Ditar Kalaja
liebe ist leider nicht rückgabefähig
liebe,
ich hoffe, dieser brief erreicht dich zu einem günstigen zeitpunkt.
falls nicht, kann er auch später gelesen werden. ich bin nicht eilig.
eigentlich wollte ich warten, bis ich mir sicher bin.
leider hat sich herausgestellt, dass sicherheit ein sehr beschäftigter mensch ist. sie hat auf mehrere anfragen nicht reagiert.
deshalb schreibe ich dir ohne ihre zustimmung.
ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat.
vermutlich an einem ganz gewöhnlichen tag.
du hast irgendetwas gesagt. ich weiß nicht mehr was.
wahrscheinlich etwas völlig belangloses.
vielleicht hast du gefragt, ob der platz noch frei ist.
oder ob ich auch einen kaffee möchte.
oder warum der himmel manchmal aussieht, als hätte jemand vergessen, ihn fertig zu streichen.
seitdem ist jedenfalls einiges durcheinander geraten.
ich laufe öfter an deiner straße vorbei.
nicht absichtlich.
meine füße scheinen eine andere auffassung von zufall zu haben als ich.
sie biegen einfach ab.
ich folge ihnen, damit sie keinen unsinn machen.
es ist erstaunlich, wie vernünftig ein mensch sich verhalten kann und trotzdem völlig hoffnungslos verliebt ist.
ich erscheine pünktlich.
ich bezahle meine rechnungen.
ich bringe leergut zurück.
und gleichzeitig genügt dein name, damit ich vergesse, weshalb ich eigentlich den raum betreten habe.
das erscheint mir unpraktisch.
aber nicht unwillkommen.
ich habe versucht, dieses gefühl zu überprüfen.
man soll schließlich nichts glauben, nur weil das herz es behauptet.
also habe ich beobachtet.
ich habe festgestellt, dass ich dir zuhöre, auch wenn ich den inhalt schon vergessen habe.
nicht aus mangelndem interesse.
eher im gegenteil.
deine stimme beschäftigt mich so sehr, dass die wörter manchmal gar nicht bis zu mir durchkommen.
sie bleiben unterwegs stehen.
wahrscheinlich unterhalten sie sich.
ich habe außerdem bemerkt, dass ich anfange, dinge aufzubewahren.
ein kassenzettel, weil du ihn in der hand hattest.
ein haargummi, von dem ich nicht einmal weiß, ob er dir gehört.
einen flachen stein.
er erinnert mich überhaupt nicht an dich.
trotzdem durfte er bleiben.
ich glaube, verliebte menschen werden großzügig gegenüber gegenständen.
sie hoffen, dass alles irgendwann eine bedeutung bekommt.
selbst die dinge, die sich entschieden dagegen wehren.
ich wollte dir zunächst etwas schenken.
blumen schienen mir geeignet.
leider sterben sie innerhalb weniger tage.
das erschien mir als symbol ungeeignet.
schokolade wäre ebenfalls möglich gewesen.
ich habe sie unterwegs gegessen.
aus nervosität.
es tut mir leid.
übrig geblieben ist dieser brief.
er hält sich vermutlich etwas länger.
ich weiß nicht besonders viel über liebe.
die meisten menschen sprechen sehr selbstbewusst darüber.
als hätten sie sie studiert.
ich habe eher den eindruck, sie stolpern seit jahrhunderten über dieselben probleme und geben ihnen nur neue namen.
ich möchte deshalb nichts behaupten, was ich nicht belegen kann.
ich kann lediglich feststellen, dass der tag etwas leiser wird, wenn du gehst.
und etwas heller, wenn du kommst.
ich habe das mehrfach beobachtet.
es könnte wissenschaftlich relevant sein.
man müsste allerdings jemanden finden, der bereit ist, den versuch oft genug zu wiederholen.
ich würde mich freiwillig melden.
ich habe mir vorgestellt, wie das wäre.
nicht das große leben.
das interessiert mich gar nicht besonders.
eher die kleinen dinge.
einkaufen.
schweigen.
kaffee kochen.
uns darüber einigen, dass die pflanze im fenster noch lebt.
obwohl sie seit monaten sehr überzeugend das gegenteil behauptet.
ich würde morgens fragen, ob du auch kaffee möchtest.
obwohl ich die antwort längst kenne.
manche fragen verdienen es, immer wieder gestellt zu werden.
sie halten das leben beschäftigt.
ich stelle mir vor, dass wir manchmal streiten.
nicht schlimm.
eher darüber, wer den müll herunterbringt.
oder ob man eine suppe wirklich retten kann.
ich würde wahrscheinlich behaupten, dass sie noch eine chance hat.
du würdest mich ansehen.
und wir würden beide wissen, dass es längst nicht mehr um die suppe geht.
ich verspreche dir nichts außergewöhnliches.
ich werde wahrscheinlich nie auf einem weißen pferd erscheinen.
ich kenne nicht einmal jemanden mit einem weißen pferd.
und ehrlich gesagt wäre mir ein fahrrad lieber.
es ist billiger im unterhalt.
ich verspreche auch nicht, immer die richtigen worte zu finden.
manchmal finde ich überhaupt keine.
dann würde ich mich einfach neben dich setzen.
ich halte gemeinsames schweigen für deutlich unterschätzt.
es verlangt keine erklärungen.
es sitzt einfach da.
wie ein alter hund.
ich kann dir außerdem anbieten, in schwierigen zeiten nicht sofort davonzulaufen.
das klingt zunächst nach einer bescheidenen leistung.
inzwischen halte ich sie für eine der größeren.
ich würde bleiben.
auch wenn der kaffee kalt ist.
auch wenn wir beide müde sind.
auch wenn draußen november ist und drinnen montag.
ich glaube, liebe besteht häufig daraus, den anderen nicht allein mit den tagen zu lassen, die niemand bestellt hat.
es gibt menschen, die sagen, liebe müsse aufregend sein.
das mag stimmen.
ich hätte trotzdem lieber etwas, das auch dienstags funktioniert.
und mittwochs.
vor allem mittwochs.
mittwoch ist ein schwieriger tag.
er ist weder anfang noch ende.
er macht einfach weiter.
ich finde, liebe sollte das auch können.
falls du diesen brief gelesen hast und zu dem schluss kommst, dass nichts davon auf gegenseitigkeit beruht, möchte ich mich für die entstandenen umstände entschuldigen.
du musst nichts erwidern.
gefühle lassen sich schlecht überreden.
ich habe es versucht.
sie reagieren höflich, aber konsequent.
falls du allerdings zufällig ähnlich empfindest, könnten wir die angelegenheit gemeinsam weiterführen.
ohne großen aufwand.
wir könnten irgendwo sitzen.
kaffee trinken.
dem regen bei der arbeit zusehen.
und langsam herausfinden, ob zwei menschen ein zuhause sein können, bevor sie eines besitzen.
ich glaube, das wäre ein vernünftiger anfang.
bis dahin verbleibe ich
mit freundlichen grüßen,
der mensch,
der dich inzwischen für einen ziemlich guten grund hält,
morgen wieder aufzustehen.
Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ditar Kalaja).
Der Beitrag wurde von Ditar Kalaja auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2026.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
