Istvan Hidy

Raub Europas

(oder: Wer reitet hier wen?)

 

Einst kam ein Stier aus Götterhand,

so weiß wie frisch gefall’ner Sand,

mit sanftem Blick und Lockenhaar –

ein Gott, der listig täuschen kann, fürwahr.

 

Die Jungfrau Europa, mild und fein,

stieg arglos auf das Tierlein ein,

„Nur eine kleine Fahrt, mein Kind!“ –

sprach Zeus und lächelte gelind.

 

Er schwamm davon durchs Mittelmeer,

die Wellen schlugen hinterher,

und Kreta ward ihr erstes Ziel –

ein göttlich schlecht getarntes Spiel.

 

So fing es an, man kennt die Sage:

Verführung, Macht – ganz ohne Frage.

Ein Erdteil trägt seitdem den Namen,

gegründet auf charmantem Täuschungsrahmen.

 

Doch heut, o Freund, im Jahr zwei-null-sechs-und-zwanzig,

wirkt selbst der Göttertrick beinah schon harmlos, fast schon ranzig;

denn was sich nun in Brüssel lenkt,

hat Täuschung längst systemisch durchgedenkt.

 

Der Stier ist fort – doch nicht die List,

nur dass sie heut’ abstrakter ist:

kein Fell, kein Blick, kein göttlich Tier –

nur Text, Verfahren und Papier.

 

Europa selbst bleibt, was sie war:

getragen – nur nicht mehr so klar.

Man weiß nicht recht, wer sie noch lenkt,

wer spricht, entscheidet, wer sie denkt.

 

In gläsern hell erleucht’ten Räumen

verhandelt man Europas Träumen,

doch jeder Traum wird still zerlegt

und sorgsam in Paragrafen gelegt.

 

Man spricht von Werten, Einheit, Ziel –

doch meint nicht selten: Regelspiel.

Die Freiheit wird normiert, skaliert,

bis sie ins Raster passt – standardisiert.

 

Wo Zeus einst schlicht Gestalt gewechselt,

wird heut’ an Wirklichkeit gedrechselt:

Ein Narrativ, geschniegelt, rein –

und niemand will’s gewesen sein.

 

Europa, einst geraubt im Trug,

trägt heut’ noch immer diesen Zug:

nicht selbst der Stier, nicht selbst die Macht –

doch oft von Strukturen fortgebracht.

 

Sie misst, sie prüft, sie sanktioniert,

sie protokolliert, was sie verliert,

und nennt das Ganze Fortschritt dann –

damit man’s besser glauben kann.

 

Und Zeus? Der lehnt sich lächelnd nieder,

blickt auf die neuen Lenker wieder

und denkt bei sich, halb stolz, halb leis:

„Ihr braucht mich nicht mehr – ich erkenne den Beweis.

 

Ich brauchte List und ein Gewand,

ihr habt Verfahren, Amt und Stand.

Ich war ein Mythos, schnell und frei –

ihr seid System… und stets dabei.“

 

So fährt Europa fort und fort,

nicht mehr entführt von Ort zu Ort,

doch immer noch – man merkt es bald –

bewegt von fremder Ordnungsmacht.

 

Und irgendwo im Datenmeer

hallt noch das alte Rauschen her:

Ein fernes Muh’n, kaum noch real –

verrauscht im Protokollsaal.

 

Der Mythos lebt – doch kühl verwaltet:

Nicht mehr geraubt – nur falsch gestaltet.

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