Liebe Chandrika,
diesmal stellst du mich vor ein Problem,
denn drei Mal musste ich innehalten, um
den Text weiter zu verstehn.
Angewohnheiten, die uns ein Leben lang
begleiten, sind nicht immer schön. Auch
der Partner möchte es begreifen... Er wird
ihr immer wieder auf die Finger sehn und
sich kopfschüttelnd weiterdrehn..
Dieses Spannungsfeld will man umgehn,
aber wieder kitzelt es so schön zur
Herausforderung - und erneut ist man
auf dem Sprung.
Da war es wieder einmal um ihn gescheh‘n:
Auf der Seite 85 ihres Buches klaffte ein
„Eselsohr“, das er umgehend zu glätten
begann. Ihr halber Fingernagel hatte sich
ins Papier eingegraben – was wollte dieses
Zeichen besagen?!
Er fing an zu lesen, und ihn sprang etwas
an - woraufhin er erneut zu lesen begann…
Daraufhin faltete er das Buchzeichen zurück,
mit der genauen Linie im Blick…
Es war ihm äußerst wichtig, sich nicht zu
verraten, um ihr damit nicht seelisch zu schaden.
Es ging hier um Tod, Trauer und Vermissen
- und sein kurzes Eintauchen hat selbst ihn
umgerissen…
***
Besser ist es mir nicht gelungen, aber ich hoffe,
ich habe nicht umsonst gerungen.
Viele liebe Grüße von mir zu dir
- Renate
Renate Tank29.08.2026
Liebe Renate,
dass du dreimal innehalten musstest, ist vielleicht gar nicht so schlimm. Manche Texte möchten nicht nur überflogen, sondern ein wenig befragt werden.
Das Eselsohr ist dabei weniger eine Angewohnheit als eine Spur. Sie hat eine Seite gekennzeichnet, auf der Tod, Trauer und Vermissen zur Sprache kommen. Er wiederum kann der Versuchung nicht widerstehen, diese Spur zu verfolgen. Sein Glätten ist Fürsorge und Grenzüberschreitung zugleich: Er möchte Ordnung schaffen – und dringt dabei in etwas ein, das sie ihm nicht anvertraut hat.
Nachdem ihn das Gelesene selbst erschüttert, faltet er das Zeichen sorgfältig zurück. Nicht um ihr „seelisch nicht zu schaden“, sondern weil sie nicht erfahren soll, dass er einen verborgenen Raum betreten hat.
Vielleicht liegt das eigentliche Spannungsfeld also gar nicht zwischen Buch und Fingernagel, sondern zwischen Nähe und Neugier, Anteilnahme und Kontrolle.
Und vielleicht durfte der Text deshalb auch nicht glatter sein als jene Seite 85.
Herzlichst
Chandrika
Chandrika Wolkenstein29.08.2026
Sehr zart und eindrucksvoll! LG von Leonhard
Leonhard Ried29.08.2026
Ein toller Text ! Leserin und Leser sind aufgefordert, der Gedankenspur der Dichterin nachzugehen, um etwas daraus lernen zu können. Chapeau !!!
HG Olaf
tryggvason30.08.2026