Ditar Kalaja

die litfaßsäule

sie steht da
nicht im weg
aber auch nicht zufällig

wie jemand
der schon alles gesehen hat
und deshalb nichts mehr kommentiert

die litfaßsäule
zylinder aus zeit
rund damit nichts hängen bleibt
und doch bleibt alles hängen

papier auf papier
stimme auf stimme
komm vorbei
verpass es nicht
nur heute
nur jetzt
jetzt oder nie

und ich denk mir
wie viele jetzt oder nie
kann eine stadt eigentlich aushalten
bevor alles nur noch
irgendwann egal wird

früher sagt sie vielleicht
wenn sie sprechen würde
früher war ich das internet aus leim
die timeline aus papier
der algorithmus aus zufall

du bist vorbeigelaufen
und hast gefunden
was du gar nicht gesucht hast

ein konzert
eine meinung
eine revolution
oder einfach nur
einen zettel auf dem stand
katze vermisst

und plötzlich
warst du kurz teil von etwas

kein scrollen
kein liken
kein teilen

nur stehenbleiben
lesen
weitergehen

und vielleicht
ein kleines stück von dir dalassen
in erinnerung
nicht als kommentar

ich sehe die risse
die schichten
die halb abgerissenen versprechen

große eröffnung
schon längst geschlossen

für immer
schon nach drei tagen vergessen

historischer moment
überklebt von der nächsten band
die auch nur einmalig spielt

und darunter
immer darunter
ist noch mehr

wie bei uns

wir sind doch auch
litfaßsäulen

beklebt mit erfahrungen
überklebt mit meinungen
zugedeckt mit rollen

kind
freund
feind
irgendwas dazwischen

bis keiner mehr weiß
wo der anfang war

und ob es ihn überhaupt je gab

manchmal
wenn es regnet

wenn die stadt kurz aufhört
so zu tun als hätte sie alles im griff

dann lösen sich die schichten

und für einen moment
für einen ganz kurzen moment

siehst du alles gleichzeitig

das neue
das alte
das fast vergessene
das nie wirklich wichtig war

und das
was es vielleicht mal war

die säule dreht sich nicht
aber die welt um sie herum

rennt

rennt schneller
scrollt schneller
vergisst schneller

und wir

wir rennen mit

immer auf der suche nach dem nächsten plakat
dem nächsten ding
das uns sagt
wer wir sind
was wir wollen
wo wir hinmüssen

aber die litfaßsäule

bleibt

kein wlan
kein update
kein akku leer

nur papier
und zeit

und vielleicht ist das ihr widerstand

nicht besser zu werden
nicht effizienter
nicht personalisiert

sondern einfach

da zu sein

und alles auszuhalten

jede schicht
jede stimme
jede lüge
jede hoffnung

weil sie weiß

dass nichts bleibt

und genau deshalb
alles kurz wichtig ist

und irgendwo darunter
unter konzerten kursen kandidaten
unter liebe verlust und sonderangebot

ist vielleicht noch eine erste schicht

blank
ehrlich
ungesehen

aber wer gräbt schon so tief
in einer säule

die nur dafür da ist
überdeckt zu werden

und vielleicht

sind wir genau das auch

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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