Dietrich Pietsch
König der Kakerlaken
morgens, noch vor dem ersten kaffee:
eine schabe.
in meiner zuckerdose.
hellbraun, glänzend,
wie frisch poliert.
ich schau sie an.
sie schaut zurück.
zwei welten treffen sich.
beide leicht verstört.
ich denk:
das ist nicht dein ernst.
sie denkt vermutlich:
„all you can eat, digga!“
ich werfe sie ins waschbecken:
volle power. wasser marsch!
sie rollt sich zusammen,
macht kurz auf titanic,
taucht unter –
und kommt wieder hoch.
völlig unbeeindruckt.
wie: „war das alles?“
ich schwöre, sie hat mich
abfällig angeschaut.
sechs beine, turbo an,
fühler auf empfang,
und sie rennt wieder los –
zielstrebig,
direkt zur zuckerdose zurück.
zielstrebiger als mein lebensplan.
und dann dieser moment:
mitgefühl vorm zweiten kaffee.
ich könnte sie ja raussetzen.
ein bisschen zucker mitgeben,
zum dank für die lektion
in überlebenskunst.
und vielleicht erzählt sie’s dann weiter:
„da wohnt so’n typ
im Hinterhof,
leicht neurotisch,
aber königlich großzügig.“
und schwupps,
bin ich könig der kakerlaken,
herrscher über den krümelstaat.
ein thron aus toastkrümeln,
eine krone aus kandiszucker.
und dann – realität:
ich bin spät dran.
zähneputzen. schlüssel suchen.
und…
naja.
mein reich aus krümeln
muss warten
bis morgen.
(C) dietrichpietsch - 11/2025
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2025.
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