Michael Koehler
Hamburg, 06:30 Uhr - im November 2025
Der Morgen ist noch in der blauen Stunde,
die Letzten beenden schwankend auf St. Pauli ihre Runde.
Ein kaum erwachtes Novemberatmen
zwischen kaltem Elbenebel und vibrierendem Laternenlicht:
Die Stadt tastet vorsichtig nach ihrem ersten Gedanken.
++
Aus sicherer elbenaher Ferne
heben sich übermächtige Hammerschläge,
wie das langsame Pochen eines metallenen Herzens.
Rammmaschinen – mit fast ironischem Namen „T-Rex“ –
sind geduldige Riesen der Gegenwart,
die stoisch, aber ohne Gnade, in die Tiefe tasten.
++
Zeitarbeiter eilen im Rhythmus der Pflicht,
verschwinden hinter ihrem Gehörschutz,
als träten sie durch eine Membran
in eine Art Zwischenwelt hinter den Spundwänden.
Metallgeruch – schweres Eisen trifft Sediment;
im Takt der Rammstöße schwingt der Boden.
Im beliebten Café an der Ecke klirren die Tassen
im leisen Gleichschlag der mächtigen Maschinen.
++
Menschen hasten durch das Morgengrau,
ein Croissant und eine brennend-heiße Tasse Kaffee -
oft nur im überhitzten Pappbecher bei „Take Away“,
ein Hauch von "Gesundheit to go".
Die Zeit ist knapp – verflucht, wieder verschlafen!
Der Atem zu kurz, die Stadt bleibt ungeduldig.
++
Da - wieder - seit frühem Morgen,
das tiefe Einrammen der Spundwände,
näher jetzt, fast übermächtig pulsierend,
ein Echo aus Stahl im tonigen Kies-Sediment.
Ein Schweißer senkt den Blick
auf eine endlose Naht aus Stahl,
Eisenfunken sprühen wie verstreute Gestirne
in die feucht-kalte Novemberluft.
++
Zischend schmelzen winzig-kleine Metalltropfen,
tanzen in Pfützen den letzten Tango der St.-Pauli-Nacht –
wie verglühende Meteore, die sich im Regenwasser verlieren.
++
Jonglierende Kurzbotschafter, auf Zweirädern mobil:
mit Paketen beladen, jagen durch den stockenden Verkehr.
In gewagter Balance durchschneiden sie den Morgenstau,
gleiten zwischen den Stoßkanten der Autos,
wie ein nasser Alsterfisch in engen Gassen,
und verschwinden, wie vom Nebel verschluckt.
++
Eine junge Frau zieht im Spiegelbild des Schaufensters
eine rote Linie, organisch geschickt nach –
eine stille Korrektur zwischen Eile, Elbe und Erwartung.
Und draußen drängt die Zeit.
Die Stadt kennt keine Pausen,
nur bauliche Übergänge.
++
Von Ferne wieder Lärm - jetzt ein Trommeln:
Tonnen – schwer aus der Nacht gehoben.
Der Müllwagen donnert sein tiefes Mantra;
ein Bäcker schiebt vorsichtig die Ladentür auf –
die hungrige Schlange davor löst sich
wie ein Atemzug im warmen Licht.
Schwaden frischer Brotdüfte entströmen,
ziehen Spuren in das regennasse Grau
und heben für einen sinnlichen Moment
die Schwere des frühen Tages auf.
++
Der Altonaer Fischmarkt – wie in der Ebbe –
hat seinen Ansturm schon hinter sich;
Berge von Fisch sind durch raue Hände gewandert,
starre Fischaugen und ein salziger Duft
liegen noch schwer über den Stegen,
als wollte er sagen:
Hier beginnt alles noch früher
als anderswo in der Hansestadt.
++
Hamburg atmet weiter.
Schritt für Schritt:
Weit und manchmal unentschlossen,
laut in seinem Schweigen,
still in seinem Lärm.
Ein einziger, pulsierender Morgen
im Dunst des Novembers:
Hamburg, 6:30 Uhr – erwacht.
++
+++ +++
Es heißt, Hamburg vergesse niemanden,
der es im frühen Dunkel beobachtet:
wer einen Morgen wie diesen sieht,
trägt einen Teil der Stadt in sich,
so wie die Stadt
einen stillen Abdruck dieses Blicks bewahrt.
+++ +++
Zwischen Eisenfunken, Brotdampf
und den ersten Schritten im Grau
entsteht ein leiser Vertrag:
dass auch der,
der nur kurz hier verweilte,
für einen Moment –
zum Atem dieser Stunde wurde.
+++ +++
Inspiration: a special Series:
Made by diverse trips to Hamburg,
and by the famous Jacques Dutronc
(04/1968) chanson:
- "Il est cinq heures, Paris s'éveille".
+++ +++
ResEngMike
Michael Thomas Koehler
“@@”..;-)... 09/11.11.2025
Update 14.11.2025
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Michael Koehler).
Der Beitrag wurde von Michael Koehler auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
web.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)