Patrick Rabe
Berlin
Diese Stadt ist voller Aberglauben
und alle warten auf den Messias,
der Adler will uns die Sonne rauben
im Siegelschatten des großen Tiers.
Was kommt ist der Irrsinn,
Gottes fürchterlicher Zorn,
Ornamente im Wirrsinn,
nichts beginnt erneut von vorn.
Nein, die Zeit, sie läuft nur weiter,
Blüten sind schon an den Sträuchern,
die Spießbürger, sie sind heiter,
und an Ostern sie räuchern.
Doch im Abgrund, da wartet
längst wach, Leviathan,
dass die Menschheit entartet,
und sich beuget dem Satan.
Nur der Liebe so scheues
und gütiges Licht
kann schaffen ein Neues,
machen, dass die Nacht bricht.
Mein Gedicht könnte vom Berlin der Weimarer Republik Ende der 1920er Jahre handeln, oder auch vom heutigen Berlin. Ich habe allerdings den Eindruck, dass das Gefühl der Apokalyptik, das die letzten Jahre bestimmt hat, wieder einer trügerischen Ruhe und Normalität gewichen ist. Aber die meisten spüren, dass es nicht mehr so wie vorher ist. Aus meiner Sicht ist es die Massenpsychose, von der Europa schon im 30-Jährigen Krieg und in der Vor-Kriegszeit des 1. Weltkrieges, sowie in der Nazizeit betroffen war: Nämlich, dass nun die Endzeit anbricht und der Messias bald wiederkommt. Jedes Mal, wenn genügend Menschen dies glaubten, kam es zu Katastrophen. Der Roman „Kristus“ von Robert Schneider stellt das auch phantastisch dar. Aus meiner Sicht kann gegen einen solchen Sog nur helfen, dem einen Gegenentwurf entgegenzustellen. Der Satz „Diese Stadt ist voller Aberglauben
und alle warten auf den Messias“ ist aus „Der Meister und Margarita“.
©Patrick Rabe
Freitag, 5. Juni 2026
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2026.
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