Max Vödisch

Wiederkehr

Wiederkehr


Ein Gedicht von Max Vödisch
Er war ein Schreiner,
wie schon der Vater vor ihm.
Der Duft von Fichtenholz
gehörte zu seinen Händen,
lange bevor Pulver
und Rauch sie zeichneten.

Die Werkbank war seine Welt,
nicht das Gewehr.
Ein Hobel sprach leiser
als jeder Befehl,
und aus einem Brett
entstand mehr Zukunft
als aus allen Parolen.

Dann kamen Arbeitsdienst,
Musterung
und Regensburg.
Dort lernte er einen Freund kennen,
einen Bauernsohn aus Kelheim.
Sie ahnten nicht,
dass ihre Wege
bis nach Polen
und tief nach Russland führen würden.

Von Warschau
erzählte er nur einen Satz:
Man müsse sich schämen,
wenn ein Offizier
Wohnungen plünderte,
als gehöre ihm
das Leben der anderen.

Sein Freund
kam einmal
auf Heimaturlaub.

Als er zurückkehrte,
hieß es,
er habe
den eigenen Hof
angezündet.

Mein Vater
glaubte es nie.

Man schickte ihn
dorthin,
wo der Krieg
am wenigsten
Menschen verschonte.

Er sagte später nur:
„Sie machten ihn
zum Kanonenfutter.“

Er kam
nicht mehr zurück.

Später erzählte mein Vater
von einem kleinen Dorf
in Russland.

Keine Soldaten.

Nur alte Menschen.
Frauen.
Kinder.

Er schickte sie fort,
hinauf in den Wald,
bevor andere kamen.
Vielleicht rettete er ihnen
das Leben.

Dann traf ihn
ein Schuss
in den Magen.

Breslau.

Krankenhaus.

Kurz danach
fielen Bomben
auf die Stadt.

Er hatte sie
bereits verlassen.

Viele Jahre
sprach er kaum
über den Krieg.

Doch als er alt wurde,
kehrten die Erinnerungen
immer häufiger zurück.

Er erzählte
vom Freund aus Kelheim.

Von Warschau.

Von Russland.

Und von einem jüdischen Arzt
aus Münchberg.

„Ein hervorragender Arzt“,
sagte er.

„Er kam nach dem Krieg zurück
und wurde Chefarzt.“

Dann wurde es still.

Ich glaube,
nicht das Schweigen
war seine Erinnerung.

Sondern die Menschen,
die ihm
ein Leben lang
nicht aus dem Herzen gingen.

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