Liebe Chandrika,
ich musste beim Lesen an einen Baum denken, den man so lange zurechtschneidet, bis er nicht mehr nach Baum aussieht, sondern nach dem Bild, das jemand von einem Baum haben möchte.
Schon „Der Jugendwahn trägt Milchzähne und eine Schere in der Tasche“ ist dafür ein ziemlich herrliches Bild! Der Jugendwahn selbst noch als Kind und trotzdem schon mit dem Werkzeug unterwegs, das später alles Alte und Gewachsene wegschneiden soll.
Was mir dann beim Lesen immer unangenehmer wurde, ist dieses konsequente Ausmerzen von allem, was nach gelebter Zeit aussieht: Moos, Rinde, braune Blattränder, Herbst. Sogar die tiefen Wurzeln müssen in flache Schalen. Hauptsache, er passt ins "Schaufenster."
Und dann steht da plötzlich: „Im Glas blüht eine Jugend, die nach nichts riecht.“
Da ist eigentlich alles gesagt. Eine Jugend ohne Duft. Ohne Wetter. Ohne Herbst. Ohne das, was einen Menschen – oder einen Baum – überhaupt erst zu dem macht, was er ist.
Aber dein Baum macht bei diesem Spiel nicht vollständig mit.
Nach Ladenschluss knarrt er.
Und unter der glatten Rinde wächst dieses Leuchten weiter, Ring um Ring.
Das hat für mich etwas sehr Unbeugsames. Man kann die Spuren des Lebens wegschneiden. Man kann sie übermalen und verstecken. Aber man kann nicht verhindern, dass Leben stattgefunden hat und weitergeht.
Und dann die Schere im Dunkeln. Mit dem ersten Rost auf ihrer Klinge.
Das ist fast schon eine kleine Genugtuung, aber eine ganz leise. Kein Sieg, kein großes Aufbegehren. Nur die Zeit, die irgendwann auch das Werkzeug erreicht, mit dem man die Zeit bekämpfen wollte.
Ein ziemlich böses kleines Gedicht über den Jugendwahn. Und gerade deshalb mag ich es sehr!!!
Liebe Grüße
Rolph
Rolph David23.08.2026
Liebe Chandrika,
das fiel mir zu deinen interessanten
Auslassungen ein:
ZWANGSMELODIE
Wenn ich Jugendwahn höre,
dann denke ich an die
vielen Frauen,
die in zeitlichen Abständen
ihren Körper überholen,
um alle
"AUSWÜCHSE"
zu entfernen, die ihr
EIGENTLICHES BILD
wären,
UM OPTIMIERUNG
zu erlernen.
Wenn sie dabei
PECH HABEN,
sind die
KUNSTGRIFFE
mehr
VERHUNZGRIFFE.
Der Wahn nach
"JUNGBRUNNEN"
haftet unersättlich an.
Sie hängen ihre
gesamte Energie
daran.
Wenn sie nicht
IM FOKUS SIND,
knackt das Getriebe.
Geld und Mühe
scheinen dahin.
Jetzt spüren sie,
man kann nicht
täuschen:
DER KÖRPER
zwingt auch sie
in die Knie.
DER ÄUSSERE SCHEIN
spielt eine
ZWANGSMELODIE
- diese jedoch passt nie.
Viele liebe Restsonntagsgrüße
- Renate
Renate Tank23.08.2026