen kleinen Hopser wie auf einem Trampolin, dann riss die Haut – natürlich nicht meine, sondern die der Götterspeise – und so sank ich bis an die Schultern hinein und stak darin wie in einer Badewanne mit heißem Moorbad. Die beiden Konditoren mussten jetzt wohl die Geduld mit mir verloren haben, denn von derben Flüchen begleitet flogen zwei Herrentorten auf mich zu, von denen eine mich, kaum dass ich mich erhoben hatte, direkt ins Gesicht traf, mit Walnussaroma im Abgang. Ich kletterte vorsichtig von der Ladefläche, schwankte ums Haus und suchte umgehend die Dusche auf. Es war die im großen Jugendstilbadezimmer, welches von einem, in Schwarz gekleideten Zimmermädchens gerade für die Gäste hergerichtet wurde. Die junge Frau rannte, von meinem Anblick in Panik versetzt, schreiend zu einer zweiten Tür hinaus. Nach dem Duschen wollte ich an das zu ebener Erde gelegene Fenster treten. Ich glitt auf einer liegengelassenen Seife aus, rutschte bäuchlings über das Moos auf die untere Serpentine der Straße, kullerte überzwerch einen sanften Abhang hinab auf einen unter mir liegenden Parkplatz, auf welchem auf mehreren Paletten der Rest der Schokoladentorte vom Vormittag lag. Ich wollte wenigstens noch den Anstand bewahren, nicht direkt in die von mir zurückgelassene Form meines eigenen Körpers zu fallen – aber das Schicksal hatte wohl Anderes mit mir vor.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Andreas Vierk schreibt seit seinem zehnten Lebensjahr Prosa und Lyrik. Er verfasste die meisten der Gedichte des „Septemberstrands“ in den Jahren 2013 und 2014.

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