Rolph David

Akirame* — Wenn alles auseinanderfällt

Der Freund
sitzt vor seinem Glas
als wäre darin noch etwas Erlösung.
Die Hände zittern 
längst nicht mehr nur vom Alkohol.
Der Körper verlernt langsam
wie man aufrecht bleibt,
wie man sich erinnert,
wie man Zukunft denkt,
wie man bewusst lebt.

Die Krankheit frisst schweigend.
Nicht plötzlich,
sondern in kleinen täglichen Verlusten.
Ein Wort weniger.
Ein Schritt unsicherer.
Ein Blick, der ausweicht,
wenn jemand 
das Offensichtliche ausspricht.
Jeden Tag ein bisschen weniger Mensch.

Und daneben die MS,
ruhig wie ein zweiter Winter,
der sich durch die Nerven frisst
und jeden Morgen
ein wenig enger macht.

Aber niemand darf das alles benennen.
Denn Erkenntnis wäre ein Spiegel,
und manche Menschen
leben nur weiter,
solange sie nicht 
hineinsehen müssen.

Dann wäre da 
die Freundin,
die sich zurückzieht,
wie Ebbe von einer Küste.
Kein Streit.
Keine Erklärung.
Nur Stille,
die immer länger wird.

Anrufe fallen ins Leere.
Nachrichten bleiben ungelesen
oder schlimmer: gelesen, aber
ohne Antwort.

Und folglich beginnt man 
nachts zu überlegen,
welcher Satz möglicherweise falsch war,
welcher Blick zu schief,
welcher Augenblick
der letzte gewesen ist,
ohne dass man es wusste.

Und so geht die Schwester
durch eine Stadt,
die Menschen verschlingt,
wenn sie kein Geld haben.
Sie bittet um nichts.
Beantragt nichts.
Sie verschwindet lieber,
als sich helfen zu lassen.

Stolz kann eine Mauer sein.
Oder Scham.
Von außen sieht beides gleich aus.

Und schließlich der Vater,
achtundachtzig Jahre alt,
lebt zwischen denselben Wänden
wie seit Jahrzehnten.
Ein Mensch,
der nie gelernt hat,
Nähe zu brauchen.

Der Tag sitzt neben ihm
wie ein alter Hund.
Still.
Gewohnt.
Ohne Erwartung.

Und mitten darin:
man selbst!
Mit leeren Händen,
die überall 
gleichzeitig helfen möchten
und doch nichts 
festhalten können.

Denn Menschen retten sich nicht,
weil man sie liebt.
Nicht, 
weil man bittet oder fleht.
Nicht, 
weil man bleibt.

Manche gehen unbeirrt weiter bergab
mit offenen, aber getrübten Augen
und jeder Versuch, sie aufzuhalten,
zieht einen selbst näher an den Abgrund.

Es gibt eine Müdigkeit,
die nicht vom Schlaf kommt.
Eine Erschöpfung
vom Hoffen 
gegen Wände und Windmühlen.

Und irgendwann
steht man zwischen all den Leben
wie in einem brennenden Haus
mit einem einzigen, finalen Atemzug
nur für sich selbst.

Dann wird Selbstschutz
nicht Egoismus,
sondern das letzte verbliebene, rettende Ufer.

Und trotzdem bleibt Schuld.
Wie Regen in der Kleidung.
Wie ein Geruch,
den man nicht mehr loswird,
weil Liebe immer noch flüstert:
Du müsstest mehr tun,

während die Wirklichkeit antwortet:
Du kannst niemanden retten,
der seine Hand zurückzieht,
sobald du sie ergreifst.
Kein Licht erreicht den,
der die Dunkelheit bevorzugt.

 

* akirame (諦め) Japanisch: die schmerzliche Erkenntnis, dass manche Dinge, Menschen und Entwicklungen sich nicht 
retten, aufhalten oder verändern lassen und dass Akzeptanz manchmal die einzige verbleibende Form des Weiterlebens ist.

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