Ditar Kalaja

zu teuer! - aber bitte mit Hafermilch

also,
ich geh kaffee trinken.
nicht kaffee trinken –
kaffee erleben.

in einem laden,
wo der boden aussieht wie ausgedruckte ästhetik,
und die playlist klingt,
als hätte jemand melancholie in lo-fi gegossen.

„flat white?“ fragt der barista,
der aussieht, als wär er halb mensch, halb bohne.
„macht 6 euro 40.“
und ich so: „klar! – mach gleich doppelt,
ich hab’s mir verdient,
ich hatte heute früh fast stress.“

6 euro 40 für ein getränk,
das im grunde aus heißem wasser besteht,
aber halt mit bedeutung.
denn:
„die bohne kommt aus kolumbien, handgepflückt,
wahrscheinlich von einer frau mit einer schönen lebensgeschichte.“
ich nicke mitfühlend
und poste: #mindfulmonday.

aber im supermarkt:
kaffee 19,99 pro kilo –
und plötzlich bin ich marxist mit rabattmarken.
„die wollen uns doch ausnehmen!
was denken die sich, 20 euro für bohnen,
die nicht mal ein gesicht haben?!“

und dann essen gehen.
restaurant.
kerze.
instagrammable teller.
pasta für 28 euro,
die aussieht wie kunstunterricht in der dritten klasse –
aber konzeptionell!
ich lächle:
„ja, das ist halt qualität,
man bezahlt ja nicht nur das essen,
sondern auch die erfahrung!“

zwei tage später:
„pasta im supermarkt 2,99?
ne, das ist mir zu teuer,
da nehm ich lieber die billige,
die klebt wenigstens zuverlässig an der wand.“

und eis!
oh, das eis.
zwei kugeln, sechs euro.
aber „mit echter bourbon-vanille“
und einem topping, das klingt wie ein zauberspruch:
„bio-zimt-karamel-meersalzflair“.
ich nicke ehrfürchtig,
weil:
handwerk.

aber im supermarkt:
1 liter eis für 5,99 –
„nein, das ist doch pure abzocke,
das ist doch gar kein echtes eis,
das ist industrie!“
ja, klar,
aber die kugel vom eismann ist halt authentisch,
weil sie dich anlächelt, während sie schmilzt.

und obst!
eine mango im bioladen: 4 euro 50.
ich kaufe sie,
weil sie nach ethik duftet.
ich trage sie wie ein neugeborenes heim,
und poste später: #vitaminlove.

aber im discounter:
„erdbeeren 3,29?
frechheit!
das ist ja fast der preis von einer kugel eis!“
– ja,
aber beim eis beschwert sich keiner,
weil es „kindheitserinnerung in waffelform“ ist.

und non-food,
oh, das ist mein lieblingsabschnitt der doppelmoral!

ich kauf mir ’nen smoothie-to-go-becher aus edelstahl,
für 39,99,
„weil plastik ist schlecht!“
aber beim klopapier greif ich zur billigmarke,
weil „das sieht doch keiner“.

ich meckere über 15 euro für ein t-shirt im laden,
aber geb 80 euro für einen brunch aus,
wo’s dasselbe brot gibt,
nur in scheibenform und mit „aioli“ drauf.

ich sag:
„die milch ist zu teuer geworden!“
während ich meine designertrinkflasche mit stillem wasser für 3,50 nachfülle.

ich lehn’s ab, 7 euro für ein kilo äpfel zu zahlen,
aber buch ein wochenende im wellnesshotel,
um „mal wieder natur zu spüren“.

wir sind paradoxe mit bonuskarte.
wir kaufen kein produkt,
wir kaufen das narrative drumrum.
nicht das ding –
die bedeutung.

ein avocado-toast ist selbstverwirklichung,
eine butter für 2,50 ist wucher.
ein stück kuchen für 5 euro ist „süßes mindful moment“,
aber eine tafel schokolade für 2,29 ist „luxusproblem“.

wir sind wandelnde widersprüche:
preisbewusst,
aber nicht wirklich bewusst.
wir rechnen nicht in euro,
wir rechnen in gefühl.
der preis muss sich gut anfühlen –
nicht gut rechnen.

und das allerschönste ist,
dass wir’s wissen.
wir wissen,
dass wir uns verarschen –
aber wir tun’s stilvoll.
mit hafermilch.
und trinkhalm aus bambus.

und irgendwann,
steh ich wieder an der kasse.
die butter 2,79.
ich atme tief durch,
denk an inflationsraten, geopolitik,
und sag:
„nee, das ist mir jetzt echt zu teuer.“
dann geh ich raus,
setz mich ins café nebenan
und zahl 5,80 für einen cappuccino
– plus 50 cent für den hafermilchaufschlag.

und das,
freunde,
ist moderne ökonomie.
wir retten die welt –
einen flat white nach dem anderen.

konstantin nickt hinter der kaffeemaschine.
ich nicke zurück.
wir wissen beide:
wir sind teil des problems,
aber wenigstens mit schönem milchschaum

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ditar Kalaja).
Der Beitrag wurde von Ditar Kalaja auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.10.2025. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Ditar Kalaja als Lieblingsautor markieren

Buch von Ditar Kalaja:

cover

halbwertzeit der liebe von Ditar Kalaja



In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (8)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Ditar Kalaja

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

verschlimmbessert – die apokalypse der guten absicht von Ditar Kalaja (Satire)
Alter Adel von Heinz Säring (Satire)
Alte Tasse mit Goldrand von Karl-Heinz Fricke (Vergänglichkeit)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen