Chandrika Wolkenstein
Wunder
Wir kennen ihre Namen.Pyramiden,
die der Wüste
steinerne Dreiecke
ins Licht schneiden.
Das Taj Mahal,
weißer Schmerz
zu Marmor geworden.
Ein Kanal,
der zwei Meeren
die Hände reicht.
Türme, Kuppeln, Mauern -
Zeichen dafür,
dass der Mensch
dem Himmel widersprechen kann.
Doch vielleicht
beginnt ein Wunder dort,
wo kein Eintritt verlangt wird.
Wenn am Morgen
ein Licht
durch unsere Augen fällt,
und die Welt
zum ersten Mal
an diesem Tag
Gestalt annimmt.
Wenn eine Stimme
den unsichtbaren Raum
zwischen zwei Menschen
überquert
und in uns
etwas zum Klingen bringt.
Wenn eine Hand
eine andere berührt,
und die Haut versteht,
wofür es keine Worte gibt.
Wenn der Geruch von Regen
eine verschlossene Tür öffnet,
und plötzlich
die Küche der Großmutter,
ein Sommerweg,
ein längst verlorener Augenblick
wieder vor uns steht.
Wenn wir fühlen -
Freude wie warmes Wasser,
Trauer wie einen Stein
hinter den Rippen,
Sehnsucht wie einen Vogel,
der keinen Ort zum Landen findet.
Wenn Lachen
einen Riss
in die Mauer der Angst schlägt
und für einen Atemzug
Licht hereinlässt.
Und wenn wir lieben.
Nicht aus Stein.
Nicht für Jahrtausende.
Nicht sichtbar
aus großer Entfernung.
Sondern verletzlich,
mit offenen Händen,
ohne Gewissheit.
Vielleicht sind die größten Wunder
nicht jene,
vor denen wir staunend stehen.
Vielleicht sind es jene,
mit denen wir sehen,
hören,
berühren,
riechen,
fühlen,
lachen
und lieben können.
Jeden Tag.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.08.2026.
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