Lieber Ditar,
dein Gedicht nutzt Quantenphysik als Metapher für ein aufgelöstes Ich.
Wahrnehmung zerstört das Wahrgenommene, Identität ist kein fester Zustand sondern reines Flackern. Das lyrische Ich existiert nicht als Gewissheit, sondern als Möglichkeit — oder Nicht-Möglichkeit — gleichzeitig.
Dein Text hinterlässt mich mit dem Gefühl, selbst ins flackern geraten zu sein, dem Gefühl, die eigene Identität nicht mehr als festen Grund unter den Füßen zu spüren, sondern als etwas Unentschiedenes, Oszillierendes. Nicht Auflösung im Sinne von Verschwinden — sondern Schwebe. Man existiert, aber nicht mit Gewissheit.
Liebe Grüße
Dietrich
Dietrich0712.06.2026
Dekohärenz
doch die kiste steht offen, ditar
holz gesplittert
das gift verdampft
kein raum mehr für das schwebende tier
kein sarg aus unschärfe
die katze blickt dich an
starr und wach
mitten im kollaps der welten
Manfred Bessmann12.06.2026
Eine interessante Darstellung, Ditar. Ich möchte dein Gedicht in die Metaphysik einreihen.
LG Bertl.
freude12.06.2026
Lieber Ditar,
beim ersten Lesen schon hast du mich in einen Sog hineingezogen. Ich lese das Gedicht nicht nur existenzphilosophisch oder gar nihilistisch, sondern als ewiges Schweben über Geburt und Nichtgeburt. Passiert hier "Schöpfung"? Wird ein "fast" mitgeliefert? Ich stimme auch Dietrich bei, nur nicht was das "lyrische Ich" betrifft. Ich weiß jetzt, dass es ein Konstrukt der Literaturkritik ist. Es soll das Gedicht vom Autoren abkoppeln, aber das Einsetzen dieses Hilfskonstrukts allein hat etwas Zirkelschlüssiges. Die Frage auf dein Gedicht bezogen müsste lauten: Wie nah bist du an deinem Werk? Trotz aller physikalischer Reduktion bleibt es lyrisch!
LG von Andreas
Andreas Vierk12.06.2026
Lieber Ditar,
dein Gedicht „verbogene quantenaugen“ hat bei mir etwas ausgelöst, das schwer als „Gedanke“ zu fassen ist, eher als eine Art Verschiebung im Lesen selbst.
Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass die Sprache sich nicht auf ein Ziel hin bewegt, sondern ständig in kleinen Sprüngen bleibt, als würden die Sätze nicht auf etwas hinauslaufen, sondern immer wieder in sich selbst zurückfallen oder sich neu ansetzen. Besonders die Übergänge zwischen Bildern und kurzen Gleichsetzungen („sehen = zerfallen“) wirken dabei weniger wie Aussagen als wie Brüche im Ablauf.
Was mir dabei aufgefallen ist: Ich habe immer wieder versucht, eine Linie hineinzulesen, aber der Text hat sich dem entzogen, ohne dabei chaotisch zu werden. Es ist eher eine sehr kontrollierte Unruhe, in der kein Satz lange genug stabil bleibt, um ihn „zu Ende zu denken“, bevor schon der nächste Zustand beginnt.
Am Ende blieb bei mir weniger ein interpretierbarer Inhalt zurück, sondern eher die Erinnerung daran, wie sich das Lesen selbst verändert hat, als würde man kurz aus der gewohnten Erwartung von Sinnzusammenhang herausfallen und in eine andere Art von Aufmerksamkeit geraten, die nicht auf Auflösung zielt.
Ich schreibe dir das nicht als Deutung deines Gedichts, sondern als Beschreibung dessen, was beim Lesen mit mir passiert ist, auch wenn das sicher nur eine mögliche Bewegung unter vielen ist.
Schönes Wochenend,
liebe Grüße
Rolph
Rolph David12.06.2026