Frank-Ulrich Meinhard

Baumlied im Konjunktiv

Wär ich ein Kind, lief ich rüber zum Baum,

zum Lieblingsbaum auf Nachbars Wiese.

Und meine Schwester, die kleine Liese,

stünde zaudernd am Zaun.

 

Schwungvoll wär ich hinauf geschnellt,

säß im Geäst, frei von Erdenschwere.

Schaute ins Land, träumte und wäre

unsichtbar für die Welt.

 

Im Dorfe würden die Hähne krähn,

Wolken zögen und Vögel flögen.

Ferne säh ich den Regen zerwehn

zu Hufeisenbögen.

 

Im Winde würde der Baumstamm schwanken,

als wär er ein Schiff auf stürmischer See.

Ein Knacken ginge durch Taue und Planken

von Luv nach Lee.

 

Ich würde mich sorgsam geborgen fühlen.

Ich röche der borkigen Rinde Duft.

Ich sähe die Katzen im Grase spielen

und den Staub in der Luft.

 

So säß ich im Baum bis der Abend käme. - - -

Heut häng ich am untersten Ast und schnauf.

Ach, kennt ich ein Kind, das mich mit sich nähme

Und hülfe mir rauf.

 

Wär ich wieder ein Kind, lief ich rüber zum Baum,

zur alten Eiche auf Nachbars Wiese.

Und meine Schwester, die kleine Liese,

stünde zögernd am Zaun.

 

(Versuch einer Hommage an Erich Kästner)

Bild zum Gedicht Baumlied im Konjunktiv

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