Rolph David

Der Mann, der die Welt umbenennt

Er setzt den Stift an
und streicht die Welt durch.
Ein Golf genügt ihm nicht.
Ein Berg genügt ihm nicht.
Ein See, geteilt
von zwei Ländern,
genügt ihm nicht.
America!

Er schreibt es hin,
als hätte die Welt
auf seinen 
Permanentmarker Sharpie 
gewartet:
Ontario.
Ein Name, älter als sein Staat,
aus einer Sprache,
die schon von diesem Wasser sprach,
bevor Amerika
sich selbst Amerika nannte.
Doch was sind Jahrhunderte
gegen einen Präsidenten,
der glaubt,
ein Erlass könne Geschichte löschen?

Er nimmt einen See,
der nicht ihm gehört,
und gibt ihm seinen Namen.
Er nimmt eine Meerenge,
die keine Grenze seines Egos kennt,
und denkt darüber nach,
auch ihr seinen Stempel aufzudrücken.

Und über dem Ozean
steht er bereits
mit ausgestrecktem Finger:
Welcher soll es sein:
der Atlantik? 
Oder lieber der
Pazifik?
Warum nicht beide?

Denn Grenzen sind für andere,
Verträge für andere,
Völkerrecht für andere.
Für ihn genügt ein Federstrich.
Er verwechselt
Macht mit Recht,
Lautstärke mit Größe,
Provokation mit Politik
und seinen Willen
mit der Wirklichkeit.
Doch der See
fragt nicht, wie er heißt.
Das Wasser kennt
keinen Präsidenten.
Die Wellen erkennen
keinen Erlass.
Und jenseits der Grenze
schreibt Kanada
weiterhin:
Ontario.
So steht schließlich
ein Mann am Ufer
und benennt das Wasser –
doch das Wasser
benennt ihn zurück:
klein.
Nicht weil er
keine Macht besitzt,
sondern weil er glaubt,
Macht müsse bedeuten,
dass die Welt
seinen Namen trägt.
Ein Mann,
der alles benennen will,
weil er nichts
wirklich besitzen kann.

Und während er
den nächsten Atlas aufschlägt,
wartet die Welt
mit einer einfachen Antwort:
Du kannst deine Karte ändern,
nicht aber die Welt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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