Conny Weituschat

behütet

Ferien, Urlaubszeit, Autobahnstau
löst sich grad auf – Vater freut sich samt Frau,
vier orgelpfiffige Kinder im Fond,
im Gepäckraum Koffer aus Holz und Karton.
Der Himmel knallblau, die Sonne, sie lacht,

als ein Fahrzeug fast in ein anderes kracht.
Das Ausweichmanöver kostet zwei Reifen
durch Bordsteineinfassung am Mittelstreifen.
Links hinten die größere Tochter erschreckt,
der gewaltige Stoß hat abrupt sie geweckt.
Der Wagen prallt ab, beginnt sich zu dreh’n,
ganz sicher schockierend mit anzuseh’n.
Dann, vom Schlaf noch im Arm der Großen die Kleine,
grad sieben, kurzes Dirndl, schutzlos die Beine,
spuckt der Wagen sie durch die Heckscheibe raus.

Und der Schutzengel breitet die Flügel aus.

Dichter Verkehr am Kreuz Biebelried,
als eine höhere Macht beschied
den Fahrern die Fähigkeit auszuweichen
bis die Mädchen den Mittelstreifen erreichen.

Nur blitzhaft erinnert die Unfassbarkeit,
das Unverständnis für Raum und Zeit.
Erinnert das Sammeln der Clogs aus den Splittern.
Der Trost für die Tränen der Kleinen, die bitter’n.
Erinnert das Scheppern, tief innen zu spüren,
das Auto, es rutscht noch, erst kurz auf den Türen, 
dann kippt es aufs Dach, kommt endlich zum Steh’n.
Von Eltern und Brüdern ist nichts zu seh’n.
Das Blech glühend heiß, Benzin läuft heraus,

Und der Schutzengel breitet die Flügel aus.

Totenstill die Welt gefriert. Gefühllos dehnt sich Zeit.
Allein die kleine Hand der Schwester ist Wirklichkeit.
Der Große, der Vater – die Zeitlupe endet – 
entklettern dem Wrack, das dann wird gewendet
vom Dach auf die Räder. Die Helfer erblassen,
als sie Mutter und Kleinsten im Innern erfassen.

Fast alle fast unverletzt – kaum zu begreifen.

Nur des Kleinsten Kopf konnte die Straße schleifen.
Er liegt da bewusstlos und blutend. Es glotzen
die Gaffer aus ihren Autos. Zum Kotzen.
Die Größere spürt etwas, ähnlich wie Trauer.    
Noch lang wird es währen, bis sie genauer
den tiefen Einschnitt ins Leben erkennt. 
Die Wut ist beherrschend In diesem Moment.
Über die, die gedankenlos Unglück bestieren
und schamlos nach Sensationellem gieren.
Erinnert schmerzt diese Wut noch, schmeckt fahl.
Doch die schützenden Flügel sind immer real. 


cow Juni 2025 
in Erinnerung an den 17. Juli 1976


Dies ist meine persönliche Erinnerung als Mittelschwester. Solches Erleben bewirkt außer den, an der Schwere des Unfalls gemessen, kleinen äußeren Verletzungen und ihren Folgen auch inneren Nachhall. Erst sehr viel später konnte ich ansatzweise ermessen, was dieses Ereignis für unsere Eltern bedeutet hat. Für meinen Vater als Fahrer und Fami-lienoberhaupt. 

Aus irgendeinem Grund ist mir das Geschehen in diesem Jahr – 49 Jahre später – be-sonders präsent und suchte eine Bearbeitung. Ich bin kein frommer Mensch wie meine Eltern. Aber der beschriebene Schutzengel war und ist mir immer nah. Er war noch öfter im Einsatz.


Zum 30. Gedenken im Jahr 2006 fasste mein Vater das Geschehen aus seiner Erinnerung zusammen. (Die Namen der Kinder sind durch die Altersrangfolge ausgewechselt)


Unfall am 17. Juli 1976 bei Würzburg

Wir wollen heute dankbar zurückblicken, 30 Jahre, und uns erinnern an das Wunder Gottes, das damals geschehen ist. Nein, es waren gleich mehrere Wunder. Bis auf [die Älteste], die nicht mit war, hätte unsere Familie ausgelöscht sein können, verbrannt.

Wir haben damals handgreiflich erfahren, was in Psalm 91, Vers 11, steht:
"Er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen."
Und daher konnten und können wir mit dem Liederdichter singen:
"Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich
freundlich geleitet. In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!"

Was lief damals ab? Ich möchte es aus der Erinnerung in Stichworten nachvollziehen:
Wir befanden uns am Ferienbeginn auf der Urlaubsfahrt nach Langensteinbach - volle Autobahn - immer wieder kleine Staus - es lief gerade wieder - ich fuhr mit ca. 130 Km/h auf der linken Spur - plötzlich scherte ein VW-Käfer aus und drängte uns ab - wir kamen mit der linken Fahrzeugseite auf den Grünstreifen - aber an dieser Stelle war eine gepflasterte Baustellendurchfahrt - den Übergang zum Grünstreifen bildete ein Kantenstein - dieser zerstörte die Reifen auf der linken Seite - das Fahrzeug prallte vom links gegen die Leitplanke - wurde zurückgeworfen, drehte sich nach rechts – schleuderte rückwärts und prallte gegen die rechte Leitplanke, der Tank wurde beschädigt - das Fahrzeug hob ab, überschlug sich in der Luft, landete auf dem Dach und rutschte bis zum Stillstand auf der linken Spur - aus dem beschädigten Tank lief Kraftstoff und breitete sich aus – [Der Große] und ich krochen durch die Heckfensteröffnung heraus und wurden vom auslautenden Kraftstoff naß - Verkehrsteilnehmer liefen herbei, und mit vereinten Kräften rollten wir das Fahrzeug zurück auf die Räder - die Tür vom rechts ließ sich öffnen und wir konnten Mutti aus dem Haltegurt befrei-en und [den Kleinsten] aus dem Fahrzeug bergen – [die Mittlere] und [die Kleine] waren herausge-schleudert und saßen verletzt in einiger Entfernung auf der Autobahn, inmitten von Glaskrümeln. 
Soweit der Unfallablauf.

1.    Ich möchte festhalten:
Unser Fahrzeug ist durch zwei volle Fahrspuren nach rechts geschleudert, dann wieder zu-rück und blieb auf der linken Spur liegen. Es stieß mit keinem Fahrzeug zusammen und kein Fahrzeug fuhr in unserer Unfallstelle hinein.
2.    Der Polizeihubschrauber war gerade an dieser Stelle in der Luft, landete sofort und leistete erste Hilfe.
3.    Wir stellten fest, daß das Autodach, durch das Rutschen auf dem Beton, an einigen Stellen blau angelaufen war von der Hitze, es hätte den ausgelaufenen Kraftstoff entzünden kön-nen.
4.    Mutti und ich hatten bei diesem schweren Unfall so gut wie keine Verletzungen.
[die Mittlere] und [die Kleine], obwohl sie herausgeschleudert und äußerlich verletzt waren, hatten nichts gebrochen.
[Der Große] hatte nur eine große Schramme am Kopf.
[der Kleinste], damals sechs Jahre alt, hatte trotz starker, äußerlicher Kopfverletzungen we-der einen Schädelbruch noch eine Gehirnerschütterung. Er konnte, noch mit Kopfverband, nach vier Wochen eingeschult werden.


 

Bild zum Gedicht behütet

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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