Günter Weschke
Der Brief im Apfelbaum
Als Emma das alte Haus ihrer Großmutter erbte, glaubte sie, sie würde nur Staub, knarrende Dielen und unzählige Erinnerungen vorfinden. Seit der Beerdigung war kein Tag vergangen, an dem sie ihre Großmutter nicht vermisst hatte. Es war, als hätte die Welt einen ihrer wärmsten Sonnenstrahlen verloren.
Im Garten stand noch immer der alte Apfelbaum. Seine Äste waren krumm, seine Rinde rissig, doch jedes Frühjahr trug er Blüten, als wolle er beweisen, dass Hoffnung kein Alter kennt.
Als Emma den Baum eines Nachmittags betrachtete, entdeckte sie eine kleine Holzkiste, die zwischen zwei Ästen festgebunden war. Mit zitternden Händen öffnete sie sie. Darin lag ein Brief.
Meine liebe Emma,
wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da. Aber glaube niemals, dass Liebe mit einem Abschied endet. Menschen gehen doch ihre Liebe bleibt. Sie wohnt in den Geschichten, die wir erzählen, in den Liedern, die wir gemeinsam gesungen haben, und in den stillen Momenten, in denen du glaubst, ganz allein zu sein.
Emma konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
Der Brief ging weiter.
Du wirst Tage erleben, an denen dein Herz schwer ist. Du wirst Menschen verlieren, die dir alles bedeuten. Und vielleicht wirst du dich fragen, warum das Leben manchmal so ungerecht ist. Ich kenne diese Fragen. Auch ich habe sie mir gestellt.
Doch weißt du, was ich gelernt habe? Das Leben misst sich nicht an den Jahren, sondern an der Liebe, die wir verschenken. Ein freundliches Wort kann einen Menschen retten. Eine Umarmung kann mehr heilen als tausend Medikamente. Und ein offenes Herz ist das größte Geschenk, das wir dieser Welt machen können.
Emma erinnerte sich daran, wie ihre Großmutter jedem Fremden zulächelte. Wie sie selbst in schweren Zeiten sagte: Solange wir lieben können, haben wir noch nicht verloren.
Der Wind strich durch die Blätter des Apfelbaums.
Emma las weiter.
Falls du irgendwann glaubst, ich sei weit weg, dann schließe die Augen. Hör dem Regen zu. Schau den Sternen beim Leuchten zu. Oder setz dich unter diesen Baum. Dort wirst du mich nicht sehen ,aber vielleicht spüren.
Die Sonne brach durch die Wolken.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich Emma nicht mehr verlassen.
In den folgenden Monaten begann sie, anderen Menschen zu helfen. Sie besuchte einsame Nachbarn, las Kindern Geschichten vor und brachte Blumen in das Pflegeheim, in dem ihre Großmutter früher gearbeitet hatte.
Eines Tages fragte ein kleines Mädchen sie:
Warum sind Sie immer so freundlich?
Emma lächelte.
Weil jemand mir beigebracht hat, dass Liebe das Einzige ist, was größer wird, wenn man sie verschenkt!
Viele Jahre später war Emma selbst eine alte Frau geworden.
Der Apfelbaum stand noch immer.
An einem Herbstabend setzte sich ihre Enkelin neben sie und fragte:
Oma, hast du Angst vor dem Sterben?
Emma blickte in den Himmel, wo die ersten Sterne erschienen.
Nein antwortete sie leise. Ich glaube, wir gehen nie ganz. Solange irgendwo ein Mensch mit Liebe an uns denkt, leben wir ein kleines Stück weiter.
Als Emma viele Jahre später friedlich einschlief, fand ihre Enkelin im Apfelbaum eine kleine Holzkiste.
Darin lag ein neuer Brief.
Und auf der ersten Seite stand nur ein Satz:
Wenn Liebe ein Ende hätte, wäre sie niemals Liebe gewesen.
Vorheriger TitelNächster Titel Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Günter Weschke).
Der Beitrag wurde von Günter Weschke auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.07.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
t-online.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)