Istvan Hidy
Der nackte Affe
Einst saß er frierend auf dem Ast,
mit Fell und schlechten Sitten.
Heut lebt er komfortabel fast
und lässt sich alles bitten.
Er wohnt in Glas und Stahlbeton,
mit Aufzug bis nach oben.
Er spricht nicht mehr von Angesicht –
das Smartphone wird erhoben.
Per WhatsApp schickt er Tag für Tag
Gefühle in Symbolen.
Ein Herz ersetzt das gute Wort.
Man nennt das: sich erholen.
Auf TikTok tanzt er kurz im Takt,
damit man ihn bemerke.
Der Ruhm hält ungefähr so lang
wie eine Kaffeestärke.
Die KI weiß erstaunlich viel
von Goethe bis zu Sternen.
Nur eines kann sie bis heut nicht:
für ihn das Denken lernen.
Er kauft per Klick, bezahlt per Wisch,
lässt Drohnen für sich fliegen.
Nur Zeit, Geduld und Höflichkeit
sind nirgends aufzukriegen.
Er misst den Puls. Er zählt den Schlaf.
Die Uhr zählt jede Stunde.
Nur wenn das Herz um Antwort fleht,
verhallt der Strom der Rufe.
Er postet Glück in Echtzeit hoch,
mit Sonnenuntergängen.
Und sitzt danach im Wohnzimmer
und kämpft mit schlechten Empfängen.
Er fliegt vielleicht bald noch zum Mars,
vernetzt den ganzen Planeten.
Doch über’n Gartenzaun hinweg
verlernt er das leise Reden.
Er baut sich eine schöne Welt
aus Glasfaser und Daten.
Und hält sich für das Endprodukt
gelungener Taten.
Doch sieht man einmal ganz genau,
was unter allem prangt,
dann sitzt dort – geschniegelt wie eh und je –
derselbe Primat.
Nur trägt der Affe heute kein Fell.
In der Hand die Verbindung zur Welt.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.07.2026.
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