Rolph David

Wenn nichts mehr trägt

Du sitzt da.
Schultern gerade.
Stimme ruhig.
Der Kalender ist voll.

Im Büro riecht es nach Kaffee
und unterschwelliger Panik.
Niemand nennt sie so.
Man nennt sie Dynamik.
Wachstum.
Chance.

Du klappst den Laptop auf.
Zu viele Mails.
Zu viele To-dos.
Zu wenig Luft.

Und da ist sie wieder,
diese unausgesprochene Regel:
Nicht jammern.
Nicht schwächeln.
Einfach liefern.

Neue Aufgaben fallen
wie Papier auf deinen Tisch.
„Nur kurz übernehmen?“
„Du bist doch belastbar.“

Du nickst.
Nicht laut.
Nur ein weiteres Ja.

Weil Nein
in dieser Welt
ein Geräusch ist,
das Karrieren frisst.

Du siehst die leeren Stühle.
Krank.
Gekündigt.
Weggespart.
Die Arbeit ist noch da.
Nur verteilt auf weniger Schultern.

Also meldest du dich freiwillig.
Nicht, weil du willst.
Sondern weil du weißt,
wie man sonst angesehen wird.

Du lernst,
deine Müdigkeit zu verstecken
zwischen höflichen Mails
und schnellen Antworten.
Du lernst,
wie man lächelt,
während innen etwas nach Luft ringt.

Du beantwortest Nachrichten in der Pause.
Denkst sonntags an Montag.
Wachst nachts auf
und gehst To-do-Listen durch,
als wären sie Notfälle.

Man nennt es Belastbarkeit.
Ein Wort, das glänzt wie eine Auszeichnung.

Man nennt dich stark.
Weil du funktionierst.
Weil du noch da bist.
Weil du nichts verlangst.

Und langsam
verwechselt jeder
dein Aushalten
mit deiner Fähigkeit.

Du spürst es schleichend.
Im Zucken unter dem Auge.
Im Sonntag ohne Türen,

der keine Erholung bringt.
Im Montag, der schon im Magen wohnt,
bevor der Wecker klingelt.

Du sagst nichts.
Weil Schweigen einfacher ist,
als erklären zu müssen,
warum Stärke sich gerade
wie Zerbrechlichkeit anfühlt.

Du wartest auf später.
Nach dem Projekt.
Nach dem Quartal.
Nach der nächsten Umstrukturierung.

Aber dieser Moment
kommt nie.

Und irgendwann merkst du:
Du bist nicht stärker geworden.
Nur stiller.
Nur leerer.
Nur besser darin,
über deine eigenen Grenzen zu gehen.

Das hier war nie Stärke.

Es war ein System,
das gelernt hat,
wie man Menschen nutzt,
die gelernt haben,
sich selbst zu übergehen.

Und irgendwo darunter
liegt eine Frage,
die niemand laut stellt:

Wer wärst du,
wenn Aushalten
keine Tugend wäre?

Vielleicht beginnt es
mit einem ungewohnten Wort.
Mit einem Nein.

Du bist nicht hier,
um dich langsam aufzubrauchen.

Du bist hier,
um ganz zu bleiben.

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