Dietrich Pietsch

Der rote Nagel

Sie saß dort,
und ich merkte erst später,

dass ich schon zu lange hinsah.

Der Zeigefinger
mit dem tiefroten Nagel

zog Linien in das Weiß der Tischdecke –
immer dieselben Linien.

Dann dieser Blick.
Keine Vorwarnung.

Keine Erlaubnis.
Große dunkle Augen,
die mich aufmachten
wie eine alte Wunde,
die noch pochte.

Wir streifen zusammen
durch Nächte,

die keinen Morgen wollen,
ohne Dach,
ohne Zurückhaltung,
ohne die Namen,
die wir tagsüber tragen –
in einer Sekunde,
die sich dehnte,
bis sie alles schluckte,
was vorher war.

Dann fiel der Schleier.
Dahinter ein Gesicht,

das ich nicht kannte.
Kalt, glatt wie Marmor,
und darunter – unbezähmbar –
etwas, das noch loderte.

Sie senkte den Kopf,
als lauschte sie

einer fernen Melodie.

Ich stand da
mit dem Rücken zur Theke

und wusste,
dass hier –
in dieser Bar
mit dem schlechten Licht
und den klebrigen Gläsern –
etwas begonnen hatte,
das irgendwo anders
enden würde.

Irgendwo,
wo es wehtut.


 

©dietrichpietsch – 02/2026






















 

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