Ingrid Baumgart-Fütterer
Wenn der Bauch die Sicht auf die eigenen Füße versperrt....
Der Bauch ist nicht nur eine Eingeweidetasche. Er ist auch Knotenpunkt zwischen dem Ober – und Unterkörper sowie Gegenpol zum verlängerten Rückgrat; so sorgt er dafür, dass sein Träger nicht aus dem Gleichgewicht gerät, verleiht ihm somit gleichsam eine gewisse Standhaftigkeit. Eine zunehmende Feistigkeit des Bauches führt zur Unterdrückung des Fortbewegungstriebes und verstärkt dadurch das Stehvermögen seines Trägers. Nicht von ungefähr spricht man in einem solchen Fall oft von einem Mannsbild, das einen festen Standpunkt einnimmt. Einer wie er, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, ist aufgrund seiner Bodenständigkeit fest verwurzelt und strahlt hierdurch eine vertrauenserweckende Beständigkeit sowie eine Berechenbarkeit seines Wesens aus. Gerade weil er einen schweren Stand hat, geht er Schwierigkeiten nicht aus dem Weg. Wie ein Fels in der Brandung ist er es gewohnt, Widerständen zu trotzen. Auch durch seine „Rettungsringe“ wirkt der Bauchträger in sich ruhend. Man sieht ihm förmlich an, dass er sich durch die Stürme des Lebens nicht ohne Weiteres zu Fall bringen lässt.
Der Bauch fingiert auch als Symbolfigur für die Würde des Alters und den Wohlstand schlechthin. Hüten wir uns also davor, ihm mit Fastenkuren und kurvenfeindlichen Gymnastikprogrammen allzu sehr zu Leibe zu rücken. Schwindender Umfang – wenn auch nur in Zentimetern – bedeutet eine Schrumpfung behäbiger Würde. Engerschnallen des Gürtels wäre gleichbedeutend mit Profilverlust und Übersehenwerden. Aber wer will denn nur ein Rädchen im Getriebe des Weltgeschehens sein? Fast eines jeden Menschen Ehrgeiz und Eitelkeit trachtet doch danach, wie ein Leuchtturm aus dem Menschenmeer herauszuragen, um den anderen zu zeigen, wo es langgeht. Deshalb bläht sich so mancher, ohnehin in den Vordergrund gerückte Bauch aus purer Geltungssucht zusätzlich auf – wie ein kleiner Gernegroß, der es wieder einmal genießt, alle Blicke auf sich zu ziehen.
Der Bauch zeigt ohnehin eher die Tendenz zum Wachstum als zum Stillstand, geschweige denn zur Abnahme. Das hängt in erster Linie mit seinem sich Vieles einverleibenden Wesen zusammen. Als Sammelbecken für den Speisebrei wird er mit Nährstoffhaltigem gespeist. Unterschreitet jedoch der Energieverbrauch die Energiezufuhr, wird der Überschuss aufs Kalorienkonto transferiert, das sich im Fettpolster der Bauchdecke befindet.
Übergewichtige als „Kalorienmillionäre“
Die Anhäufung eines beträchtlichen Kalorienreichtums macht Übergewichtige diesbezüglich zu „Millionären“, denn wenn in Notzeiten Untergewichtige am Hungertuch nagen, knabbern Übergewichtige an ihren Fettpolstern und haben somit eine größere Chance, ihr unbezahlbares Leben zu retten. Demzufolge hält der Bauch am Glauben fest, dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält. Wo aber bleibt der Geist? Der scheint bei der Völlerei abhanden zu kommen, da ein voller Bauch bekanntlich nicht gern studiert. Folglich müsste sich in einem hohlen Bauch der Appetit auf geistige Nahrung verstärken und seinen Träger sukzessive vernünftiger und gescheiter werden lassen. Doch soll es angeblich Leute geben, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Im Widerspruch hierzu steht die abschätzige Behauptung: „Dummheit frisst“. Demzufolge müsste ein Dummer all das im Bauch haben, was ihm im Kopf fehlt. Mit anderen Worten: Sein Verstand ist hohl, weil sein Bauch übervoll ist. Von einem Umkehreffekt profitieren all jene, denen gerade aus dem hohlen Bauch heraus die besten Ideen eingegeben werden. Ergo fördert das Maßhalten beim Essen statt eines Bauchansatzes den Denkansatz und somit die Entwicklung hervorragender geistiger Eigenschaften. Nicht umsonst sagt man den (Über)- Schlanken ein vernünftigeres Verhalten nach als den Vollschlanken.
Energie und Sport
Zu einem „gestandenen Mannsbild“ wird derjenige, der sich infolge Bewegungsarmut allzu oft und lange seine Beine in den Bauch steht. Dabei drosselt er seinen Energieverbrauch. Bleibt die Energiezufuhr unverändert hoch, ist es eine Frage der Zeit, bis sich die „Kaloriensparkasse“ des Bauchträgers derart vergrößert hat, dass sie ihre ersten Schatten auf seine Schuhspitzen wirft und ihm zugleich den Blick auf diese verwehrt. Nichtsdestotrotz kann ein äußerst dicker Bauch gerade wegen seines Schwergewichtes zu sportlichen Höchstleistungen fähig sein, und zwar dann, wenn er einem ständig ins Auge springt! Nicht nur „gestandene Mannsbilder“ können überdimensionale Bäuche entwickeln. Als Zentrum des werdenden Lebens verwandelt sich der weibliche Bauch für die Dauer von neun Monaten in eine Brutstätte der Leibesfrucht. Die Tendenz zum Größenwachstum des Bauches wird während dieses Reifeprozesses besonders augenfällig.
Das Wachstum des Neugeborenen unterscheidet sich vom Wachstum des Bauches wie die Nacht vom Tag. Der winzige Erdenbürger wächst heran und aus seinen alten Kleidern heraus, bis er ausgewachsen und somit erwachsen ist. Da jedoch das Wachstum des Bauches nie als abgeschlossen gelten kann, kann er im Gegensatz zum Neugeborenen nicht erwachsen werden. Die daraus resultierende pubertäre Unstetigkeit manifestiert sich in mannigfaltigen Ausdrucksformen. Ob spitzkugelig, bierfassbauchig, wasserballrund oder trommelgespannt – die Form des Bauches wird weniger beeinflusst durch sein Gasfüllungsvolumen, sein Muskelkorsett oder sein textiles Schnürleibchen als durch ein Zuviel an Kalorien, das ihn mästet. Aber auch zu viele Fragen können das Aussehen des Bauches verändern, indem sie ihn schweizerkäseartig durchlöchern.
Liebe und Lachen
Der Bauch hat einiges zu schlucken. Unter anderem eine Menge Ärger, zum Beispiel wegen einer spartanisch ausgefallenen Mahlzeit, dem er durch grimmiges Knurren Ausdruck verleiht. Er versteht es allerdings vortrefflich, abdominalen Überdruck durch Luftablassen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und sich somit seinen Ärger vom Hals zu schaffen. Sein lockeres Mundwerk gibt ohnehin fast unablässig mehr oder weniger vorlaute Töne von sich. Diese glucksend – gluckernde Kakophonie aus der Tiefe des Bauches mag vielleicht sensible Ohren stören, der Bauch selbst hat ganz andere Sorgen. Ihm macht vor allem seine Leibesfülle zu schaffen, wenn diese ihm zwischenmenschliche Kontakte erschwert. Mit anderen Worten: Der Bauch verhindert oftmals, dass man sich so nahe kommen kann, wie das Herz es sich wünscht, wirkt bei Annäherungsversuchen zudem auf den anderen derart bedrängend, dass dieser sich eingeengt fühlt. Selbst eine atemberaubende Liebe droht eines Tages daran zu ersticken.
Angesichts der belastenden Tatsachen mit ihren schwerwiegenden Folgen könnte sich manch Dünner seinen Bauch vor Lachen halten. Dies sei ihm auch dringend geraten, denn täte er es nicht, könnte dieser womöglich platzen, und wieder einmal würde derjenige am besten lachen, der zuletzt lacht!
Nachtrag:
Der „raumgreifende“ Bauch
Der Bauch spielt in der Regel mit den Jahren eine immer gewichtigere und prominente Rolle.
Selbstbewusst demonstriert der „Dickbäuchige“ wie man sich so geschickt in Szene setzt, dass man garantiert nicht übersehen wird, ja regelrecht alle Blicke auf sich zieht. Trotz seiner Fülle hat er keine Hemmungen, so richtig aus sich herauszugehen und sich dadurch noch stärker zu positionieren. An ihm kommt keiner ohne weiteres vorbei, vor allem in Situationen, in denen es recht eng zugehen könnte. Allein wegen seiner imposanten Statur rückt er in den Fokus einer ungeteilten Aufmerksamkeit. Doch dadurch lässt er sich nicht beirren. Selbst in Stresssituationen verliert er nicht die Fassung. Wenn er zum Beispiel zur Eile angetrieben wird, schiebt er erst recht eine ruhige Kugel.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2025.
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